Eigentlich könnte Heinz Schulz Urlaub machen. Er ist einer von vier Restaurantleitern im Tele-Café im Fernsehturm am Alexanderplatz. Und dort sind jetzt die Handwerker zugange. In der Kugel werden die Räume gestrichen und neue Teppiche verlegt. Techniker überprüfen die Anlagen und Leitungen des 368 Meter hohen "Telespargels", wie er im Volksmund heißt. Die Renovierung kostet 250 000 Mark. Für Besucher ist der Turm deshalb bis zum 19. Januar geschlossen. Lampen wie SuppentöpfeSchulz macht aber keinen Urlaub, sondern packt selbst mit an. "Ich zieh mir den Blaumann an und helfe mit, da lernt man den Turm erst richtig kennen", sagt er. An seinem Arbeitsplatz ist der Charme aus vergangenen Zeiten noch allgegenwärtig. Die Wände im Treppenaufgang von den Fahrstühlen in das Tele-Café schmückt ein Glasmosaik aus blauen, gelben und roten Steinchen. Von der Decke im Café wachsen weiße Blumengestecke aus Plastik und über den Tischen hängen silberne Lampen, die wie umgedrehte Suppentöpfe aussehen. Maximal 200 Gäste finden auf den schwarzen Ledersesseln in dem Café Platz, das sich ein bis zweimal in der Stunde um 360 Grad dreht. Der Stil der sozialistischen Spätsechziger ist bis heute erhalten. Bei der Renovierung soll er nicht verschwinden sondern aufgefrischt werden. Die Betreiberin, die "TV Turm Alexanderplatz Gastronomiegesellschaft", will in der Eingangshalle des denkmalgeschützten Turmes sogar Teile der ursprünglichen Wandverkleidung aus Holz wieder anbringen. Außerdem soll der alte Kronleuchter wieder im Foyer aufgehängt werden. Der Leuchter hing bereits in der Eingangshalle, als Walter Ulbricht am 3. Oktober 1969 den Fernsehturm eröffnete. Das Bauwerk war damals mehr als ein einfacher Neubau. Architekt Hermann Henselmann hatte einen "Turm der Signale" entworfen und die Kugelform vom russischen Satelliten Sputnik entliehen. Aus 8 000 Kubikmetern Beton und 5 000 Tonnen Stahl baute sich die DDR die "Architektur für eine Gesellschaft auf der Schwelle zum Kosmos", wie Kunsthistoriker Peter Müller sagt. Dazu passt, dass drei Tage nach der Eröffnung die erste Frau im Weltall, die russische Kosmonautin Walentina Tereschkowa, den Turm besuchte.Dabei verdankt der Fernsehturm seinen zentralen Standort eher einem Missgeschick. Ursprünglich sollte die dringend nötige TV-Sendeanlage auf den Müggelbergen gebaut werden. Die Anlage war halb fertig, als jemandem auffiel, dass der Turm mitten in der Einflugschneise des Flughafens Schönefeld stehen würde. Ulbricht persönlich platzierte den Turm kurzerhand in die Stadtmitte.Ein großer Vorteil, wie sich heute zeigt. "Durch unseren Standort haben wir mehr Touristen als andere Fernsehtürme in Deutschland", sagt Heinz Schulz. Die zentrale Lage beschere dem Turm jeden Tag 3 000 bis 4 000 Besucher und schwarze Zahlen in den Bilanzen. "Dafür müssen wir dem Ulbricht eigentlich dankbar sein."BLZ / DANIEL BRAUN Die Renovierungsarbeiten am Fernsehturm // 368 Meter hoch ist der Fernsehturm erst seit 1996. Damals wurde mit einem Lastenhubschrauber eine neue Antenne installiert, die den Turm um drei Meter wachsen ließ. Im Tele-Café auf 207 Meter Höhe wird der teppich ausgwechselt, auf dem die rund eine Million Besucher pro Jahr ihre Spuren hinterlassen haben. Die Lüftungsanlagen werden ebenso überprüft wie die Technik des Drehrings im Restaurant. Dessen Geschwindigkeit kann verändert werden: eine halbe bis zu einer Stunde für eine Umdrehung. Die Aussichtsetage auf 203 Meter Höhe erhält ebenfalls einen neuen Anstrich. Beim großen Umbau vor fünf Jahren investierte die Eigentümerin Deutsche Telekom rund 50 Millionen Mark und ließ Trinkwasser-, Schmutzwasser- und Heizungsanlagen sowie die drei Aufzüge erneuern. In der Eingangshalle sollen eine neue Wandverkleidung und ein originalgetreuer Kronleuchter das Aussehen von 1969 wiederbeleben. Schöner neuer Fernsehturm: 1995 begann die Kosmetik-Kur.VOLKER ETTELT Das Tele-Café im Jahr 1971. Fritiertes und Gebratenes steht bis heute nicht auf der Speisekarte - wegen Brandgefahr.KARL-HEINZ KRAEMER Fernblick aus dem Panorama-Café in 207 Metern Höhe.
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