In der kleinen Disco-Bar Famous Place in Lome, der Hauptstadt der westafrikanischen Republik Togo, sitzen junge Frauen und Männer auf Kunststoff-Sitzbänken. Die meisten Gäste sind Ende 20, so wie der kahl rasierte DJ, der vom Laptop Afro-Pop auflegt. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „We gonna get a bigger boat“ – wir werden ein größeres Boot kriegen. Die Gäste trinken World Cola einer örtlichen Limonadenfabrik. Deren Geschmack erinnert an die Club-Cola in der DDR vom VEB Getränkekombinat Berlin. Und wie in der DDR wollen viele junge Leute fort.
Togo ist ein Land junger Leute. Das Durchschnittsalter liegt bei 19 Jahren. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 45 Jahre. „Wegzufahren, notfalls auch mit einem Boot, das ist ein großes Thema“, sagt die Diskobesucherin Beraka (27). Die Flucht mit Booten über das Meer sei zwar lebensgefährlich, aber habe in vielen Fällen funktioniert, sagt sie. Eine andere Variante sei, einen Europäer zu heiraten, bekennt Beraka lächelnd. Sie fügt hinzu, in Lome gäbe es leider nur wenige unverheiratete EU-Bürger. Warum sie fort will? „Hier haben wir keine Chance“, sagt die junge Frau, die noch bei ihren Eltern wohnt. Sie fühlt sich wie viele ihres Alters als Teil einer verlorenen Generation.
Die Kosmetikerin verdient im Monat nach eigenen Worten 40.000 CFA-Franc. Das klingt nach viel, doch das sind umgerechnet nur rund 60 Euro. Der CFA, gedruckt in Frankreich, ist die Währung in Togo und 13 weiteren afrikanischen Ländern, darunter Senegal, Mali und Niger. Eingeführt hatte ihn die französische Kolonialmacht 1945. Auch nach der Unabhängigkeit blieb der CFA die Währung der Republik Togo. Doch er dient vor allem den Interessen Frankreichs. Der CFA ist nur eingeschränkt konvertierbar, unter Aufsicht und Genehmigung der Banque de France.
„Das Kapital ist schlauer/Geld ist die Mauer“
Der CFA ist ein Teil des Problems, das junge Afrikaner auch in Togo „Neokolonialismus“ nennen. Die abgegriffenen Scheine gehören zu den Schattenseiten des sonnigen Küstenlandes. Denn auch 61 Jahre nach der Unabhängigkeit haben die an den CFA gebundenen Länder keinen Zugriff auf einen Großteil ihrer Währungsreserven. Die CFA-Länder müssen 65 Prozent ihrer Währungsreserven hinterlegen bei der Agence France Trésor. Die 2001 gegründete Einrichtung in Paris untersteht dem französischen Wirtschafts-, Finanz- und Industrieministerium. Der CFA als faktische Binnenwährung am Gängelband der französischen Nationalbank sichert Frankreich die Versorgung mit billigen Rohstoffen, in Togo vor allem mit Phosphaten, in Niger mit Uran. Für die Togolesen bedeutet dies chronische Geldknappheit, hohe Zinssätze und Kapitalflucht der schmalen Oberschicht. In der Folge fehlen Mittel für das ärmliche Bildungs- und Gesundheitswesen.
Eine Frau unweit des Freihafens in Lome
© imago/Ute Grabowsky
Beraka hat, wie fast alle Bürger Togos, keine Krankenversicherung. Wer erkrankt etwa, was häufig vorkommt, an Malaria, wird von Ärzten nur gegen Bares behandelt. Restaurantbesuche kann sich Beraka von ihrem Gehalt nicht leisten, wie die Mehrheit der Bürger. Reisen selbst in Nachbarländer wie Ghana oder Benin hat sie nie gemacht. Die Republik Togo lässt ihre Bürger zwar ausreisen, aber der Geldmangel der Bürger ist eine unsichtbare Schranke für den Reiseverkehr. „Das Kapital ist schlauer/Geld ist die Mauer“, schrieb der Dramatiker Heiner Müller im Januar 1990, wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer in einem Gastbeitrag in Neues Deutschland.
Diese These lässt sich dreieinhalb Jahrzehnte später in der einstigen deutschen Kolonie Togo täglich überprüfen.
Eine Schule in Lome
© imago/Pascal Deloche
Menschen mit Hochschulausbildung haben kaum mehr Chancen
Emmanuel* (37) spricht deutsch wie jemand, der schon einige Jahre in Deutschland lebt. Aber er hat deutschen Boden nie betreten. Emmanuel hat an der Germanistik-Fakultät der Universität in Lome studiert. Doch auch Kenntnisse klassischer deutscher Literatur halfen ihm beruflich nicht. Er will einen Deutsch-Test der Stufe B2 machen, um sich für eine Arbeit in Deutschland zu bewerben. Aber auch dafür reicht sein Geld nicht.
