Friedrich Högner hat eine "Tauchermaschine" aus dem 18. Jahrhundert nachgebaut und getestet - sie funktioniert

Die Chinapfanne auf dem Kopf

Florian Neuhann
5 Min

Es sind 55 Stufen vom Keller hinauf zu seiner Wohnung im zweiten Stock. Friedrich Högner weiß das längst auswendig, und oben angekommen verkündet der 62-Jährige stolz die Zahl. 55 Stufen, die er fast jeden Tag bewältigt. Das hält fit.Im Keller, da bastelt Högner in seiner Werkstatt, die vielleicht zehn Quadratmeter groß ist und voll steht von Högners verschiedenen Werken. Im Keller hat er auch diesen Ganzkörperanzug gebaut, sein schwierigstes Stück bisher. Ein Gerät, das so aussieht, wie man sich früher vielleicht die Marsmenschen vorstellte. Mitsamt der Bleigewichte, die an verschiedenen Haken an dem Körper hängen, ist das Ding rund dreißig Kilogramm schwer - ein Nachbau der "Tauchermaschine", die der Breslauer Ingenieur Karl Heinrich Klingert 1797 ersann und die als Meilenstein auf dem Weg zu den heutigen Helmtauchgeräten gilt. "Klingerts Ansatz war absolut wegweisend und erregte damals viel Aufsehen", sagt der Tauchhistoriker und Sachbuchautor Michael Jung aus dem saarländischen Merzig.Es war der 29. September 2001, der Gipsbruch-See bei Sperenberg war elf Grad Celsius kalt, Högners Sohn filmte. Mühsam wand sich Högner in den Anzug, legte die Spannringe an, zwei an den Armen, zwei an den Beinen, je einer an Hals, Brust und Hüfte, sie sollten den Anzug wasserdicht verschließen. Dann stieg Högner rückwärts in den See. Ganz nach dem Vorbild von Klingerts Plänen war er mit einer Axt ausgerüstet. Högner ließ sich herunterziehen von den Gewichten, drei, vier, fünf Meter tief. Sein Sohn trat nun kräftig auf einen Blasebalg, zwanzig, dreißig Mal pro Minute, um Luft über einen Schlauch nach unten zu pumpen.Fünf Minuten später war Friedrich Högner wieder oben. Das Stück Holz, das er mit der Axt hatte durchtrennen wollen, war noch fast ganz. Im Schritt hatte sich etwas Wasser gesammelt. Doch Högner lebte noch. Seine "Tauchermaschine" hatte funktioniert.Im 18. Jahrhundert, als Klingert das Gerät erstmals vorstellte, war es fast eine Revolution: Die Maschine besaß ein Ventil und zwei Schläuche, den einen zum Einatmen, den anderen zum Ausatmen. "So atmet man nicht dieselbe Luft ein, die man gerade ausgeatmet hat", sagt Högner. "Denn solche ,Pendelluft ist schädlich." Klingert nutzte für seine Konstruktion zwei Klappenventile: Das obere klappt nur auf, wenn Luft eingesogen wird, das untere nur dann, wenn Luft hinausgeblasen wird.Högner, gebürtiger Zwickauer, ist Frührentner. Von zwei kurzfristigen Jobs abgesehen ist er seit der Wende arbeitslos. An die siebzig Stunden saß Högner in seinem Keller in Ludwigsfelde an dem Nachbau der Tauchermaschine. Er wollte so nah wie möglich am Original bleiben. Dessen Zweck hatte Karl Heinrich Klingert 1797 so beschrieben: "Eine Tauchermaschine, durch deren Hülfe ein Mensch ohne alle Gefar Stundenlang unter Wasser bleiben, auf dem Bette des Flusses hergehen, versunkene Körper aufsuchen, Holzstämme durchsägen oder zerhauen kann." Füße und Arme mussten frei bleiben - der Taucher sollte sich schließlich unter Wasser bewegen können.Das Wams fertigte Högner aus Kunstleder ("aus der DDR!"), machte es mit einer Emulsion wasserdicht, und ließ es von seiner Frau nähen. Als Atemschläuche nutzte Högner alte Lkw-Bremsschläuche. Die Bleigewichte goss er selbst, für den Helm bearbeitete er Tiefziehblech und Stahl. Drucksichere Scheiben für das Sichtfenster bestellte er beim Glaser vor Ort. "Und geschweißt hat mir das Ganze ein ehemaliger Kollege", sagt Högner. Besonders wichtig für den Erfolg der Tauchaktion waren die Schläuche. Sie mussten den Umgebungsdruck des Wassers aushalten - alle zehn Meter nimmt der um ein bar zu. "Die Bremsschläuche halten garantiert 6 bar aus, das wären 50 Meter Tiefe", sagt Högner. Nur der Blasebalg komme da nicht mehr mit. "Alle Welt experimentierte damals mit so genannten Panzertauchgeräten, in denen normaler Oberflächendruck herrschen sollte", erläutert Michael Jung. "Klingert entschied sich stattdessen für ein Tauchgerät, das dem Umgebungsdruck ausgesetzt sein sollte."Wenn man Friedrich Högner fragt, warum er sich diese ganze Mühe macht, antwortet er ausweichend. Ein Buch über Tauchgeräte sei ihm geschenkt worden, sagt er dann, ein Buch, das mittlerweile längst vergriffen ist. Oder er erzählt von einem Besuch bei seinem Onkel im Westen, Högner war vierzehn Jahre alt, man ging gemeinsam ins Schwimmbad. Ein Junge schnorchelte dort, Friedrich Högner wollte das auch machen. 1966 gründete er eine Tauchsportgruppe der "Gesellschaft für Sport und Technik" in Ludwigsfelde. Seither taucht Friedrich Högner. 1992, nach der Wende, fuhr er ans Rote Meer. "Sagenhaft" war das. Noch so ein Urlaub ist finanziell nicht drin.Immerhin möchte nun das Deutsche Museum in München seine Tauchermaschine ausstellen. Högner will sowieso nicht mehr damit tauchen. "Viel zu aufwändig", sagt er und lacht. Stattdessen werkelt er lieber weiter in seinem Keller. Eine Tauchermaschine möchte er noch nachbauen, die eines finnischen Hafenmeisters. Der hatte einen Tauchanzug ganz aus Kuhleder konstruiert, zwei Schläuche gingen vom Kopf nach oben weg wie überdimensionierte Antennen. Dann hatte der Hafenmeister alles säuberlich vernäht und verklebt. "Unklar ist nur, wie man da einsteigen sollte", sagt Friedrich Högner. Aber der Anzug bietet sich trotzdem zum Nachbauen an. Schließlich hat Högner noch sechs Meter Leder übrig. Wäre ja schade, wenn die irgendwo verschimmeln würden. Neulich hat er sich außerdem eine Wok-Pfanne gekauft. "Da war ich ganz pfiffig", sagt Högner. Zwanzig Euro habe die nur gekostet, eine billige Version. Högner will nicht damit kochen. Stattdessen wird ihm der Wok als Helm dienen für eines der nächsten Projekte. Sie hat ja fast die richtige Form.Zum Weiterlesen: "Tauchgeschichtekompendium: Karl Heinrich Klingert" von Michael Jung, Verlag Andrea Kriesbach-Jung, ISBN 3-933234-01-8.PRIVAT Ein Mal tauchte Friedrich Högner mit seinem Nachbau des historischen Tauchanzugs. Sein Sohn pumpte mit einem Blasebalg Luft in den Helm.PRIVAT Die "Tauchermaschine", wie sie der Breslauer Ingenieur Karl Heinrich Klingert vor mehr als zweihundert Jahren ersann und aufzeichnete.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Friedrich Högner mit seinem Werk aus Blech, Kunstleder und Bremsschläuchen. Die Originalpläne stammen aus dem Jahr 1797.

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