Friedhof für Selbstmörder

„Schandacker“ im Grunewald

Maritta Adam-Tkalec
7 Min
Efeu und Stille auf dem verwunschensten Friedhof Berlins: Orthodoxe Kreuze erinnern an zarentreue Russen, die sich 1917/18 das Leben nahmen.

Efeu und Stille auf dem verwunschensten Friedhof Berlins: Orthodoxe Kreuze erinnern an zarentreue Russen, die sich 1917/18 das Leben nahmen.

© Sabeth Stickforth

Kaum zu glauben, dass es solch einen entlegenen, absichtsvoll verborgenen Ort in Berlin überhaupt gibt, den Friedhof Grunewald-Forst. Eingerichtet für Selbstmörder. So etwas gab es nirgendwo sonst in Deutschland. Dass er in der Waldeinsamkeit seit 1878/79 existiert, lässt sich einfach erklären: Zum einen legten die Strömungen der Havel im ruhigen Wasser an der Schildhornbucht immer wieder tote Menschen ab, ertrunkene und solche, die irgendwo in der Nähe im Fluss den Freitod gesucht hatten. Zum anderen fanden die Förster im Grunewald immer wieder Menschen, die an einem Baum ihr Leben beendet hatten.

Suizidenten betrachtete die Gesellschaft in 1500 Jahren christlicher Geschichte als Todsünder, die Gottes Plan missachten. Kirchenlehrer Augustinus (354-430) stellte Selbstmord mit Mord auf eine Stufe. Selbstmördern wurde das Begräbnis in geweihter Erde verweigert. Sie landeten gewöhnlich auf den Schindanger, wo man Tiere häutete oder deren Kadaver den Aasfressern überließ. Im Grunewald überließ man der Forstverwaltung das Problem der Beerdigung. Sie löste es nach Kräften human; man vergrub die Toten im Sand auf einer Waldlichtung.

Aus welcher Richtung man sich der Totenstätte auch nähert – man geht lange auf stillen Wegen. Am besten erschließt sich der Ort, wenn man vom Flussufer aufsteigt: erst die steile Böschung zur Havelchaussee hoch, dann etwa einen Kilometer stetig bergan, bis man auf das von einem flachen Mäuerchen umgebene Areal und die rundgemauerte Pforte mit der alten, eisenbeschlagenen Holztür trifft.

Verzweifelte Mägde

Von den frühen, heimlichen Bestattungen findet sich naturgemäß keine Spur. Die erste schriftliche Kunde stammt vom 22. Januar 1900; sie berichtet über die Beerdigung eines 22-jährigen Schlossergesellen. Elmar Kilz, Leiter des Forstamtes Grunewald, verfügt zwar nicht über schriftliche Dokumente aus der frühen Zeit, doch haben Förster ihre Erlebnisse überliefert. Sie berichteten, viele vom Dienstherrn geschwängerte Dienstmädchen seien unter den Namenlosen gewesen. 

Kaum war bekanntgeworden, dass es einen Ort für Selbstmördergräber gab, traten Angehörige von Suizidenten an den Oberförster heran, oder sie begruben ihre Toten trotz strengen Verbots selbst im Wald. Sterbewillige suchten nun bewusst die Nähe der Begräbnisstätte, um sich dort das Leben zu nehmen. Sie wollten es ihren Familien möglichst einfach machen, sie zur letzten Ruhe zu legen.

Das Ende der russischen Zarenherrschaft

Von 1911 an gab es sogar eine aus Backsteinen errichtete einfache Leichenhalle auf dem Gelände – das war neun Jahre, bevor mit der Revolution von 1918 auch eine neue Friedhofskultur entstand. 1920 traten städtische Friedhöfe neben die evangelischen und katholischen. In jenem Jahr entstand durch Fusion mit umliegenden Städten und Gemeinden Groß-Berlin; jeder neu entstandene Bezirk hatte einen eigenen, nicht-kirchlichen Friedhof nachzuweisen. Den „Schandacker“ im Grunewald ließ der Magistrat einzäunen. Freiwillig aus dem Leben Geschiedene blieben bis 1927 die einzigen Zugänge. Immerhin bekamen sie nun eine würdige Bestattung und Gräber mit Namen. 1928/29 entstanden die feste Mauer und das Eingangstor. Nun wurde der fortan gepflegte Friedhof interessant für Menschen mit Sinn für das Besondere.

„Jagd vorbei“ steht auf dem Grabmal von Oberförster Willi Schulz (1881-1928). 

„Jagd vorbei“ steht auf dem Grabmal von Oberförster Willi Schulz (1881-1928). 

© Sabeth Stickforth Sabeth Stick

Fünf Gräber fallen auf, wenn man die Pforte durchschritten hat: große orthodoxe Kreuze mit Namen und Sterbedaten in kyrillischer Schrift. Hier liegen Matwi Ljugwinenko, Pawel Tarasenkow, Stefan Melnikow, Leo Schumenkow und Sergej Schurawel – zarentreue Russen. Sie wurden tot am Havelufer geborgen, ihre Sterbedaten zwischen 16. März 1917 und 5. September 1918 weisen auf den Grund ihres Todes hin: Sie suchten aus Verzweiflung über das Ende der Zarenherrschaft in Russland nach Februar- und Oktoberrevolution den Tod im Wasser der Havel. Folgt man Oberförster Elmar Kilz, so ging es etlichen seiner Berufskollegen nach dem Ende der Monarchie in Deutschland ähnlich: Sie ertrugen es nicht, keine königlichen Beamten mehr zu sein, sondern schlicht und einfach städtische.