Denn statt als Übersetzer oder Dolmetscher arbeitet er wie viele Hochschulabsolventen im Straßenbau. Bei 30 Grad im Schatten und Tropensonne walzt er stinkenden Teer auf der Küstenautobahn, die von Lome ins Nachbarland Benin führt. Die Straßen baut ein chinesisches Unternehmen. Die Arbeiter haben keine Arbeitsverträge, sie können jederzeit entlassen werden. Der in bar ausgezahlte Monatslohn liegt bei umgerechnet 60 Euro. Emmanuel, Vater zweier kleiner Töchter, wohnt zur Miete. „Sparen kann ich gar nichts“, sagt er resigniert.
Über einer der Bretterbuden weht eine deutsche Flagge als Sehnsuchtssymbol
Wie ihm geht es einem Großteil der rund neun Millionen Bewohner des Landes. Dabei gehört er noch nicht einmal zu den Ärmsten in der togolesischen Hauptstadt. Denn er lebt in einer Wohnung mit fließendem Wasser und Strom. Für die Bewohner eines Bidonville, eines Armenviertels, am Atlantikstrand östlich des Hafens gilt das nicht. Dort leben Tausende in Holzhütten, gegen Regen notdürftig mit Plastikplanen abgedichtet. Ohne Strom, Wasser und WC kippen die Bewohner des Viertels abends ihre Ausscheidungen aus Plastikschüsseln ins Meer. Auch hier beherrscht der Gedanke an Flucht die Gespräche junger Leute. Über einer der Bretterbuden weht eine deutsche Flagge als Sehnsuchtssymbol.
Frauen auf dem Gemüsemarkt von Lome
© imago/Ute Grabowsky
Wer sich selbstständig machen wolle, sagt Emmanuel, stoße als Normalbürger auf unüberwindliche Hürden. „Mithilfe guter Freunde im Regierungsapparat, die ein Schmiergeld verlangen, kann eine Apotheke oder eine Tankstelle eröffnen“, so sein Fazit. Wer Regierungsmitglieder gut kenne, so Emmanuel, könne es sogar zum Besitzer einer Brauerei bringen. Oder er könne an den Einnahmen des Hafens in Lome partizipieren, des größten Containerhafens in Westafrika. Vor dem Freihafen von Lome steht ein großes Propagandaplakat mit der Aufschrift „Alle gegen die Korruption im Freihafen“. Die Losung entlockt Emmanuel nur ein kurzes verächtliches Lachen. Diese Propaganda sei eine Reaktion auf die massive Kritik an der allzu augenfälligen Korruption im Hafen, sagt er.
Afrikanische und europäische Medien, von Libération bis Deutsche Welle, hatten in den letzten Jahren immer wieder über korrupte Praktiken von Zollmitarbeitern im Hafen Lome berichtet. Zwar seien die Gehälter der Zollmitarbeiter erhöht worden, aber in Togo fehle es an einer verlässlichen unabhängigen Justiz, die Korruption effektiv bekämpfen könne, sagt der togolesische Politologe Madji Diabakate im Gespräch.
„Söldner für die Franzosen“
Die tieferen Ursachen für die weit verbreitete Korruption, die bis zum Verkauf von Führerscheinen für Motorräder für 100 Euro reicht, ist die jahrzehntelange Herrschaft eines Familienclans. Gnassingbe Eyadema, erfolgreicher Ringkämpfer aus einer bildungsfernen Familie, war im März 1967 durch einen Putsch an die Macht gekommen und hatte sich einen Monat später selbst zum Präsidenten ernannt. Das Amt übte er, unterbrochen von einer durch einen Putsch bedingten zweijährigen Pause aus bis zu seinem Tod im Februar 2005. Oppositionspolitiker trieb er im Laufe seiner 38 Jahre währenden Herrschaft ins Exil und große Teile der Bevölkerung zur Verzweiflung. Als ihn ein Herzinfarkt dahinraffte, war er der dienstälteste Staatschef Afrikas. Zum Nachfolger wurde sein Sohn ausgerufen, Faure Gnassingbe, der seither die Geschicke Togos leitet.
Katar akzeptiert Tote am Bau, wir akzeptieren Tote im Meer
Dass der Familienclan mehr als 50 Jahre an der Macht bleiben konnte, lag am Interesse Frankreichs. Langzeitpräsident Eyadema, nach dem der Flughafen der Hauptstadt benannt ist, war den Franzosen schon in jungen Jahren zu Diensten, im Krieg in Indochina und in Algerien. Er selbst beschrieb seine Rolle später als die eines „Söldners für die Franzosen“. Das blieb er dem Wesen nach auch als Staatschef. Welchen Vorteil Frankreich aus dem Regime Eyademas zog, bekannte der damalige Präsident Jacques Chirac in einem Nachruf auf den togolesischen Machthaber 2005. „Mit ihm stirbt ein Freund Frankreichs, der für mich ein persönlicher Freund war.“
Nach Präsidentenwahlen 2005, 2015 und 2020, nach denen sich der Diktatorensohn Faure als Amtsinhaber zum Sieger erklären ließ, kam es immer wieder zu Protesten der Opposition. Die sprach von Wahlbetrug. Bei einer Protestkundgebung nach den Präsidentenwahlen in der Ortschaft Glei 160 Kilometer nördlich der Hauptstadt schossen im Mai 2015 Soldaten auf Demonstranten, mindestens 30 Menschen wurden verletzt. Noch brutaler schlugen die Sicherheitskräfte im November 2015 in der Stadt Sansanne-Mango im Norden Togos zu. Uniformierte erschossen bei einer Kundgebung sieben Menschen und verletzten 117 weitere, auch Kinder und schwangere Frauen. Amnesty International wirft dem Regime vor, es habe Gefangene im Polizeigewahrsam gefoltert, um Geständnisse zu erpressen.
