Flucht vor dem Fluglärm - Blankenfeldes Gemeindevertreter wollen den Ort umsiedeln lassen

"Wenn der Großflughafen kommt, gehen wir"

Susanne Wündisch
4 Min

Das Haus von Regina und Holger Neike liegt in der Siedlung von Blankenfelde (Teltow-Fläming). Im Garten spielt die dreijährige Tochter Lina. "Meine Uroma hat schon hier gewohnt und meine Eltern auch", sagt Regina Neike. "Wir sind vor vier Jahren extra rausgezogen, weil es hier viel Ruhe und Spielstraßen gibt." Doch wenn der Flughafen in Schönefeld wirklich zum Großflughafen ausgebaut wird, hält es hier doch kein Mensch mehr aus, sagt die 28-Jährige. Das Haus der jungen Familie würde in dem Fall nur zwei Kilometer von der neuen Landebahn entfernt liegen. Schon heute fliegen die Maschinen, die Schönefeld ansteuern oder von dort abfliegen, in 200 Meter Höhe über das Haus der Neikes. 3 000 neue Einwohner"Der Fluglärm stört gewaltig", sagt auch Holger Neike. "Dass Ferien sind, merken wir immer daran, dass es lauter wird über unserem Haus, weil mehr Maschinen starten und landen." Vor allem wegen ihrer dreijährigen Tochter Lina machen sich die Neikes Sorgen. "Die ganzen Schadstoffe in der Luft und im Boden sind ja gerade für kleine Kinder gefährlich", sagt Regina Neike. "Unsere Äpfel und Möhren im Garten, das alles könnten wir dann, bei einem Ausbau von Schönefeld, nicht mehr essen."Neikes gehören zu den 3 000 Blankenfelder Einwohnern, die nach 1994 zugezogen sind. In dem Jahr wurde das Raumordnungsverfahren für den künftigen Großflughafen abgeschlossen. Schönefeld schien aus dem Rennen. Doch schon zwei Jahre später einigten sich die Länderchefs von Berlin, Brandenburg sowie der Bund auf den Standort südlich Berlins.Seidem fürchten die Menschen in Blankenfelde einen Wertverfall ihrer Grundstücke und Häuser. "Wenn der Großflughafen kommt, werden wir gehen", sagt Bürgermeister Bernd Habermann (SPD). So habe es jetzt der Gemeinderat beschlossen. "Alle 10 000 Menschen, die hier wohnen, sollen im Falle des Ausbaus umgesiedelt werden." Mit dem Großflughafen werde das Leben in Blankenfelde unerträglich. "Alle 90 Sekunden würde in 150 Meter Höhe ein Jet über unsere Köpfe hinwegfliegen", sagt das 61-jährige Gemeindeoberhaupt Habermann. Er schätzt, dass die Umsiedlung Blankenfeldes zehn bis 12 Milliarden Mark kosten würde - fast doppelt so viel wie der Ausbau von Schönefeld. "Mit dieser Summe liege ich aber noch an der untersten Grenze", sagt der Bürgermeister. Er hoffe, durch diesen Gemeindebeschluss die Landesregierung noch einmal zum Nachdenken bewegen zu könnenDarauf bauen auch viele Bewohner Blankenfeldes. Ab Anfang Mai können sie persönliche Einwände gegen das Projekt vorbringen. Dann nämlich werden die insgesamt 7 000 Seiten des Planfeststellungsantrages für vier Wochen in den Gemeinden der betroffenen Region ausliegen. Es wird mit rund 10 000 Einsprüchen gerechnet. In einer dann folgenden Anhörung werden die Interessen der Investoren und die der Betroffenen gegeneinander abgewogen. Bis zum Jahr 2001 soll die Entscheidung über den Großflughafen "Berlin Brandenburg International" gefallen sein. "Die werden sich doch vor Klagen der Bewohner nicht retten können", ist sich der 30-jährige Familienvater Holger Neike sicher. "Das mit der Umsiedlung hat der Bürgermeister natürlich nicht ernst gemeint", sagt Andreas Kaehler, der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Blankenfelde. Die Leute verstünden nicht, was Habermann wirklich damit bezwecke. "Es ist doch offensichtlich, dass der Großflughafen überhaupt nicht ausbaufähig ist. Über kurz oder lang müssten die umliegenden Dörfer alle umgesiedelt werden", sagt der 36-jährige Geistliche. Der Umzug der Gemeinde Diepensee, die direkt an den geplanten Großflughafen angrenzen würde, ist bereits beschlossen. "Eigentlich möchte Herr Habermann doch nur aufzeigen, wie absurd die Planung ist", sagt Pfarrer Kaehler. Schon jetzt SchlafstörungenIn den Gemeindeveranstaltungen wird das Flughafenprojekt immer wieder zur Sprache gebracht. "Inzwischen sind wir alle Experten, was den Großflughafen angeht", sagt Kaehler. Viele Blankenfelder Einwohner würden schon jetzt wegen des Fluglärms über dem Ort unter Schlafstörungen leiden. Auch wegen der Beschäftigungssituation macht sich Pfarrer Kaehler Sorgen. "Dass mit dem Großflughafen Arbeitsplätze geschaffen werden, halte ich für Unsinn", sagt er. "Erstens käme doch das ganze Personal von den Flughäfen, die in Berlin geschlossen würden. Zweitens zeigt die Erfahrung mit anderen Großprojekten in der Umgebung, dass selten die Arbeitskräfte vor Ort genutzt werden."BLANKENFELDE Baustopp nach Zuschlag für Schönefeld // Nach dem Raumordnungsverfahren 1994 fällt Schönefeld aus dem Kreis für den Großflughafen. 3 000 neue Bewohner ziehen nach Blankenfelde.Zwei Jahre später sprechen sich Berlin, Brandenburg und der Bund für Schönefeld aus: Baustopp in Blankenfelde.Weitere Infos im Internet unter home. t- line. de/home/03379374065-0001/flughaf. htm

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