Füchse-Star Petar Nenadic

Genie im Abflug

Der Serbe ist so gut geworden, dass die Füchse ihn nach der Saison abgeben müssen.

Jakob Lobach
4 Min
Der Torgarant Petar Nenadic ist mannschaftsdienlicher geworden, ohne an Gefahr einzubüßen. „Er ist ein Künstler und du darfst ihm seine Kreativität nicht wegnehmen“, sagt sein Trainer Velimir Petkovic.

Der Torgarant Petar Nenadic ist mannschaftsdienlicher geworden, ohne an Gefahr einzubüßen. „Er ist ein Künstler und du darfst ihm seine Kreativität nicht wegnehmen“, sagt sein Trainer Velimir Petkovic.

© imago

Petar Nenadic sieht nicht unbedingt wie der Prototyp eines Handballers aus. Mit seinen 1,98 Metern ist er zwar groß, sonderlich muskulös oder mit einem außergewöhnlich breiten Kreuz ausgestattet ist er hingegen nicht. Hinzu kommen der leicht schläfrige Blick und eine Art zu gehen, die sich als eine Mischung aus Schlendern und Schlurfen beschreiben lässt. Das der Eindruck trügt, weiß Carsten Lichtlein. Lichtlein ist Torwart beim VfL Gummersbach, er sagt: „Er kommt immer ein bisschen lethargisch an, aber dann explodiert er.“ Lichtlein muss es wissen: Neun Tore von Nenadic kassierte er vorige Woche.

Seit seinen 229 Treffern spätestens, die ihn in der Spielzeit 2015/16 zum Torschützenkönig machten, weiß es die ganze Bundesliga. Vor dem heutigen Spiel der Füchse in Leipzig (19 Uhr, Sky), staunt man folglich über eine andere Komponente im Spiel des 31-Jährigen. So hat sich der einst als Egoist verschriene Nenadic längst zu einem Teamspieler entwickelt, der mehr kann als nur Tore werfen. Was sich zum handfesten Problem für die Berliner auswächst: Nenadic ist nun auch für die besten Klubs interessant geworden, sodass der Serbe gerade wohl seine letzte Saison im Trikot der Füchse spielt − sein Vertrag läuft im Sommer aus.

Dabei ist es nicht lange her, dass die Personalie keinesfalls so unumstritten war, wie sie es heute ist. Unter Trainer Erlingur Richardsson, dem Vorgänger von Velimir Petkovic, war der Serbe schlecht ins Team integriert und fand sich in brisanten Phasen häufig gar auf der Bank wieder. Ein Ausnahmespieler sei er ja, aber eben auch ein Egoist. Einer, der zu viel wirft und lieber gegen zwei Gegenspieler den Abschluss sucht, statt den freien Nebenmann zu bedienen. Das ist Geschichte. „Er hat sich in den Monaten, die ich jetzt hier bin, geändert“, sagt Petkovic, „er spielt jetzt viel mehr für die Mannschaft.“

19 Assists in fünf Saisonspielen

Am deutlichsten äußert sich die neue Mannschaftsdienlichkeit des Rückraumspielers in 19 Assists, direkten Torvorlagen, die er in den ersten fünf Saisonspielen bereits geliefert hat. Zu beobachten ist, dass Nenadic seltener aus Spielsystemen ausbricht, dass er stattdessen den Ball schneller an Mitspieler weiterspielt. Besonders, wenn er von mehr als einem Gegner angegangen wird, passt er ihn nun rechtzeitig weiter. „Ich habe ihm ein paar Mal gesagt, dass er den Ball öfter mal weiterspielen soll“, sagt Petkovic. Manager Bob Hanning ist überzeugt, dass der Trainerwechsel „sehr viel“ zum Leistungssprung beigetragen hat.

Tatsächlich scheint Petkovic gelungen zu sein, woran der Vorgänger scheiterte: Er hat den rechten Umgang mit seinem Schützling gefunden. Entscheidend ist, dass der Bosnier seinen Star zwar motiviert, den Ball öfter mal abzugeben, ihm jedoch keinesfalls verbietet, seine individuelle Klasse auch immer wieder auszuspielen. „Es gibt nicht viele Spieler, die eine solche Genialität haben“, sagt Petkovic, „er ist ein Künstler und du darfst ihm seine Kreativität nicht wegnehmen.“

Allein die Berliner Handballfans dürften nicht mehr allzu lange in den Genuss kommen, die Fähigkeiten live zu erleben. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass der Serbe seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bei den Füchsen verlängert. Heftig wird er von europäischen Spitzenklubs umworben. Hanning erzählt: „Veszprém hat mich schon zwei Mal angerufen. Die wollen ihn am liebsten sofort haben, aber wir wollen ihn nicht gehen lassen.“ Nenadic sagt, er habe sich zu seiner Zukunft „schon Gedanken gemacht und ein paar Ideen“ − die seien derzeit allerdings nicht relevant.

Konkreter wird er, wenn es um sportliche Ziele geht. „Ich will irgendwann die Champions League gewinnen“, sagt er – und seine Augen leuchten. Weil er mit 31 Jahren zum einen nicht mehr der Jüngste ist, es zum anderen ziemlich ausgeschlossen ist, dass die Füchse in naher Zukunft um den Titel in der Königsklasse mitspielen werden, erscheint ein Wechsel zu einem Top-Klub im Sommer wahrscheinlich. Bis es soweit ist, darf man sich bei den Füchsen zunächst allerdings auf zahlreiche weitere Glanzauftritte Nenadics freuen. Vielleicht ja schon heute Abend in Leipzig.

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