Flüchtlingskrise in Berlin

Bezirke wollen nicht noch mehr Turnhallen für Flüchtlinge hergeben

120 Unterkünfte für Flüchtlinge gibt es in Berlin bereits, darunter rund 30 Sporthallen. Doch sie werden bald nicht mehr ausreichen. Der Senat stößt jetzt mit seiner dringenden Bitte um Nennung weiterer Unterbringungsmöglichkeiten bei fast allen Bezirken auf taube Ohren.

Elmar Schütze
3 Min
Feuerwehrleute und zivile Helfer errichten in einer Turnhalle in der Hausburgstraße in Friedrichshain eine Notunterkunft für Flüchtlinge.

Feuerwehrleute und zivile Helfer errichten in einer Turnhalle in der Hausburgstraße in Friedrichshain eine Notunterkunft für Flüchtlinge.

© imago/snapshot Lizenz

Das hat sich Dieter Glietsch sicher anders vorgestellt. Der Chef des Flüchtlingskrisenstabs ist mit seiner dringenden Bitte, je vier Sporthallen für eine mögliche Flüchtlingsunterkunft zu benennen, bei den meisten der zwölf Bezirken auf taube Ohren gestoßen. Die Flächen werden benötigt, weil die 120 Unterkünfte (darunter rund 30 Sporthallen) der Stadt schon bald nicht ausreichen werden. Dabei hat Berlin nach Senatsangaben allein dieses Jahr 35.000 Unterbringungsplätze geschaffen.

Dennoch steigt der Bedarf weiter. „Niemand hat vor, die dann fast 50 weiteren Hallen alle sofort zu Unterkünften auszubauen“, sagt Monika Hebbinghaus, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso). „Wir brauchen die Informationen aus den Bezirken als Back-up, damit alle mehr Planungsvorlauf haben.“ Bisher sei es oft so, dass dem Lageso morgens eine Halle genannt werde, und schon in der Nacht ziehen die ersten Flüchtlinge ein.

Unter Protest

Eine vergleichsweise positive Resonanz erhielt der Krisenstab aus Marzahn-Hellersdorf. Der Bezirk sagte am Donnerstag zu, vier Hallen zu nennen. Wenn auch zähneknirschend – und nur, um einer drohenden Beschlagnahme durch das Land zu entgehen, wie Bürgermeister Stefan Komoß betonte. An seiner prinzipiellen Haltung ändere das nichts, sagte der SPD-Politiker: „Ich halte die Belegung von Sporthallen für keine vertretbare Lösung. Sie kann nur im äußersten Notfall und zeitlich befristet erfolgen.“ Erstens verfügten Sporthallen zwar über Duschen, das mache sie aber keineswegs zu einer wirklich geeigneten Unterkunft für Hunderte Menschen. Außerdem würden die Hallen anders gebraucht. Mit einer Nutzung als Unterkunft riskiere man nicht nur die integrativen Fähigkeiten des Sports, sondern auch die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Viele Bezirke sehen das ähnlich. In Steglitz-Zehlendorf spricht man von Sporthallen als „allerletztem Schritt“. Dennoch sucht das Schulamt noch rasch drei Hallen, die dem Krisenstab gemeldet werden können. Lichtenbergs Bürgermeisterin Birgit Monteiro sagt, sie glaube nicht, „dass Herr Glietsch vier Hallen sucht, sondern Kapazitäten von vier Hallen – also 800 Plätze“. Deshalb biete sie keine Hallen an, sondern drei andere Immobilien, die nutzbar wären.

Mehr Platz in der Stasi-Zentrale

An der Konrad-Wolff-Straße am Sportforum Hohenschönhausen wird das frühere Sportlerwohnheim, in dem 135 Plätze zur Verfügung stehen, erweitert. Auch im Kultur- und Sozialzentrum Corvus-Haus an der Herzbergstraße soll mehr Platz geschaffen werden, gleiches gilt für die frühere Stasi-Zentrale an der Ruschestraße.

Andere Bezirke lehnten die Glietschs Bitte rundweg ab. Mitte, Spandau, Pankow und Reinickendorf nennen dem Senat keine Hallen. Viel sinnvoller sei es doch, „die Mercedes-Benz Arena oder das Velodrom zu nutzen“, sagt Mittes Bürgermeister Christian Hanke (SPD). Beide liegen nicht in Hankes Bezirk. Sehr wohl in Mitte, nämlich in Alt-Moabit, befindet sich das ehemalige Bundesinnenministerium. Für die mittlerweile leerstehende Immobilie bezahlt der Bund noch bis Sommer Miete. „Auch das würde sich anbieten“, sagt Hanke.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema