Fritz Schramma zieht Konsequenzen aus Archiv-Einsturz

Kölns Oberbürgermeister kandidiert nicht mehr

Johannes Nitschmann
3 Min

DÜSSELDORF. Bis in sein Rathausbüro spüre er täglich die Folgen des nervenden U-Bahnbaus, klagte Fritz Schramma: "Mein Schreibtisch wackelt, und meine Mitarbeiter sind sehr beunruhigt." In den letzten Tagen begann auch der Stuhl des Kölner Oberbürgermeisters gefährlich zu wackeln. Selbst prominente Parteifreunde warfen dem CDU-Rathauschef hinter vorgehaltener Hand vor, er habe sich nach der Kölner Einsturz-Katastrophe aus der Verantwortung gestohlen. Angesichts der immer lauter werdenden Kritik zog der 61-Jährige gestern seine Kandidatur für die Oberbürgermeisterwahl am 30. August zurück. Der Christdemokrat sieht sich als Opfer einer "unsäglichen Hetzjagd" im Vorfeld der Wahl. "Offensichtlich ist vielen der Wahlausgang wichtiger als das Wohl dieser Stadt", sagte er verbittert.Mängel und Verstöße beim BauNachdem das Historische Archiv am 3. März in eine U-Bahn-Baugrube gestürzt war und zwei junge Menschen dabei umkamen, geriet der Oberbürgermeister wegen seines mangelhaften Krisenmanagements immer stärker in die Kritik. Die Querelen hatten längst auch die Landespartei und deren Chef, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, aufgeschreckt. Zwar ließ Rüttgers am Samstagabend noch erklären, Berichte über eine Distanzierung der CDU von Schramma entbehrten jeglicher Grundlage. Doch die Partei hatte besorgt registriert, dass immer mehr Mängel und Verstöße beim U-Bahnbau ans Tageslicht kommen, die womöglich Ursache für den folgenschweren Archiv-Einsturz sind. Statt Aufklärung gab es gegenseitige Schuldzuweisungen. Schramma bestritt jede Zuständigkeit für den U-Bahnbau. Im Rathaus regierte er locker nach den Gesetzen des kölschen Grundgesetzes: "Et hätt noch immer jot jejange." Und: "Watt fott es, is fott."Hoffen auf AdenauerDiese Lässigkeit wurde Schramma - auch von Parteifreunden - als Fahrlässigkeit angekreidet. Seit Tagen kursierte in CDU-Reihen ein "Plan B", bei der Wahl mit einem unbelasteten OB-Kandidaten ins Rennen zu gehen. Denn eine Niederlage für die CDU in der größten Stadt Nordrhein-Westfalens und Heimatstadt Konrad Adenauers wäre für Rüttgers acht Monate vor der Landtagswahl ein Menetekel. Schon deshalb wurde Schramma offenkundig auch durch die Landes-CDU vor Augen geführt, dass er als angeschlagener Kandidat nicht in den Wahlkampf ziehen könne.Rüttgers und seine Strategen würden das Rathaus gerne mit einem Adenauer erobern - mit Notar Konrad Adenauer oder dessen Vetter Paul Bauwens-Adenauer, ein gelernter Architekt und Bauunternehmer. Doch Enkel Konrad winkte bereits ab. Und der gestern ebenfalls ins Spiel gebrachte Wolfgang Bosbach, Fraktionsvize im Bundestag, sprach zwar von einem "Traumjob". Aber er wird wohl ablehnen und lieber auf ein sicheres Bundestagsmandat setzen. Bleibt Bauwens-Adenauer, mit dem Rüttgers in den 60er-Jahren gemeinsam das Kölner Apostel-Gymnasium besucht hat.------------------------------Foto: Fritz Schramma, 61, trat gestern gemeinsam mit seiner Frau Ulla in Köln vor die Presse. Er sieht sich als Opfer.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema