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Das Schweigen der Frauen

Zwei Filme über Schicksale junger Mädchen in Zentralasien.

Philipp Bühler
3 Min
In „Chilla“ unterzieht sich Bibicha einem 40-tägigen Schweigegelübde.

In „Chilla“ unterzieht sich Bibicha einem 40-tägigen Schweigegelübde.

© Berlinale Lizenz

Sieht man Filme auf der Berlinale aus landeskundlichem Interesse, kann das verwirren. Nehmen wir „Chilla – 40 days of silence“ der usbekischen Regisseurin Saodat Ismailova, gedreht im benachbarten Tadschikistan. Der Titel bezeichnet eine Isolation, in die sich vor allem Frauen nach einer Geburt begibt – auch die vierzig heißesten Tage des Sommers nennt man so.

In „Chilla“ unterzieht sich das Mädchen Bibicha dem Schweigegelübde. Unterstützt wird sie von der Großmutter, einer gläubigen Muslimin, sowie der verwitweten Tante, deren säkulares Auftreten – offenes Haar und Smartphone – beargwöhnt wird. Auch sie hat das Gelübde einst abgelegt, aber nicht durchgehalten.

Die Eltern hat Bibicha zurückgelassen, wohl Teil des Rituals. Genau lässt sich das nicht sagen, denn Ismailova erklärt wenig in den langen und schweigsamen Einstellungen. Die Ermahnungen der Großmutter suggerieren religiöse Bevormundung; die Tante erfährt durch ein weiteres Ritual, das ihre uneheliche Tochter legitimiert, soziale Aufwertung. Vier Generationen von Frauen leiden auf je eigene Weise, doch Bibichas Schweigen scheint jedem Zusammenhang entrückt. Sie bekommt dadurch etwas Heiliges, und wirkt auf merkwürdige Weise nah und doch unheimlich fern.

Wie anders dagegen „Nagima“ aus Kasachstan! Die 18-jährige Waise Nagima hat ihre Isolation nicht freiwillig gewählt, sie hatte nie eine Wahl. Alles was sie hat, ist ein elender Job in einer Großküche und eine Freundin in derselben Situation. Beide wurden nach der Geburt verstoßen. Die Freundin stirbt an den Folgen einer Schwangerschaft, und so ist Nagima ganz allein. Sie fragt einen Mann nach Liebe, umsonst. Sie sucht ihre Mutter auf, und wird erneut zurückgewiesen. Der Film von Zhanna Issabayeva ist ein Dokument brüllender Einsamkeit. Er führt uns in die kasachische Vielvölkergesellschaft, deren patriarchalisch-postsozialistischen Strukturen mit dem Leben hierzulande nichts zu tun haben mögen. Doch sie trifft einen universalen Nerv. Die mit regloser Miene jeden Schicksalsschlag hinnehmende Hauptdarstellerin Dina Tukubayeva bekommt man nicht aus dem Kopf.

Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan – sie sind autoritär regiert und bettelarm, die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt, der Islam immer wichtiger. Um sich einen Reim auf Zentralasien zu machen, muss man wohl beide Filme sehen. Irgendeine Form von Gewissheit, auch das spricht für sie, darf man sich davon nicht erhoffen.

Chilla: 13. 2.: 22 Uhr, CinemaxX 4.

Nagima: 12. 2.: 16.30 Uhr, CineStar 8, 13. 2. 15 Uhr, Kino Arsenal 1, 16. 2.: 22.15 Uhr, Cubix 9.

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