Schluss mit Luxus

Die Galeries Lafayette will die Friedrichstraße verlassen

Der Senat ringt darum, dass einer der letzten Glanzpunkte erhalten bleibt.

Annika Leister
6 Min
Ein Markenzeichen: Das Kaufhaus Galeries Lafayette eröffnete 1996 als einer der ersten großen Einkaufspaläste in der Friedrichstraße.

Ein Markenzeichen: Das Kaufhaus Galeries Lafayette eröffnete 1996 als einer der ersten großen Einkaufspaläste in der Friedrichstraße.

© imago images

Mit der Galeries Lafayette plant wohl auch einer der letzten Glanzpunkte und Touristenmagneten in der Friedrichstraße zurzeit den Auszug aus der einstigen Prachtmeile. Doch der Senat hat die Angelegenheit zur Chefsache gemacht. So will er den Absprung der Galeries Lafayette vermeiden.

Der Berliner Senat ringt darum, dass einer der letzten Glanzpunkte und Touristenmagnete in der Friedrichstraße erhalten bleibt: Denn die Galeries Lafayette – einer der letzten großen Konsum-Tempel – erwägt derzeit wohl den Absprung vom zunehmend erodierenden Standort. Das französische Luxus-Kaufhaus könnte sich damit einreihen in eine lange Reihe von Einzelhändlern, die dem ehemaligen Prachtboulevard bereits den Rücken gekehrt haben.

Michael Müller soll bei Verbesserung der Mietkonditionen für die Galeries Lafayette mithelfen

Der Senat will den Weggang verhindern und hat sich in die Verhandlungen zwischen dem Mieter Lafayette und dem Vermieter Allianz eingeschaltet – und die Diskussion sogar zur Chefsache erklärt: Neben Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) ist auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit dem Problemfall betraut. 

„Es gab Gespräche mit den Galeries Lafayette auf mehreren Ebenen“, sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Wirtschaft am Mittwoch. Die Galerie sei ein Magnet für die Friedrichstraße und trage maßgeblich zur internationalen Attraktivität der Straße bei. Senatorin Pop sei mit Lafayette, dem Bezirk Mitte sowie auch der Interessengemeinschaft „Die Mitte“ in Kontakt.

Nach Informationen der Berliner Zeitung ist Lafayette auf die Politik zugegangen und hat darum gebeten, dass auch der Regierende bei den Verhandlungen mit der Allianz mit am Tisch sitzt. Müller soll helfen, die Mietkonditionen zu verbessern. Ein Termin ist für August anvisiert und wird von der Senatskanzlei vorbereitet. Ob Müller, Pop und Kollegen helfen können, den einzigen deutschen Standort der Franzosen in Berlin zu halten, ist aber fraglich.

Die Friedrichstraße verliert zunehmend an Attraktivität für die Kunden

Der Mietvertrag läuft aus, nach Einschätzung von Branchenkennern bereits Ende 2019 oder Anfang 2020. Aus „Gründen der Vertraulichkeit“ wollen weder Lafayette noch Allianz genaueres zum Vertrag verraten. Doch seit Monaten schon laufen hinter den Kulissen Verhandlungen.


KaDeWe des Ostens

Spektakulär: Der Bau der Galeries Lafayette wurde kurz nach der Wiedervereinigung beschlossen. Das neu entstehende Luxus-Kaufhaus sollte die Berliner und vor allem Touristen in die damals wenig glamouröse Friedrichstraße locken. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel – berühmt geworden durch die Oper in Lyon und das Arab World Institute in Paris – setzte sich mit seinem spektakulären Entwurf durch. Der Grundstein wurde im Oktober 1992 gelegt, die Galeries wurden im Februar 1996 eröffnet.

Riesig: Auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern werden auf fünf Etagen Luxus-Marken angeboten – Taschen von Burberry, Abendgarderobe von Gucci, Parfum von Hermes. Anziehungspunkt für Angestellte in den umliegenden Bürohäusern, die sich den großen Luxus nicht leisten können, ist die Feinkostabteilung im Untergeschoss. Viele Besucher verlassen die Galeries allerdings auch ohne Einkauf: Sie schlendern, bestaunen die Architektur – und allen voran den riesigen Glaskegel in der Mitte des Kaufhauses.

Leer: Doch heute steht in der Friedrichstraße nach Berechnungen von Immobilien-Unternehmen jedes vierte Geschäft leer. Zuletzt kündigte H&M an, den Standort Friedrichstraße 83 zum 31. August verlassen zu wollen. Schuhhändler Leiser zog schon vorher aus, ebenso wie der Jagdmodenhändler Frankonia. Senat und Bezirk planen verschiedene Maßnahmen, um die Gegend wieder für Besucher attraktiver zu machen – zum Beispiel eine autofreie Friedrichstraße für einige Tage im Oktober.
 


