Frank Castorfs Chefbeleuchter hat in Norwegen eine "Wildente"-Inszenierung gesehen und musste nicht ein einziges Mal pinkeln. Der Regisseur ist jung, die Aufführung dauert 21 Stunden, die Volksbühne nimmt Kontakt mit ihm auf. Vielleicht will dieser Norweger den Prater bespielen. Allerdings hat der gerade keinen Fußboden, weil just in dem Moment Restitutionsansprüche aufkamen, als Parkett und Estrich zur Erneuerung herausgerissen wurden. Baustopp. Die kulturpolitische Sprecherin der Grünen Alice Ströver hat zum 60. Mal zum Kultursalon in die Volksbühne eingeladen, alleiniger Gast: der Hausherr. Es geht um die Zukunft der Volksbühne.Ein schöner Anlass für Castorf, ausgiebig Theaterkritiker zu verunglimpfen (der Verfasser grüßt die Kollegen: Da stehen wir drüber!) und noch ausgiebiger über die Vergangenheit zu reden. Die Sache mit dem fußbodenlosen Theater beklagt er zwar, aber mit Lust, denn eigentlich erinnert ihn das alles an früher, als auch nichts fertig war und man nicht immer erst um Erlaubnis gefragt und viel gequatscht, sondern losgelegt hat.Castorf redet sich in Schwung, selbst die in Kommunikationsdingen abgehärtete Alice Ströver kann ihn nicht bremsen. Es geht um Castorfs tolle Dämonen-Inszenierungen, um Henry Hübchen, seinen einzigen Freund, und um Martin Wuttke, der jetzt unglücklich im Burgtheater sitze. Es geht um die große Zeit, als Castorf in der Volksbühne von Schlingensief, Marthaler und Kresnik flankiert wurde. Und so rutscht er - über die Zukunft der Volksbühne sprechend - immer tiefer in die Vergangenheit: Anklam, Kurt Hager, Erwin Piscator, der Polizistenmörder Erich Mielke, Horst Wessel, das Schtetl im Scheunenviertel, die blutgetränkten Pflastersteine. Das alles müsse man dem zugezogenen Publikum doch mal zeigen. Und deswegen gibt es am 29., 30. Oktober ein Berlin-Spektakel und demnächst mit "Der Kaufmann von Berlin" ein Stück von Walter Mehring, das bei seiner Uraufführung in der Volksbühne vor 80 Jahren für Empörung bei Juden und Antisemiten sorgte. Außerdem werden in naher Zukunft Leute von früher inszenieren: Leander Haußmann und Henry Hübchen - letzterer "Alfons Zitterbacke".Irgendwann kriegt Alice Ströver auch die obligatorische Frage nach dem Intendanten-Vertrag, der 2013 nach 20 Jahren auszulaufen droht, dann doch noch unter. Darüber habe er noch nicht mit Klaus Wowereit gesprochen. An Castorf wird es - so der Eindruck - nicht liegen.
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