Flitterwochen an der Costa Blanca

Die Ankunft von Sebastian Polter im Trainingslager des 1. FC Union ist geprägt vom Glücksgefühl des Sichwiederhabens

Markus Lotter
5 Min
Strand statt Schnee: Sebastian Polter beim lockeren Lauf mit Assistenztrainer Henrik Pedersen.

Strand statt Schnee: Sebastian Polter beim lockeren Lauf mit Assistenztrainer Henrik Pedersen.

© Matthias Koch

Nichts ist da gespielt oder einem Opportunismus geschuldet, wenn Polter mit Mitarbeitern oder Fans des Berliner Zweitligisten zusammenkommt; alles ist echt. Am Mittwochabend zum Beispiel, am Flughafen in Schönefeld war dem 25-jährigen Niedersachsen wirklich nichts zu viel. Draußen fegte ein Schneesturm über das Flugfeld hinweg, drinnen, vor dem Flugsteig Nummer 15, ließ Polter unentwegt Nähe zu. Handschlag auf Handschlag, Selfie auf Selfie, Plausch auf Plausch, knapp zwei Stunden ging das so, weil sich der Abflug nach Südspanien aufgrund der Wetterlage verzögerte, doch Polter flüchtete sich nicht ein Mal ins Private, zückte keinen Kopfhörer, ließ sein Mobiltelefon stecken. Er war mittendrin, freiwillig, und die zwei Dutzend Union-Fans einfach nur begeistert. „Willkommen zu Hause“, schmetterte ihm einer mit Klubjacke entgegen. Und Polter nickte. Es sei einfach eine Frage, wie man so etwas aufnehme, wird Polter später sagen: „Ich bin eben ein Mensch, der sich mit anderen Menschen gern unterhält, der die Kommunikation sucht und nicht meidet. Ich bin da völlig unverkrampft.“ Und: „Ich weiß, dass das etwas ganz Besonderes ist.“

Das Glück des Sichwiederhabens war auch am Donnerstag allgegenwärtig. Bei der ersten Trainingseinheit mit dem Team, am Vormittag, einem lockeren Strandlauf mit ein bisschen Gymnastik im Anschluss, ja, sogar bei der anschließenden Presserunde. Man weiß ihn zu schätzen, den Mann, der in der Saison 2014/15 mit 14 Toren, vor allen Dingen aber mit seiner Art die Kurve, aber eben auch die Haupttribüne samt Medienecke für sich gewinnen konnte. Grundsätzlich habe er sich nicht verändert, sagt er im Schatten einer Hotelpalme, immer noch offen, immer noch geradeaus, nur reifer sei er durch seine eineinhalb Jahre in England geworden und „weiser“. Und das hat bei ihm offensichtlich zu allerlei Erkenntnissen geführt. Erstens: „Manchmal gibt es im Leben einen Zeitpunkt, an dem man unbedingt an einem Ort sein muss.“ Zweitens: „Und manchmal kommt man an einen Punkt, an dem man einen Traum nicht weiterleben kann und fürs Erste beiseitelegen muss.“


Ärztliches Bulletin

Abreise: Die verletzten Union-Spieler Benjamin Kessel und Fabian Schönheim reisen am heutigen Donnerstag aus dem Trainingslager aus Oliva Nova in Spanien zurück nach Berlin. Kessel erlitt am Mittwoch im Trainingsspiel gegen den 1. FC Heidenheim (0:3) eine Oberschenkel-Blessur.

Adduktoren: Schönheim verletzte sich an den Adduktoren. Die genaue Diagnose soll in Berlin nach eingehenden Untersuchungen gestellt werden, teilten die Verantwortlichen des 1. FC Union am Donnerstag in Oliva Nova mit. Das Trainingslager des Berliner Fußball-Zweitligisten endet am 18. Januar.

Anreise: „Bei Kessel haben wir die Hoffnung, dass er vielleicht noch zurückkehren kann“, sagte Union-Trainer Jens Keller. Der rechte Verteidiger Kessel, 2015 aus Braunschweig gekommen, hatte sich im August schon mehrere Frakturen im Bereich der rechten Fußwurzelknochen zugezogen.


Klingt kompliziert, ist aber einfach. Weil die Perspektive bei den Queens Park Rangers nach einem Trainerwechsel eher düster war, erschien ihm aus sportlicher Sicht eine Rückkehr an die Alte Försterei am sinnvollsten. Union sei halt eine „Unit“, eine Einheit, in der alle zusammenhalten würden. Zu viel „Auf und Abs“ habe er bei QPR durchgemacht, er brauche eine „Basis“, um kontinuierlich arbeiten zu können. Und genau an diesem Punkt im Fußballerleben habe es keine Alternative zu Union gegeben. „Ich hätte auch in die Bundesliga gehen können, zu Darmstadt oder Ingolstadt. Aber ich hab mich nicht mal auf Gespräche eingelassen. Denn für mich war klar: wenn zurück nach Deutschland, dann nur zu Union. Hier weiß ich, dass ich eine Familie, ja eine ganze Region hinter mir haben werde, bis zum letzten Tag, an dem man vielleicht dann doch einmal Tschüss sagen muss.“

Für den Moment gilt Folgendes festzuhalten: die Ablösesumme ist mit kolportierten 1,6 Millionen Euro für die Köpenicker eine Rekordablösesumme; der Vertrag läuft bis 2020, wobei davon auszugehen ist, dass auch der durchweg Rekordverdächtiges beinhaltet. Polter sagt: „Union hat sich finanziell soweit gestreckt, dass ich das wirklich zu schätzen weiß. Ich kann da nur Danke sagen und möchte das auf und neben dem Platz zurückgeben. Ich möchte den Verein voranbringen, mit meinen Leistungen, aber auch mit meiner Persönlichkeit.“

Auch dass sich das mit dem richtigen Zeitpunkt und dem richtigen Ort nicht nur auf seine berufliche, sondern auch auf seine private Situation anwenden lässt, will er letztlich nicht verschweigen. Er will es aber auch nicht als Schlagzeilenthema sehen; die Trennung von seiner Frau und den Wunsch, seinen beiden Kindern, die künftig in Wolfsburg leben werden, möglichst nahe zu sein. Das gilt es zu respektieren.

Die Sache mit Polter hat übrigens noch einen, für die Personalplanung der Eisernen nicht ganz unwesentlichen Nebeneffekt. Mit seiner Heimkehr verflüchtigt sich auch die Angst, dass Toni Leistner es seinem Kumpel gleichtut und auf die Insel wechselt. Von Freund zu Freund, von Zimmergenosse zu Zimmergenosse, von Bräutigam (Leistner) zu Trauzeuge (Polter). „Ich weiß, was ich meinem Kumpel zu sagen habe, damit er bei Union bleibt“, sagt Polter. Vielleicht aber muss er in diesem Fall gar nichts sagen.

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