FRANKFURTER BUCHMESSE - Dem Buchhandel ging es im vergangenen Jahr schlecht. Nun gibt er sich zuversichtlich, genauso wie die Veranstalter des größten Festes der Branche.

Zwei Messen in einer

Christian Esch
5 Min

BERLIN, 6. Oktober. Als vor einem Jahr die Frankfurter Buchmesse vor der Tür stand, war die Stimmung gedrückt. Zum ersten Mal seit 1976, seit es überhaupt eine Branchenstatistik gibt, war der Jahresumsatz gesunken, um drei Prozent. Mit grimmigem Pathos versuchte das Branchenmagazin Buchreport Laune zu machen: "Die Buchmesse ist der Ballsaal der Branche. Es darf und muss getanzt werden. Und sei es ein Tanz auf dem Vulkan." Es wurde getanzt, und die Umsätze brachen weiter ein, und es wurde alles noch viel schlimmer. Um vier Prozent schrumpfte der Buchmarkt in den ersten acht Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Nun aber soll es endgültig wieder aufwärts gehen, ist die zuversichtliche Stimmung. Auf der diesjährigen Buchmesse brauchen die Tanzenden keinen Zwang. Der aufgehellten Laune entspricht die Zuversicht der Messeveranstalter. Der Streit um die Verlegung der Messe nach München - Messechef Volker Neumann hatte ihn initiiert, um der Stadt Frankfurt und insbesondere den Hoteliers bessere Konditionen abzuzwingen, und hatte damit nach Meinung von Kritikern den Ruf der Veranstaltung geschädigt - ist vergessen. Und anders als in den beiden Jahren zuvor ist die Zahl der Aussteller mit rund 6 400 stabil geblieben. Dahinter verbirgt sich sogar ein deutlicher Anstieg unter den deutschen Ausstellern mit eigenem Stand: es sind 2 600, 350 mehr als im Vorjahr und fast so viel wie im Boomjahr 2000. Der Ballsaal der Branche ist also wieder gut gefüllt. Aber wozu eigentlich ein Ballsaal? Es sind im Grunde zwei Funktionen, die die Buchmesse zugleich erfüllen muss. Zum einen ist die Frankfurter Messe - ganz anders als ihr kleineres Leipziger Pendant im Frühjahr - eine Börse für den Handel mit Rechten und Lizenzen. Dafür muss man handelswillige Verleger und Agenten auf engem Raum verdichten und von der Außenwelt isolieren, ihnen sozusagen ein stilles Hinterzimmer zur Verfügung stellen, von dem die Besucher vorne im lärmigen Gastraum wenig mitbekommen. Zum anderen aber soll die Messe - genauso wie die Leipziger - das deutsche Publikum ansprechen, also die Trommel für den Buchabsatz rühren und Literatur als fernsehfähiges Event inszenieren. So finden zwei Messen zugleich in Frankfurt statt. Die Veranstalter haben versucht, beide zu fördern: Nach Leipziger Vorbild hat Neumann die Messe für die Leserschaft geöffnet: Die Fachbesucher werden nur bis Freitagnachmittag unter sich sein, dann kommt die Masse. Es wird mehr Lesungen geben, und ein neues Messekino mit 400 Plätzen zeigt Literatur im Film. Am letzten Messetag, dem Montag, dürfen die Besucher die ausgestellten Bücher auch kaufen und nicht mehr bloß anschauen. Dazu passt, dass man den Plan aufgegeben hat, die jährlichen Länderschwerpunkte zu Gunsten von Themenschwerpunkten aufzugeben. Für das Lesepublikum sind Veranstaltungen, wie sie das diesjährige Gastland Russland zu bieten hat, weit interessanter, als es ein Kongress mit dem großmundigen Namen "Futura Mundi" hätte werden können - dieses Konkurrenzunternehmen ist zu Recht abgeblasen worden. Den deutschen und vielen ausländischen Verlagen, die ebenfalls den deutschen Leser erreichen wollen, ist mit solch einem erweiterten Literaturfest gedient. Die englischen und amerikanischen Aussteller wiederum sind daran wenig interessiert; sie kommen vor allem für den publikumsfernen Rechte- und Lizenzenhandel. Täglich erscheinen zur Messe Sonderausgaben ihrer Branchenblätter, in denen die allerneuesten Gerüchte über spätabendliche Deals aus Frankfurter Hotelbars berichtet wird. Dieser Handel könnte auch ohne die riesige Frankfurter Messe auskommen - er findet genauso auf der sehr viel kleineren Frühjahrsmesse in London, der London Book Fair, statt oder gleich in den USA. Die Frankfurter Messeveranstalter haben die Arbeitsbedingungen für Agenten verbessert, ein Zentrum für literarische Übersetzer geschaffen und pochen darauf, dass sie - in den Worten von Messechef Neumann - "die weltweit einzig wirklich internationale Buchmesse sind": der weit überwiegende Teil der Aussteller kommt aus dem Ausland. Wenn Neumanns Konzept aufgeht, ist die Stellung Frankfurts als größte Buchmesse der Welt nicht in Gefahr.Im Zahlenvergleich // FRANKFURT: Auf einer Ausstellungsfläche von rund 175 000 Quadratmetern präsentieren rund 6 400 Aussteller aus 104 Ländern ihr Angebot. Sie zahlen Standpreise von 364 Euro pro Quadratmeter (Reihenstand ab zwölf Quadratmeter).350 000 Bücher, Hörbücher, CD-Roms, Comics, etc. sind zu sehen 270 000 Besucher werden erwartet.Publikumstage: Sonnabend und Sonntag jeweils von 9 bis 18. 30 Uhr, Freitag von 16 bis 20. 30 Uhr, Montag 9 bis 13 Uhr.Eintrittspreise für Publikumskarten: Tageskarte neun Euro, Wochenendkarte 25 Euro, Freitagabend fünf Euro.LONDON: Die London Book Fair 2003 hatte 12 188 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Es kamen 662 Verlage, davon 209 aus dem Ausland. Am deutschen Stand waren 21 Verlage und Unternehmen vertreten. Standmieten 597 Euro pro Quadratmeter.PARIS: Der Salon du Livre findet auf 50 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche statt. Ausstellende Verlage: 1 250, davon 250 aus dem Ausland. Die Standmiete beträgt 350 Euro pro Quadratmeter.Weitere Informationen unter: www. Buchmesse. de; www. lbf-virtual. com; www. salondulivre. com.BLZ/RITA BÖTTCHER Anteil des Buchhandels am Buchumsatz. Im Digitaldruck wird das Buch erst produziert, wenn es bestellt wurde.DPA/FRANK MAY Die Frankfurter Buchmesse will attraktiver für das lesende Publikum werden, aber ohne die Fachbesucher auf ihrem Lieblingstreffpunkt zu stören.

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