Flüchtlinge in Berlin

Notunterkunft statt Sportunterricht

Unterkünfte für Flüchtlinge sind in Berlin Mangelware. Auf der Suche nach geeigneten Gebäuden greift der Senat auch immer wieder auf Sporthallen zurück. Dies hat Auswirkungen auf den Sportunterricht.

Martin Klesmann und Julia Haak
3 Min
Betten sind derzeit vielerorts in Sporthallen zu finden.

Betten sind derzeit vielerorts in Sporthallen zu finden.

© imago/Eibner Lizenz

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) greift zunehmend auf Schulsporthallen zurück, um kurzfristig Flüchtlinge unterzubringen. Völlig überraschend wurde am Montagnachmittag das Bezirksamt Neukölln aufgefordert, eine weitere Halle als Notunterkunft zur Verfügung zu stellen. Der Bezirk übergab daraufhin die Buckower Doppelstockhalle, die bisher vom Leonardo-da-Vinci-Gymnasium, der Heinrich-Mann-Sekundarschule sowie von Sportvereinen genutzt wird.

Bereits gegen 22 Uhr kamen dort syrische Flüchtlinge mit Bussen an und wurden mit Matten, Bettzeug und Essen versorgt. Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) reagierte empört. „Es ist eine absolut inakzeptable Situation, wenn Schul- und Vereinssport auf unabsehbare Zeit nicht stattfinden kann und Flüchtlinge aus der Not heraus unter derartigen Bedingungen untergebracht werden.“ Der Senat müsse endlich vorhandenen Wohnraum nutzbar machen.

ICC und ILA-Hallen im Visier

Tatsächlich wollte der Senat ursprünglich Schulsporthallen nicht als Unterkünfte heranziehen. Doch inzwischen sind Sporthallen von 20 Schulen belegt. Die meisten davon befinden sich in Steglitz-Zehlendorf, Neukölln und Pankow. Auch Mitte hat Turnhallen bereitgestellt, etwa die der Hedwig-Dohm-Sekundarschule. In der Regel findet der Sportunterricht in solchen Fällen in benachbarten Schulen statt. Das Ganze ist aber verbunden mit weiteren Wegen und Unterrichtsausfall.

Allein im Bezirk Pankow sind das Primo-Levi-Gymnasium sowie das Kollwitz- und das Schliemann-Gymnasium betroffen. Uwe Schramm, Schulleiter des Levi-Gymnasiums, will nun einen Protestbrief an die Bildungsverwaltung schreiben. Denn als die Flüchtlinge Ende September in der recht modernen Sporthalle der Schule untergebracht wurden, war ihm versichert worden, dass es sich nur um eine ein paar Wochen dauernde Übergangslösung handele. „Wer meldet sein Kind an einer Schule an, die keine reguläre Turnhalle bietet und die Lehrpläne nicht einhält?“, fragt er besorgt mit Blick auf die anstehenden Oberschulanmeldungen. Sportunterricht findet dort nun vor allem in bisher ungenutzten Hallen der Schule statt, die seit 1972 nicht mehr renoviert wurden. Die Sanitäranlagen sind marode, Turnunterricht nicht möglich. Etwa eine Sportstunde pro Klasse fällt wöchentlich aus.

Reduzierter Sportunterricht

Die Bildungsverwaltung ist alarmiert und ermittelt derzeit, wie viel Sportunterricht ausfällt. Die Verwaltung hat bereits die Devise ausgegeben, möglichst keine Angebote in der Oberstufe ausfallen zu lassen. „Diese sind für das Abitur zwingend notwendig.“ An weiteren Schulen aber ist der Sportunterricht bereits auf zwei statt drei Stunden pro Woche reduziert worden. Benotet werden kann Sportunterricht nur, wenn er mindestens sechs Wochen pro Schulhalbjahr regulär erteilt wird.

Da zurzeit etwa 600 bis 700 neue Flüchtlinge pro Tag in Berlin eintreffen, greift das Land immer öfter auf ursprünglich ausgeschlossene Gebäude zurück. So sollen zum Beispiel 1 000 Menschen im Internationalen Congress Centrum (ICC) unterkommen. Erwogen wird auch, die Hallen der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) in Schönefeld nach der Messe 2016 für Flüchtlinge zu nutzen. Fast bezugsfertig ist das Fanhaus des 1. FC Union in Köpenick. 120 Menschen sollen ab dem 16. November einziehen. Ursprünglich wollte der Verein das Gebäude seinen Unterstützern zur Verfügung stellen. Nun wird der Internationale Bund darin bis zum 30. April ein Notquartier betreiben.

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