So mancherlei könnte man dazu sagen, was Fotografie heute kann, soll, will, aber eines gilt sicher: Die Andachts- oder Reiz-Bilder unseres modernen Lebens werden immer seltener auf Leinwände gemalt. Sie entfalten ihre Magie in digitalen Bildbearbeitungsprogrammen, ganz selten noch im altmodischen Entwicklerbad. Und auch das ist gewiss: Die Fotografie hat längst die Königsdisziplin Malerei verdrängt, hinterfragt, im besten Sinne ergänzt.
Also, der fotografische Bilderberg kreist. Zum siebten Male startet am Sonnabend in Berlin der Europäische Monat der Fotografie. 130 Ausstellungen beginnen stadtweit. In homöopathischen Dosen ist hier auch diese Art von Kunst nicht mehr zu vermitteln. Eher im Marathon, als sportliche Herausforderung, schon allein wegen der kilometerlangen Wege. Man hat also, mindestens bis Oktoberende, in Sachen Fotografie die Qual der Wahl. Aber von alledem, was man keineswegs verpassen sollte, ist die große Ausstellung in der Fotogalerie C/O im Amerika Haus des Afroamerikaners Gordon Parks (1912 - 2006) zu nennen.
„American Gothic“, 1942, die Putzfrau Ella Watson.
© C/O Berlin/Courtesy and Copyright The Gordon Parks Foundation
Kunst für Menschlichkeit
„Denn ich bin du, und ich starre dir aus dem Spiegel der Armut und Verzweiflung, der Rebellion und Freiheit entgegen.“ So fasste der schwarze Fotograf, Filmemacher, Dichter und Komponist für die Zeitschrift Life die gemeinsame Geschichte, das universale Schicksal seiner schwarzen Landsleute zusammen. Mit tiefer Empathie, respektvoller Nähe und schnörkellos-uninszeniertem Stil zeigte er in den 1940er-Jahren und noch lange nach dem Krieg Rassendiskriminierung, Armut, Verelendung, Gewalt, Hoffnungslosigkeit. Aber auch Protest gehört zu diesem Gesicht Amerikas.
Gleichsam Signalkunst wurde 1963 seine legendäre Serie vom Marsch der Afroamerikaner nach Washington D. C., mit dem Bürgerrechtler Martin Luther King. Mit ihm teilte Parks den Traum vom Leben ohne Rassentrennung. Die Massen-Aufnahmen des Marsches in Farbe, in grandiosen Perspektiven sind mehr als Dokumentation, sie sind Kunst für Menschlichkeit, für die Möglichkeit gewaltlosen Protestes, für Menschenwürde.
Unvergleichlicher Spagat zur Glamourwelt
Mit „American Gothic“ machte Parks die arme Putzfrau Ella Watson zur schwarzen Ikone, das war 1942. In „Harlem ist nirgendwo“ und „Bandenchef in Harlem“, 1948, schaffte er es, dass keiner, der diese Fotos sah, seine Augen vom Elend im Ghetto, von Gewalt, Kriminalität, Prostitution und der obszönen Obdachlosigkeit verschließen konnte. Und auch nicht vor den Mühen der kleinen Leute um ein wenig Würde.
„Obdachloses Paar“, Harlem, New York 1948, das mitleidlose Amerika.
© C/O Berlin/Courtesy and Copyright The Gordon Parks Foundation
Parks machte die Kriminalität in Chicago und anderen Städten, auch in Brasilien zum Thema. Er bannte umwerfend komische Harlemer Momente im „Ein Mann wird unsichtbar“, experimentierte in der poetischen Serie „Lernende Bäume“, porträtierte – welche Ahnung im Bezug auf heute – diskriminierte „Schwarze Muslime“, mit Malcom X.
Und er schaffte souverän den Spagat zur Glamourwelt, zu exklusiven Mode-Szenen, ikonischen Porträts Prominenter und großer Künstler jener Zeit: Boxstar Muhammad Ali, Duke Ellington, Giacometti. Und – unvergleichlich: Ingrid Bergmann auf Stromboli.
Der Monat der Fotografie in Berlin
Der Europäische Monat der Fotografie ist Deutschlands größtes Fotofestival in Berlin, es findet alle zwei Jahre statt und wird von Kulturprojekte Berlin organisiert. Vom 1. Oktober an gibt es in 120 Museen, Galerien,
Botschaften, Fotoschulen, Projekträumen Einblick in die Fotokunst.
Die siebte Ausgabe des Festivals startet mit Opening Days (bis 2. 10.) in der C/O Galerie im Amerika Haus, Hardenbergstr. 22– 24. Dort steht im Mittelpunkt die Ausstellung des US-Amerikaners Gordon Parks (1912–2006):
„I Am You. Ausgewählte Werke 1942–1978“, mit den beeindruckenden Serien vom Marsch der Schwarzen mit Martin Luther King auf Washington D.C. 1963, „Blutiges Harlem“, New York, „Black Muslims“, Mode u. a. in enger
Kooperation mit dem Museum für Fotografie, Jebenstraße 2.
In 130 Ausstellungen werden Klassiker neben Fotos gezeigt, die selbst für Kenner Überraschungen bieten. Höhepunkte: Die Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128 , zeigt das Fotowerk Erich Salomons und die Schule für Fotografie, Brunnenstr. 188–190, die Schau zum Leica -Oskar-Barnack-Preis.
Im Palazzo Italia eröffnet am 6. Oktober die erste Berlin Foto Biennale (Unter den Linden 10, bis 30. Oktober). Ehrengast ist Magnum-Fotograf Steve McCurry, 66, aus den USA, mit seiner ersten großen Retrospektive „Asien – Ein Leben in Bildern“.
Ausstellungen. Gespräche, Workshops, Screenings, Konzerte stehen auf dem Programm aller teilnehmenden Häuser. Das ganze Programm des bis 31. Oktober laufenden Festivals auf: emop-berlin.eu
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