Flüchtlinge auf dem Berliner Jobmarkt

„Asylbewerber und Berliner Arbeitslose werden gleich behandelt“

Tausende Flüchtlinge kommen nach Berlin und wollen hier auch arbeiten. Das hat auch Wirkungen auf den Berliner Arbeitsmarkt. Wie genau diese aussehen können und wie die Arbeitsagenturen reagieren, erläutert deren Chefin Jutta Cordt im Interview.

Jochen Knoblach und Matthias Loke
5 Min
Handwerksbetriebe haben eine große Nachfrage nach neuen Arbeitskräften.

Handwerksbetriebe haben eine große Nachfrage nach neuen Arbeitskräften.

© dpa/Felix Kästle Lizenz

Frau Cordt, in Anlehnung an das Kanzlerin-Wort: Glauben Sie auch, wir schaffen das?

Als Arbeitsverwaltung haben wir gar keine Wahl. Wir müssen das schaffen. Die Menschen sind hier im Land, und sie sollen möglichst schnell integriert werden.

Ohne Unterschied?

Natürlich. Jeder Einzelne ist Kunde bei unseren Job-Centern und den Arbeitsagenturen. Also müssen wir diese Menschen wie jeden anderen Arbeitssuchenden ordentlich betreuen. Und das tun wir.

Wann werden sich Asylbewerber und Flüchtlinge in größerem Maß um Arbeit in Berlin bewerben?

Das ist derzeit nicht genau zu sagen, weil es bei der Vielzahl der Flüchtlinge Bearbeitungsstaus in den verschiedenen Einrichtungen gibt. Ich rechne damit, dass wir im Frühjahr eine erste große Welle in den Job-Centern haben werden.

Konjunkturell gesehen eine gute Zeit für Arbeitssuchende.

Die Situation in Berlin ist ja generell nicht schlecht. Die Wirtschaft wächst, und die Zahl der Beschäftigten steigt, und das schon über einen längeren Zeitraum. Aber dennoch werden wir wahrscheinlich nicht viele Menschen direkt in neue Jobs vermitteln können.

Wegen ihrer Qualifikation?

Ja. Nach den bisherigen Erkenntnissen müssen wir davon ausgehen, dass rund 80 Prozent der Menschen keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Bei den Menschen aus Syrien haben etwa zehn Prozent eine akademische Ausbildung.

Was folgt daraus?

Wir müssen bei denen, die nicht sofort in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können, vorhandene Kenntnisse feststellen, sie in Sprachkurse und vor allem die Jüngeren, also bis 30 etwa, in eine Ausbildung schicken.

Wie stellen Ihre Mitarbeiter fest, wer welche Qualifikation hat?

Danach wird bereits im ersten Gespräch gefragt. Dokumente über eine Ausbildung haben aus verständlichen Gründen die wenigsten. Wenn jemand studiert hat, kann man vielleicht über seine Uni mehr erfahren. Wenn jemand angibt, als Automechaniker gearbeitet zu haben, versuchen wir zusammen mit einer Werkstatt herauszufinden, was derjenige kann. Zum Beispiel im Rahmen eines Praktikums.

Sind solche Praktika nur für Flüchtlinge gedacht?

Grundsätzlich gilt bei uns in der Arbeitsverwaltung: Alle werden gleich behandelt. Egal, ob Asylbewerber oder Berliner Arbeitsloser. Das Instrumentarium ist für alle gleich. Wir schauen: Was braucht der Kunde, was kann er, was kann er nicht – und daraus leiten wir die Maßnahmen ab. Speziell für Menschen mit Fluchthintergrund gibt es Sprachkurse. Im November und Dezember werden wir 5000 Kurse anbieten.

Wie viel Geld müssen Sie im nächsten Jahr mehr ausgeben?

Das hängt davon ab, wie viele Menschen wirklich in Berlin bleiben oder aus anderen Regionen nach Berlin kommen, weil sie hier Bekannte haben oder sich größere Chancen auf Arbeit erhoffen. Der Bund will zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen.

Auch für Personal in der Arbeitsverwaltung?

Ja. Konkrete Zahlen gibt es noch nicht. Ich rechne damit, dass wir in Berlin-Brandenburg zusätzlich Personal im dreistelligen Bereich einstellen werden. Den größeren Teil der neuen Stellen wird es in den Job-Centern geben.

Müssen Sie dafür an anderer Stelle Mittel kürzen?

Nein, definitiv nicht.

In Berlin gibt es immer noch fast 190.000 Arbeitslose. Mancher empfindet die Flüchtlinge als zusätzliche Konkurrenz bei der Jobsuche.

Das ist so nicht der Fall. Es gilt zum einen immer noch die Vorrangprüfung. Bevor also ein Asylbewerber eingestellt werden kann, muss geprüft werden, ob die Stelle mit einem Arbeitslosen besetzt werden kann. Nur wenn das nicht der Fall ist, kommt ein Asylbewerber zum Zug. Es nimmt also kein Asylbewerber einem Einheimischen eine Stelle weg.

Die Lehrstellen reichen schon jetzt nicht für alle Jugendlichen.

Die Situation hier ist nach wie vor schwierig, auch wenn sie schon ein wenig besser geworden ist. Bis zu 1000 zusätzliche Ausbildungsstellen in den Betrieben haben die Unternehmen versprochen. Wir brauchen aber auch Praktika-Plätze. Da sind wir im Gespräch.

Was halten Sie von den Forderungen, für Asylbewerber den Mindestlohn zeitweise auszusetzen?

Nichts. Denn bei der Vorrangprüfung sind wir verpflichtet, auch zu prüfen, ob die Einstellung zu gleichen Arbeitsbedingungen wie für Einheimische geschieht – sprich Arbeitszeiten, Lohnniveau, soziale Leistungen. Ziel ist es gerade, hier keinen Verdrängungswettbewerb nach unten zuzulassen.

Ein Arbeitgeber kann also nicht darauf hoffen, besonders billige Arbeitskräfte zu bekommen?

Das ist auf legalem Wege ausgeschlossen.

In welchen Branchen gibt es in Berlin eine so große Nachfrage, dass auch Asylbewerber eine Chance haben?

Unter anderem im gesamten Dienstleistungs- und im Pflegebereich, aber auch in der Logistikbranche, bei Sicherheitsdiensten bis hin zu Krankenhäusern, die Ärzte suchen. Ebenso im Handwerk wird manches möglich sein. Oder im Tourismus: Wer in seinem Heimatland in einem Hotel gearbeitet hat und Englisch spricht, wird in Berlin leichter als andere etwas finden.

Wie hoch ist das Interesse der Arbeitgeber?

Sehr hoch. Wir haben viele Arbeitgeber, die ausdrücklich betonen, dass sie gern auch Flüchtlinge einstellen würden. Das Interesse nimmt eindeutig zu.

Werden die voraussichtlich vielen neuen Arbeitssuchenden die Arbeitslosigkeit in Berlin nach oben treiben?

Für Berlin erwarte ich nicht unbedingt einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, aber vielleicht eine Verlangsamung bei deren Abbau.

Obwohl mehrere Zehntausend Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen?

In Berlin läuft die Wirtschaft ziemlich gut. Daher werden hier ja auch neue Stellen entstehen.

Wäre es sogar möglich, dass die Arbeitslosenquote 2016 erstmals unter die Zehn-Prozent-Marke rutscht?

Da ist alles offen. Ich kann keine Prognose zur Arbeitslosenquote nennen. Wir richten unsere Arbeit nicht nach solchen Werten aus, sondern wollen möglichst viele Menschen wieder in Arbeit bringen beziehungsweise die Voraussetzungen dafür schaffen.

Unabhängig von irgendeiner Quote: Kann Berlin gewinnen?

Das hängt davon ab, wie wir es schaffen die Flüchtlinge zu integrieren. Das ist die Voraussetzung. Aber wir haben die Chance zu gewinnen.

Das Gespräch führten Jochen Knoblach und Matthias Loke.

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