Auf einer Insel im Pazifik läuft ein Film. Das Publikum besteht aus einem einzigen Clownfisch, gut fingerlang. Auf dem Programm steht ein Horrorstreifen mit zwei Barrakudas, jeder von ihnen 1,15 Meter lang.
Der Fisch fällt darauf herein. Er erstarrt.
Der Versuch stammt von einem Team der University of Glasgow und der Forschungsstation Criobe auf Mo'orea in Französisch-Polynesien, veröffentlicht im Fachjournal Conservation Physiology.
Die Frage dahinter kennt jeder, der schon einmal in einer beleuchteten Hotelanlage am Meer übernachtet hat. Was macht dieses Licht mit den Tieren, die darunter aufwachsen?
Clownfisch im VR-Becken: So lief das Experiment
Das Versuchsbecken misst 50 mal 50 Zentimeter und ist innen mit einer Rückprojektionsfolie beklebt. Beamer werfen von außen eine 3D-Unterwasserwelt auf alle Wände und auf den Boden, der Wasserstand endet exakt an der Oberkante des Bildes.
Der Fisch sieht kein Labor, sondern ein Riff.
In der Mitte hängt eine 917 Milliliter kleine Atemkammer. Eine Sonde misst darin alle zwei Sekunden den Sauerstoffverbrauch und damit, wie hoch der Stoffwechsel des Tieres gerade läuft.
Eine halbe Stunde lang gab es nur Sandboden zu sehen. Dann kamen die Barrakudas.
Barrakuda aus dem 3D-Baukasten
Das Raubfischmodell hat das Team im Internet gekauft und mit der Gratis-Software Blender an die echte Art angepasst, Hellers Barrakuda (Sphyraena helleri). Gesteuert wurde die Szene mit der Unreal Engine, jener Software, mit der auch Videospiele gebaut werden.
Der Ablauf war für jeden Film-Barrakuda gleich: 20 Sekunden Anschwimmen, 50 Sekunden dicht an der Kammer vorbei, 20 Sekunden Abdrehen. Dreimal hintereinander.
Die Universität in Glasgow beschreibt den Aufbau als erste Verbindung von Atemmessung und immersiver VR-Plattform. Entwickelt wurde die Technik am Institut de Neurosciences de la Timone in Marseille.
Und die Clownfische glaubten es. Sie flohen oder verharrten regungslos, so wie es Jungfische auch vor einem echten Jäger tun.
Für die Forscher war das die Überraschung. Studienleiter Shaun Killen und Erstautorin Izzy Tiddy sagten dem Portal IFLScience, der Räuber sei nur eine Projektion gewesen, habe sich aber in realistischer Geschwindigkeit und Größe genähert.
Künstliches Licht bei Nacht: Die Vorgeschichte entschied alles
2023 hatte das Team zwei Monate alte Polynesische Clownfische, im Fachjargon Anemonenfische der Art Amphiprion maohiensis, in Seeanemonen vor Mo'orea gesetzt, verteilt auf mehrere Riffabschnitte.
Eine Gruppe wuchs in echter Dunkelheit auf. Nachts wurden dort Werte um 0,005 Lux gemessen.
Über der anderen Gruppe brannten Scheinwerfer, wie sie an bebauten Küsten üblich sind. Dort lagen die Nachtwerte im Schnitt zwischen 4 und 21 Lux. Zum Vergleich: Eine Vollmondnacht bringt es auf etwa 0,1 bis 0,3 Lux.
Ein Jahr später fingen die Forscher 17 dieser Fische wieder ein, acht aus der Dunkelheit, neun aus dem Lichtkegel, und schickten sie ins VR-Kino.
Stoffwechsel runter statt rauf: Warum das über Leben und Tod entscheidet
Die Fische aus der Dunkelheit reagierten wie aus dem Lehrbuch. Beim Anblick der Barrakudas sank ihr Sauerstoffverbrauch deutlich.
Das klingt unlogisch, ergibt aber Sinn. Clownfische haben keinen Fluchtweg ins offene Wasser. Sie drücken sich in ihre Anemone und machen sich unsichtbar, und wer sich nicht bewegt, verbraucht wenig Energie und fällt nicht auf.
Bei den Fischen aus dem beleuchteten Riff blieb dieses Herunterfahren aus. Ihr Stoffwechsel stieg stattdessen an.
Bemerkt hatten sie den Räuber also durchaus. Ihr Körper schaltete nur in den falschen Modus.
Wie fatal so ein Fehler sein kann, beschreiben die beiden Forscher drastisch: Im Riff reiche eine einzige falsche Reaktion auf einen Räuber oft aus, um gefressen zu werden.
Lichtverschmutzung am Riff: Was die Studie nicht zeigt
Die Datenbasis des Versuchsaufbaus ist freilich dünn. Acht gegen neun Tiere, und zwei davon waren ausgewachsene Fische aus einem dritten Riffabschnitt. Rechnet man sie heraus, bleibt die Richtung des Effekts gleich, die statistische Aussagekraft sinkt.
Eine Anemone stand in der Atemkammer nicht zur Verfügung, weil sich die Fische darin versteckt hätten und für die Kamera verschwunden wären. Ausgerechnet das Versteck, um das sich die ganze Überlebensstrategie dreht, fehlte im Versuch.
Auch das Verhalten ließ sich nur eingeschränkt auswerten, bei sechs Fischen reichte die Videoqualität nicht. Und dass beleuchtete Riffe tatsächlich mehr Clownfische das Leben kosten, hat bisher niemand gezeigt.
Künstliches Licht im Meer: Warum das Thema größer wird
Der Verdacht passt allerdings zu früheren Arbeiten derselben Forschungsgruppe. Clownfische, die dauerhaft unter künstlichem Licht leben, wachsen langsamer und überleben schlechter. Unter Beleuchtung tummeln sich nachts außerdem mehr Raubfische am Riff.
Kommt eine gestörte Schreckreaktion hinzu, treffen zwei Nachteile aufeinander: mehr Jäger und ein Beutefisch, dessen Instinkt nicht mehr zuverlässig anspringt.
Weltweit schrumpft die Zahl der Orte, an denen es nachts noch wirklich dunkel wird. Küsten werden bebaut, Häfen und Hotelanlagen strahlen ins Wasser.
Wer den Versuch anschaut, denkt unweigerlich an den Anfang von „Findet Nemo“. Auch dort beginnt alles mit einem Barrakuda.
Im Labor auf Mo'orea ging die Szene für den Fisch gut aus. Wie sie im echten Riff ausgeht, weiß bislang niemand.
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