Viele Togolesen schauen mit Hoffnung auf Mali
Die Gewaltexzesse des Jahres 2015 haben die Gesellschaft in Togo bis heute traumatisiert. „Kaum jemand glaubt seither mehr daran, durch Proteste etwas verändern zu können,“ sagt Emmanuel. Daher sei der Wunsch, das Land zu verlassen, seither gewachsen. Europäische Migrationsforscher und eine neue Analyse des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen (UNCHR), „Sahel Predictive Analytics Report“, vertreten die These, der Klimawandel verstärke die Fluchtursachen. Dies trifft in der Sahelzone zu, darunter auch in den Nachbarländern Burkina Faso, Mali und Niger.
In Togo und den benachbarten bevölkerungsreichen Gebieten der westafrikanischen Küste regnet es aber häufig auch noch in der Trockenzeit, die von November bis März andauert. Dort ist deswegen das sozioökonomische und politische Klima die Triebfeder der Flucht Nummer eins.
Auch wenn es paradox klingen mag: Derzeit schauen viele junge Togolesen mit Hoffnung auf den verarmten Wüstenstaat Mali. Dessen Staatschef Oberst Assimi Goita gilt in weiten Teilen Westafrikas, auch in Togo, inzwischen als Hoffnungsträger. An die Macht gekommen durch einen Putsch im August 2020, provozierte Goita den Abzug der französischen Militärs aus seinem Land. Für große Resonanz auch in Togo sorgte Ende September ein Auftritt des malischen Premierministers Oberst Abdulaye Maiga vor den Vereinten Nationen.
Junge Männer spielen am Strand von Lome Fußball.
© imago/Le Pictorium
„Die Russen können uns helfen, die Franzosen loszuwerden“
Darin warf der Regierungschef von Mali Frankreich „Politik der Dominanz“ und den „Raub der Rohstoffe“ vor. Den französischen Politikern versprach er, sie würden es „mit Millionen von ‚Assimi Goitas‘ zu tun bekommen“. Diese Millionen Afrikaner würden „ihre Ehre, ihre Würde und ihre vitalen Interessen verteidigen“.
Die neue Regierung in Mali setzt auf ein Bündnis mit Russland. Staatschef Goita telefoniert immer wieder mit Kremlchef Wladimir Putin, der ihn bereits nach Russland eingeladen hat. Und so, als lerne sie Innenpolitik beim Kreml, hat die Regierung von Mali im November die Tätigkeit französischer NGOs verboten. Emmanuel jedoch teilt die Auftritte der neuen Führer von Mali begeistert mit Freunden in den sozialen Netzen. Unterstützung der Ukraine ist für ihn und seine Freunde kein Thema. Er denkt, „dass uns die Russen helfen können, die Franzosen loszuwerden“. Daher sei „ihr Sieg auch unser Sieg“, sagt Emmanuel mit entschlossenem Blick. Auf die Website von Radio France International reagiert er mit einem sarkastischen Lächeln. Seine Augen leuchten hingegen, wenn er in seinem iPhone den panafrikanischen Kanal Afrique Media aus Kamerun anklickt. In diesem Privatkanal gibt es viel O-Töne für Putin und null Sympathie für die Politik des Westens. Dort gilt die Logik: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Der Kanal zählt zu den Meinungsführern im jungen frankophonen Afrika.
Arbeiter während einer Pause
© imago/Ute Grabowsky
Selbst die martialische russische Söldner-Truppe Wagner schreckt Emmanuel und viele andere junge Togolesen nicht. „Alles, was uns hilft, die Macht der Franzosen und ihrer Statthalter zu überwinden, ist gut“, urteilt er. Dass im Nachbarland Burkina Faso im Oktober der 34-jährige Hauptmann Ibrahim Traore putschte und sich von jungen Landsleuten feiern ließ, die russische Fahnen trugen, sieht Emmanuel als Zeichen des Aufbruchs junger Völker. Noch verhindere die Staatssicherheit Togos, dass dieses Beispiel in Lome Schule mache. „Aber das muss nicht so bleiben,“ sagt Emmanuel. Hoffnungen auf Veränderung setzt er wie viele junge Togolesen nicht auf einen Wandel durch Wahlen, sondern auf einen Coup junger Offiziere.
*Name auf Bitte der Person geändert
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