Die Krankenpflergerin Minna Braun

Ein anderer Fall trieb die Berliner im Jahr 1919 gewaltig um: Die 23-jährige Krankenpflegerin Minna Braun hatte am 27. Oktober in einer Apotheke Morphium und Veronal erworben. Bei nasskaltem Wetter war sie in den Grunewald gegangen und hatte dort beide Medikamente geschluckt, um ihr Leben zu beenden. Am Tag darauf fand man sie mit „geringen Lebenszeichen“. Auf dem Transport ins Krankenhaus verstarb sie – vermeintlich. In der Leichenhalle stellte der Gemeindephysikus Starre, Leichenblässe, völlige Reflexlosigkeit, Fehlen des Pulses, der Atmung und der Herztöne fest. Aufgeträufelter Siegellack ergab keine Hautreaktion.

Todesursache: „wahrscheinlich Morphiumvergiftung“. Doch 14 Stunden nachdem die junge Frau in den Sarg gelegt worden war, beobachtete ein Kriminalbeamter bei der Identifizierung des Leichnams nach Sargöffnung bläulich gefärbte Wangen und leichte Kehlkopfbewegungen. Nun stellte auch der Arzt dumpfe Herztöne fest, aber weder Atmung noch Puls. Minna Braun war nicht tot. 1922 wiederholte sie – mit höherer Dosis – ihren Selbsttötungsversuch. So endete sie doch noch auf dem Grunewald-Friedhof.

Kirche im Sinneswandel

Statt mit ewiger Verdammnis zu drohen, verweigern die christlichen Kirchen in Deutschland heute nach Selbsttötungen weder das Begräbnis noch stigmatisieren sie die betroffenen Familien. Letzteres taten die Nationalsozialisten: Sie gingen vom Wirken eines Selbstmörder-Gens aus, das mit Hilfe erbhygienischer Maßnahmen aus dem Volkskörper zu eliminieren war. Noch heute sprechen viele Familien mit Scheu von den Angehörigen, die sich aufgehängt, vergiftet oder den Gashahn aufgedreht haben.

Die Kirchen hingegen wenden alle Kraft auf, um die Hilferufe Leidender wahrzunehmen. „Alle Möglichkeiten der Seelsorge richten sich auf diesen Punkt“, sagt Probst Christian Stäblein von der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Der Theologe und Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität spricht von einem „starken Umschwung weg vom moralischen Sündenverständnis“. Man tue alles, um eine Selbsttötung zu verhindern, alle Menschen sollten wissen, dass sie in Notlagen einen Ansprechpartner haben – eine „Uraufgabe der Telefonseelsorge“ sei das.

Aber wenn es denn doch nicht zu verhindern war, werde kein evangelischer Pfarrer sich weigern, den Toten zu bestatten. Für alle gelte: „Wir hoffen auf Ewigkeit.“ Mit Blick auf die Hinterbliebenen gelte es, ihnen Schuldgefühle zu nehmen, sie gegen Selbstvorwürfe zu wappnen. Dass nicht nur Familien, sondern die Gesellschaft an sich noch immer Probleme mit dem menschlichen Umgang hat, tritt gelegentlich zutage, wenn Prominente sich das Leben nahmen. Man denke an den Fall des Fußballers Robert Enke, der 2009 als Folge einer Depression in den Tod ging. Damals durchbrach Bischöfin Margot Käßmann die Sprachlosigkeit in einem ökumenischen Gottesdienst, als sie tröstend sagte: „Wir dürfen darauf vertrauen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ 

Die Namenlosen des Kriegs

Im Grunewald fand im zu Ende gehenden Jahr kein Begräbnis mehr statt. Der Friedhof wird geschlossen. In zwanzig Jahren, also 2038, wird er entwidmet. Bis dahin kann der Spaziergänger in der Stille vor den Gräbern Berliner Geschichten erfahren. Wendet er den russischen Kreuzen den Rücken zu, steht er vor 22 namenlosen Holzkreuzen und einigen in den Boden eingelassenen Platten – Erinnerung an Zivilisten, die am Ende des Zweiten Weltkrieges starben und im Chaos jener Tage nirgendwo anders Ruhe fanden als hier. Sterbedaten von April und Mai 1945 kennzeichnet auch die vielen Platten in einer Wiesenfläche einige Meter weiter: Manche tragen Namen, auf anderen steht „Unbekannte Frau“, „Unbekannter Mann“. Viele sind umgebettet worden, nachdem man sie zuerst provisorisch in Berliner Parks begraben hatte.

Das meistbesuchte Grab findet sich im hinteren Teil des etwa fußballfeldgroßen Areals. Dort liegt neben ihrer Mutter Margarethe eine jung Gestorbene: Christa Päffgen, genannt Nico (1938-1988). Fotos auf dem Grab zeigen eine schöne junge Frau. Nico war Fotomodell, Schauspielerin, Sängerin, Heroinsüchtige. Ihre Fans haben sie nicht vergessen. Eine Zigarette Marlboro Gold liegt neben einer Plastikbanane auf dem Grab. Und eine Kinokarte für den Film „Nico 1988“, gültig am 29. Juli 2018.

Zum Ende mahnt ein Schild der Friedhofsverwaltung die Lebenden ganz irdisch: Bitte das Friedhofstor schließen, die Wildschweine vom Grunewald sind unterwegs. 

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