FU-Präsident Dieter Lenzen über Ursachen und Wege aus der Finanzkrise des Uniklinikums

"Die Charité scheitert an ihrer Größe"

Thorkit Treichel
7 Min

Die Diskussion um die Zukunft des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF) in Steglitz ist wieder aufgeflammt. Angesichts der Finanzprobleme der Charité, zu der das UKBF gehört, erwägt der Senat, den Standort aufzugeben oder an den ebenfalls landeseigenen Klinikkonzern Vivantes zu übertragen. Im Jahr 2003 war das UKBF mit dem Virchow-Klinikum in Wedding und dem Charité-Campus in Mitte zur neuen Charité fusioniert. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität (FU), sieht nicht ein, warum nun ausgerechnet das UKBF geopfert werden soll. Er will das alte FU-Klinikum retten - in Kooperation mit einem privaten Partner.Herr Professor Lenzen, braucht Berlin drei Unikliniken?Man muss die Frage stellen, ob es vernünftig ist, das Virchow-Klinikum und den Standort in Mitte zu erhalten oder vielmehr die beiden Kliniken zusammenzufassen. Das Universitätsklinikum Benjamin Franklin dagegen ist unverzichtbar.Warum unverzichtbar?In die Klinik kommen ganz andere Patienten als in die anderen Häuser der Charité. Das sind vor allem ältere Menschen, die im Südwesten wohnen und in kein anderes Krankenhaus gehen möchten. Das UKBF kann sich auf die Behandlung von Alterserkrankungen fokussieren.Der neue Finanzsenator Nußbaum überlegt aber, wegen des wachsenden Defizits der Charité das UKBF zu schließen.Eine Aufgabe dieses Standortes wäre eine fatale Entscheidung. Das UKBF hat vor der Fusion mit der Charité schwarze Zahlen geschrieben und jetzt subventioniert Steglitz die anderen Standorte mit.Wirklich?Der Überschuss im Jahr vor der Fusion betrug noch über fünf Millionen Euro.Was läuft schief in der Charité?Die akademische Arbeit ist hervorragend, aber die Krankenversorgung defizitär. Überall gibt es Klagen über veraltete Geräte und den baulichen Zustand der Räume. Aus der Charité hört man wieder schlechte Nachrichten. Das kann so nicht mehr weitergehen. Man kann die Charité nicht weiter auf den Kollaps zutreiben lassen.Wie kann die Charité ihre Probleme lösen?Die Charité scheitert an ihrer Größe. Wenn darüber nachgedacht wird, ob die Charité alle Standorte braucht, könnte eine mögliche Variante darin bestehen, dass vor dem Hintergrund anhaltender staatlicher Kürzungen für das UKBF ein privater Investor gefunden und mit 49 Prozent an dem Haus beteiligt wird. Für einen privaten Klinikkonzern hätte dies den Vorteil, dass er die Krankenversorgung übernehmen könnte. Im Gegenzug müsste er sich bereit erklären, in die Sanierung des Standortes zu investieren und universitäre Forschung und Lehre zu garantieren.Sie wollen also die Fusion des UKBF mit der Charité rückgängig machen?Nein, so weit würde ich nicht gehen. Die Freie Universität kann einen Verbund in Forschung und Lehre in der Charité bilden, zum Beispiel würden wir weiterhin in der Charité die Studenten ausbilden. Es geht darum, die bestehende Konstruktion der drei Unikliniken der Charité mit der Freien Universität und der Humboldt-Universi-tät als Eigentümerinnen zu verändern.Wie muss man sich Ihr Modell vorstellen? Wenn ein privater Krankenhauskonzern das UKBF übernimmt, was wird dann aus den Mitarbeitern der Charité dort?Die Charité-Mitarbeiter betreiben im UKBF weiterhin Lehre und Forschung, während der Investor für den Klinikbetrieb zuständig ist und eine Arbeitsplatzgarantie geben müsste.Was hat die Charité davon und wie würde ein privater Investor profitieren, wenn er nicht allein im UKBF bestimmen könnte?Bei der Kraft der Mitarbeiter kann man davon ausgehen, dass sie wieder in die Gewinnzone zurückkommen könnten.Diese Form der Kooperation hat doch schon in Buch nicht geklappt, wo die Charité die Zusammenarbeit mit dem privaten Helios-Klinikum beendet hat, weil es Probleme mit der Finanzierung gab.Das Land und der Investor könnten vor einer Zusammenarbeit vereinbaren, wer was bezahlt. Es gibt zum Beispiel das Modell, den Anteil der Kosten für Forschung und Lehre auf 35 Prozent und für die Krankenversorgung auf 65 Prozent festzulegen.Ein Investor müsste erst mal Millionen in die Sanierung des UKBF stecken. Wer wäre denn dazu bereit?Der Investitionsbedarf ist mit 200 Millionen Euro in Steglitz vergleichsweise gering, wenn man bedenkt, dass für den Standort in Mitte bis zu 600 Millionen Euro aufgebracht werden müssen. Im Übrigen könnten sich das Land und ein Investor die Kosten für die Sanierung teilen. Das wäre allemal besser, als das Klinikum dichtzumachen.Der Senat fordert eine Kooperation der Charité mit den Vivantes-Kliniken. Was sagen Sie dazu?Es geht nicht anders als mit einer Kooperation, zum Beispiel indem die Charité und Vivantes gemeinsame Labors betreiben. Das Land muss insgesamt sparen. Auch Betten müssen abgebaut werden.Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Vivantes das Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg oder das Wenckebach-Krankenhaus in Tempelhof aufgibt?Eine der beiden Kliniken ist zu schließen. Auch das UKBF wäre bereit, die Zahl der 900 Betten um 200 zu reduzieren. Grundsätzlich ist das Gebäude aber hervorragend als Klinik geeignet, weil es ein Haus der kurzen Wege ist.Das Gespräch führte Thorkit Treichel.------------------------------Großes Haus mit TraditionDie Charité gilt seit der Fusion mit dem Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) der Freien Universität (FU) im Jahr 2003 als Europas größtes Universitätsklinikum. Sie betreibt drei Standorte mit insgesamt 3 200 Betten: den historischen Campus in Mitte - dessen Wahrzeichen das Bettenhochhaus an der Luisenstraße ist -, das Virchow-Klinikum in Wedding, das UKBF in Steglitz sowie Forschungsstätten in Buch. Eigentümer der Charité ist das Land, vertreten durch Humboldt-Universität und FU.Das Uniklinikum dehnt sich auf einer Fläche von 600 000 Quadratmetern aus. Die Charité ist mit rund 10 000 Beschäftigten nach der Deutschen Bahn größter Arbeitgeber der Stadt: Es gibt 2 640 Ärzte, 3 630 Pflegekräfte und rund 800 Verwaltungsangestellte.Mit der Fusion vor sechs Jahren sollte das UKBF gerettet werden. Der Senat hatte ursprünglich beabsichtigt, dem Steglitzer Haus seinen universitären Status zu entziehen und es zu einem kommunalen Krankenhaus herabzustufen. Massive Proteste verhinderten das. Seit der Fusion muss die Charité schrittweise bis zum Jahr 2010 mit einem Drittel weniger staatlichem Forschungszuschuss auskommen, der in diesem Jahr rund 200 Millionen Euro beträgt.Das Defizit der Charité ist nicht zuletzt aufgrund der sinkenden Staatsmittel gestiegen. Ende vergangenen Jahres lag es bei 56 Millionen Euro gegenüber einem Minus von 8,8 Millionen Euro im Vorjahr. Aber sowohl dem früheren als auch dem aktuellen Vorstand ist es auch nicht gelungen, die drei Unikliniken wirtschaftlich zu betreiben. Daher denkt der Senat erneut über die Aufgabe des Steglitzer Klinikums nach. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) arbeitet an einem Konzept zur Zusammenarbeit mit dem gleichfalls landeseigenen Klinikkonzern Vivantes im Südwesten der Stadt.Der Sanierungsbedarf an den Unikliniken ist immens. Er beträgt insgesamt mindestens 750 Millionen Euro - ursprünglich war mit der Hälfte dieses Geldes geplant worden. In Mitte will der Vorstand ein neues Bettenhochhaus für 330 Millionen Euro errichten.Finanzsenator Nußbaum hat diese Mittel jedoch gesperrt, da er ein Finanzkonzept für alle Standorte vermisst. Dies will der Vorstand des Universitätsklinikums bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung nach der Sommerpause Ende August vorlegen.Auch das Klinikum Benjamin Franklin muss saniert werden. Das Haus wurde von 1959 bis 1969 errichtet. Ein Fünftel der Baukosten trugen damals die Amerikaner.Der Gesamtumsatz der Charité belief sich im vergangenen Jahr auf 1,1 Milliarden Euro. 130 200 Patienten wurden stationär und 497 000 ambulant behandelt. 130 Millionen Euro Drittmittel wurden eingeworben. Die Charité wird im kommenden Jahr 300 Jahre alt.------------------------------Foto: Dieter Lenzen ist seit dem Jahr 2003 Präsident der Freien Universität (FU). 2007 wurde er wiedergewählt, seine zweite Amtszeit endet im Jahr 2011. Der Erziehungswissenschaftler ist 61 Jahre alt, geboren wurde er in Münster. 1975 erhielt er an der Universität dort eine Professur und war mit damals 28 Jahren jüngster Hochschullehrer in Deutschland. Für die Abgeordnetenhauswahl 2006 war Lenzen als Spitzenkandidat der Berliner CDU im Gespräch.Foto: Operationssaal im Uniklinikum Benjamin Franklin - nun soll ein privater Investor das Krankenhaus in Steglitz retten.

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