Es ist altmodisch, aber ich mag Pünktlichkeit. Vielleicht hängt es mit dem Beruf zusammen. Tageszeitungsjournalisten müssen Deadlines einhalten. Es geht zwar nicht um Leben und Tod, meistens jedenfalls, aber um 18 Uhr ist Andruck.
Neuerdings scheitere ich schon an der ersten Deadline des Tages. Um 8.50 Uhr muss das große Kind in der Kita sein, damit ich pünktlich im Büro sitze. Es ist schwieriger als gedacht, das Haus morgens zu verlassen, vor allem, wenn das Kind dabei angezogen sein soll.
Bungee-Sprung aus dem Hochsitz
Ob wir früher oder später aufstehen, es endet immer damit, dass wir hetzen. Mein Sohn sitzt am Frühstückstisch, ich stelle ihm die blaue Müslischale hin, aber die ist falsch, blau war gestern, also in einem anderen Leben, heute ist rot. Müsli oder Porridge? Müsli, sagt mein Sohn. Ich schütte Müsli ein, Milch dazu, dann bereite ich den Brei für das Baby zu. Während ich das Baby füttere, wird im Radio die Morgenkolumne angekündigt. So spät schon? Das große Kind starrt auf die Schale, als enthalte sie Gift.
„Ich möchte kein Müsli, ich möchte Porridge“, kräht er. Meine Oma hätte gesagt, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Sie hat im Krieg hungern müssen, wie oft habe ich das von ihr gehört. Der Krieg ist vorbei, ich koche Porridge, mein Mann fängt das Baby auf, das sich aus seinem Gurt gelöst hat und einen Bungee-Sprung aus dem Hochsitz macht. Jetzt Tempo, Müslireste aufessen, Brotbüchse packen, zack, zack, ins Bad. In den Büchern, die mein Sohn anguckt, haben es immer die Väter eilig. Papa muss zur Arbeit, Mama hat Zeit. Bei uns ist es umgekehrt, das Kind ist offenbar verwirrt.
Fast nichts fehlt
Als ich aus dem Bad komme, hat mein Sohn alle verfügbaren Decken und Kissen in sein Zimmer geschleppt und versteckt sich. Mama hat es eilig, rufe ich, meine Stimme bekommt diesen schrillen Ton, den ich von meiner Mutter kenne. Er weiß noch nicht, wie die Zeit vergeht. Die Zeit steht für ihn still, wir sind es, die rennen.
Mein Sohn wehrt sich gegen jedes Kleidungsstück. Wenn es nach ihm ginge, würde er jeden Tag in Sandalen und Shorts rausgehen. Wahrscheinlich kommen die englischen Gene bei ihm durch, auf der Insel rennen sie in der Kälte halbnackt herum. Schließlich hat er einen Pullover an, den mit den Rittern, nicht den mit den Streifen, auch eine Hose und sogar Socken. Fehlt der Winteranzug. Das Kind schreit und strampelt. No, no, no.
Der Stress vergeht um 9 Uhr morgens
Dem Ausmaß seines Wutanfalls nach zu urteilen, ist mein Sohn kurz davor, eine Anti-Schneeanzug-Petition bei den Vereinten Nationen einzureichen. Die Kleine sitzt auf dem Boden und zieht sich den Pullover ihres Bruders über den Kopf. Wenn das so weitergeht, kann sie sich bald schneller anziehen als ihr älterer Bruder. Er steht inzwischen in der Tür, fast geschafft, da fällt ihm noch was ein. Wo ist der grüne Traktor? Es ist nach halb neun, Minuten vergehen. Mein Mann macht den Fehler, dem Kind einen gelben Traktor zu geben, weil der grüne unauffindbar ist. Nächster Wutanfall.
Hastig aufs Rad, Fahrradhelm vergessen, runter vom Rad, Treppe hoch, Treppe runter, mit dem maulenden Kind am Arm. Ein Müllauto kommt vorbei, alle Dramen sind vergessen. Letzte Hürde: Kita-Garderobe. Mein Sohn sitzt angezogen auf der Bank, guckt nach links, nach rechts. Mir steht der Schweiß auf der Stirn.
Kurz nach neun sitze ich in der U-Bahn, der stressigste Teil des Tages ist vorbei.
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