Die Galeries Lafayette wollen eine Mieterhöhung vermeiden. Das wundert wenig: Neben der Friedrichstraße, die zunehmend an Attraktivität und Kunden verliert, ist das Haus für Einzelhändler eigentlich kaum geeignet. Star-Architekt Jean Nouvel hat das Gebäude Anfang der 90er Jahre für Lafayette entworfen und gebaut. Es ist mehr Kunstwerk als Shopping-Mall: Ein riesiger Kegel aus Glas durchschneidet die fünf Stockwerke, Besucher schießen staunend Fotos mit dem Handy, legen die Köpfe in die Nacken. Schön, aber aus wirtschaftlicher Sicht vollkommen unpraktisch: Der kunstvolle Bau raubt Hunderte Quadratmeter Verkaufsfläche.

Ein Nachmieter für die Galeries Lafayette zu finden, wird schwer

Die Allianz hat das Gebäude 2012 von einem luxemburgischen Immobilienfonds übernommen. Schwenkt sie in den Verhandlungen nicht ein, zieht Lafayette nach Aussage von Angestellten einen Umzug in Betracht: Weg vom Sorgenkind Friedrichstraße nach Hamburg in die Hafencity – einem neuen Stadtteil mit zehn Quartieren, den die Hansestadt seit 2003 aufbaut. Zwar teilen die Galeries Lafayette auf Anfrage am Mittwoch offiziell mit, dass man den Standort nicht wechseln oder einen neuen in Deutschland gründen wolle. „Wir glauben seit der Eröffnung unseres Hauses noch immer an die Friedrichstraße“, sagte Nelly Hemmann, Head of Communications, der Berliner Zeitung. Natürlich gab und gebe es stetig ein „auf und ab“. Aber man versuche, durch Events und Kooperationen mit Nachbarn den Standort attraktiver zu gestalten.

Im Haus selbst allerdings klingt das ganz anders: Angestellte der Galeries Lafayette wurden bereits darüber unterrichtet, dass es nach Hamburg geht, wenn aus den Verhandlungen in Berlin nichts wird.
Die Allianz wollte sich zum Stand der Verhandlungen am Mittwoch nicht äußern, teilte aber mit, man nehme die Rolle als Vermieter „sehr ernst“ und stehe in regelmäßigem Kontakt mit den Mietern. Man halte die Friedrichstraße für eine wichtige Einkaufslage in der City Ost, sagte Phillip Lee, Senior Marketing Manager. „Die großen Häuser Galeries Lafayette und das Kulturkaufhaus Dussmann sind wesentliche Ankermieter dieser Straße.“ Diese Aussage zumindest könnte eine Sorge in der Straße zerstreuen: Dass die Allianz mit dem Gebäude ganz andere Pläne hat als Einzelhandel. Einige spekulierten bereits, dass Büroräume zurzeit wesentlich lohnenswerter seien.

Christian Gräff, gelernter Einzelhändler und wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, glaubt, dass es schwer würde, einen neuen Ankermieter für das unpraktische Gebäude zu finden. „Wenn die Allianz den Einzelhandel halten will, ist sie gut beraten, auf Lafayette zuzugehen.“

Viele Befürchten negative Folgen für Einzelhandel nach Auszug der Galeries Lafayette

Für Stephan von Dassel, den grünen Bezirksbürgermeister von Mitte, wäre der Wegzug von Lafayette ein verheerendes Zeichen: Die Galeries hätten für Berlin und die Friedrichstraße eine „überragende Bedeutung“ – und das nicht nur, weil sie das größte Geschäft in der Straße seien. „Der Senat muss seine Möglichkeiten nutzen und helfen, überhöhte Mietforderungen des Eigentümers abzuwehren“, sagte von Dassel dieser Zeitung. „Leerstand an dieser Stelle kann sich Berlin nicht leisten.“

Viele Anrainer fürchten den Verlust der prestigeträchtigen Galeries, die mit ihrer Auswahl von Luxusmarken ganze Busladungen von Touristen aus China, Russland und den Arabischen Emiraten anlocken. „Die Galeries Lafayette sind das Merkmal der Friedrichstraße schlechthin“, sagte die Verkäuferin eines angrenzenden Geschäfts. „Sie sind das KaDeWe des Ostens.“ Viele Touristen schauten sich nach einem Besuch in den Galeries zumindest auch in der direkten Umgebung um und sorgen so auch dort für Umsatz. „Wenn das wegfällt, werden wir das merken.“
Andere hingegen haben die Hoffnung für die Friedrichstraße schon ganz aufgegeben. Berliner ziehe es hier ohnehin kaum hin, die Touristen würden wieder stärker an den Kurfürstendamm gehen. Eine junge Verkäuferin steht in einem großen Luxus-Kleiderladen, kein Kunde ist in Sicht: „Sollte Lafayette wegziehen, wird das keine Auswirkungen haben. Die Straße ist sowieso schon tot.“  

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