Klaus Wöller klingt überrascht. Dass jemand nach mehr als 30 Jahren noch einmal mit ihm über seine Zeit bei den Füchsen Berlin sprechen möchte, freut den ehemaligen Handball-Torhüter. „Das ist ja eine Sensation“, sagt er.
31 Jahre ist es her, da gelang Wöller mit den Füchsen selbst eine Sensation: Die Deutschlandhalle war mit 9000 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt, als der Nationalkeeper im Spiel gegen die DDR-Spitzenmannschaft SC Empor Rostock in der letzten Minute den entscheidenden Ball parierte und so dafür sorgte, dass die Reinickendorfer erstmals in das Halbfinale um den europäischen Pokal einzogen. „Oh ja, an das Spiel kann ich mich noch sehr gut erinnern“, sagt der 58-Jährige, der inzwischen als Versicherungsvertreter in der Nähe von Göppingen arbeitet.
Heute, drei Dekaden später, stehen die Berliner zum zweiten Mal im Halbfinale des europäischen Wettbewerbs. Im Final Four des EHF-Pokals treffen sie auf Pick Szeged aus Ungarn (14.35 Uhr, Schmelinghalle). Vieles hat sich inzwischen verändert: Statt in der Deutschlandhalle, die einem modernen Kongresszentrum weichen musste, finden die Spiele der Füchse nun in der Max-Schmeling-Halle im hippen Prenzlauer Berg statt. Wöller hat die Halle noch nie gesehen. „Damals stand ja die Mauer noch“, sagt er. Und bei den zwei Besuchen, die er seit seinem Weggang in die Hauptstadt unternommen hat, kam bislang nicht der Wunsch auf, Sportspielstätten aufzusuchen, erzählt er.
„Aber der Herr Hanning kann mich ja gern mal einladen zu einem Spiel“, sagt er. Das sollte wohl kein Problem sein, schließlich hat der Manager der Füchse Berlin gerade verlauten lassen, dass noch 1000 Karten zu vergeben seien für die Finalspiele um den EHF-Pokal am Wochenende. „Wie heißt das Ding heute, EHF-Pokal?“, fragt Wöller. Zu seiner Zeit lautete die Bezeichnung zunächst IHF-Pokal, dann Europapokal der Pokalsieger – aber nicht nur der Name, auch der Wettbewerb wurde immer wieder modifiziert. In diesem Jahr werden die Finalspiele erst zum zweiten Mal im Modus des Final Four ausgetragen.
Positive Wandlung
Bei allen Entwicklungen habe die größte Wandlung der Verein selbst durchlaufen, findet Wöller. „Was die in Berlin auf die Beine gestellt haben, Hut ab“, sagt er. Wöller selbst spielte von 1982 bis 1985 für die Füchse. Damals hatte der Klub noch ganz andere Strukturen: Mit Immobilienmakler Willi Bendzko gab es genau einen potenten Geldgeber, von dem alles abhing.
Bendzko war es auch, der Hochkaräter wie Wöller, Nationalspieler Walter Don, Zvonimir Serdarusic und Predrag Timko in die Hauptstadt lockte. „Ich hatte die Wahl zwischen München-Schwabing und Berlin“, sagt der Olympiazweite von 1984. Den Ausschlag gab schließlich die schicke Wohnung, die Makler Bendzko für den Torhüter bereitstellen konnte.
„Das war eine schöne Zeit damals“, sagt Wöller. Doch als die Titel ausblieben, verlor Mäzen Bendzko die Freude an seinem „Hobby“, wie Wöller es nennt, und zog sich in der Saison 1985/86 zurück. Da war Wöller bereits in München und verfolgte nur noch aus der Ferne, wie die Berliner sich nach dem Abstieg in die Regionalliga ganz langsam und durch den Einsatz von Thomas Micheli aufrappelten und in die Zweite Liga aufstiegen.
„Der heutige Erfolg kam aber, glaube ich, in erster Linie durch Bob Hanning“, sagt Wöller, „er und seine Helfer haben die Füchse zu dem gemacht, was sie heute sind. Das finde ich genial.“
Das Konzept geht auf
Heute sind die Füchse wirtschaftlich stabil, rangieren seit drei Jahren unter den Top Fünf der Liga und haben sich besonders in der Nachwuchsarbeit einen Namen gemacht. „Ich kann mich nicht mal erinnern, dass wir damals überhaupt eine Jugendmannschaft bei den Füchsen hatten“, sagt Wöller, „was die heute in Berlin mit den jungen Burschen machen, das gibt es in vielen Vereinen in der Form nicht.“
Einzig, ob dieses Konzept die Berliner auf eine Ebene mit anderen deutschen Spitzenklubs führen kann, wurde in den vergangenen Jahren oftmals infrage gestellt. Mit dem Gewinn des DHB-Pokals im April haben die Füchse aber eindrucksvoll bewiesen, dass sie durchaus ganz oben mitspielen können. „Das hat mich echt überrascht“, gibt Wöller zu, „aber ich habe es ihnen gegönnt.“
Jetzt haben die Berliner die Chance, die Saison mit einem zweiten Titel zu krönen – noch dazu in eigener Halle. Dafür müssen sie aber zunächst gegen den ungarischen Klub Pick Szeged gewinnen. „Szeged ist schon eine Aufgabe, ich nehme an, das wird ein sehr enges Spiel“, sagt Wöller. Sollten die Füchse gewinnen, warten im Finale am Sonntag (15 Uhr) entweder die aus der Vorrunde bekannten Rumänen vom HCM Constanta oder der 14-malige französische Meister Montpellier HB. Beide Teams stehen sich am Sonnabend um 17.15 Uhr in der Schmelinghalle gegenüber.
Wöller ist es damals nicht gelungen, mit den Füchsen ins Finale um den europäischen Pokal einzuziehen. Bei ihrer letzten Halbfinalteilnahme, 1983, unterlagen die Berliner dem sowjetischen Klub ZTR Saporoshje im Hin- und im Rückspiel.
Dafür weiß Wöller aber ganz genau wie es sich anfühlt, innerhalb eines Jahres sowohl den nationalen als auch den europäischen Pokal zu gewinnen, schließlich ist ihm das 1981 mit TuS Nettelstedt gelungen. „Ich drücke den Berlinern auf jeden Fall die Daumen“, sagt er.
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