Wer 1989 noch ein Baby war oder in den frühen 1990er-Jahren geboren wurde, hat die politischen Umbrüche der deutschen Wiedervereinigung kaum bewusst wahrgenommen. Eine neue Studie zeigt: Die Wirtschaftskrise jener Jahre hat Spuren hinterlassen – nicht nur im sozialen Gefüge, sondern bis hinein in die körperliche und psychische Gesundheit mancher. Die Soziologin Lara Bister hat dies in ihrer Doktorarbeit untersucht und dabei Hinweise auf langfristige Folgen gefunden.
Schon aus anderen Krisen ist bekannt, dass wirtschaftliche Schocks Kinder treffen können. „Es gibt Berichte, dass in vielen Ländern nach der Krise die Übergewichtsrate bei Kindern gestiegen ist“, sagt Bister gegenüber dem MDR – ein Befund, der sie überhaupt erst auf die Spur der Wirkungen der Wende brachte. Ihre Erwartung: Das Thema ist kein Randphänomen. Die Realität erwies sich jedoch als datenarm. Viele Untersuchungen zur Wende konzentrieren sich auf Wirtschaft und Politik; Daten zu gesundheitlichen Langzeitfolgen bei Kindern sind rar.
Was die Daten sagen
Bister und ihre Kolleginnen und Kollegen griffen auf zwei große Datenquellen zurück: die KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts (2003–2017) und das Sozio-ökonomische Panel (SOEP), teilweise verknüpft mit Daten der Deutschen Rentenversicherung. Aus der KiGGS-Kohorte werteten sie die Angaben von 1515 Personen aus, davon 392, die in Ostdeutschland geboren wurden. Diese Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Untersuchungen zwischen 19 und 30 Jahre alt.
Das Ergebnis der KiGGS-Auswertung zeigt: Ostdeutsche Befragte hatten ein um rund 5,9 Prozent erhöhtes Risiko für schlechtere Stoffwechselwerte als westdeutsche Altersgenossen. Auffällig waren insbesondere Frauen, die häufiger leicht erhöhte Blutdruckwerte aufwiesen. Am stärksten ausgeprägt ist es bei den Jahrgängen 1992 und 1993, also jenen, die bereits im Mutterleib der wirtschaftlichen und psychosozialen Belastung ihrer Mütter ausgesetzt gewesen sein dürften.
Die Auswertung des SOEP (2337 Personen, davon 982 in der DDR geboren zwischen 1973 und 1989) ergänzt das Bild: Bei der Selbsteinschätzung der physischen Gesundheit unterschieden sich Ost- und Westdeutsche kaum – wahrscheinlich, so Bister, weil körperliche Risikofaktoren in diesem jungen Alter oft noch nicht klinisch sichtbar werden. Bei der psychischen Gesundheit hingegen zeigten sich Unterschiede: Ostdeutsche Frauen berichteten tendenziell von höheren Belastungen, vor allem mit Blick auf soziale Kontakte, Alltagsbewältigung und Arbeitsfähigkeit.
Wie frühe Krisen Körper und Psyche prägen können
Fachleute sprechen von „fetal programming“ oder pränataler Programmierung: Belastungen während der Schwangerschaft und in frühester Kindheit – etwa durch Stress, Mangelernährung, Wohnungsunsicherheit oder psychische Belastung der Mutter – können hormonelle und stoffwechselbezogene Steuermechanismen beeinflussen. Solche biologischen Mechanismen sind plausibel, aber in konkreten Populationen schwer direkt zu beweisen, denn oft lassen sich nur Muster beobachten und Assoziationen herstellen.
Gleichzeitig zeigt sich offenbar: Wenn Eltern durch Jobverlust, Einkommenseinbußen oder soziale Degradierung in eine prekäre Lage geraten, verändert das Ernährung, Wohnverhältnisse, Zugang zu Gesundheitsversorgung und psychosoziale Stabilität – alles Faktoren, die sich mittel- und langfristig auf die Gesundheit ihrer Kinder auswirken können.
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Empfehlungen an die Politik: Hilfe statt Kürzungen
Aus den Ergebnissen leitet Bister Empfehlungen für die Politik ab. Staaten, so ihr Appell, sollten in Krisenzeiten nicht bei sozialer Unterstützung sparen: „Menschen, die großem wirtschaftlichen Stress ausgesetzt sind, sollten keine Einschränkungen in anderen Bereichen erfahren.“ Präventive Maßnahmen wie gesicherte Existenzhilfen, gezielte Unterstützungsangebote für Schwangere und Familien, frühe Förder- und Beratungsangebote sowie niedrigschwellige psychische Hilfe könnten demnach verhindern, dass sich ein ökonomischer Schock in langfristigen Gesundheitskosten niederschlägt. Bisters Arbeit wurde 2025 mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet.
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