Der Tag, an dem Prinzessin Diana starb, war für Familie Engelhardt ein besonderer Tag. Man könnte sagen, dieser Tag war ihr Glückstag.Es war der 31. August, ein Sonntag, und er begann zunächst nicht außergewöhnlich. Andre Engelhardt und seine Frau Annette kamen morgens von einer Party zurück. Bevor sie ins Bett gingen, schalteten sie noch den Fernseher an. Es war fünf Uhr, und auf allen Sendern gab es nur ein Thema: Prinzessin Diana tödlich verunglückt.Komm mal her, rief Andre Engelhardt seiner Frau zu. Lady Di ist tot. Oder so was in der Art. Genau kann er sich nicht mehr erinnern. Er weiß nur, und das mit Sicherheit, daß er in diesem Moment nicht an Vermarktung dachte. Keineswegs. "Es war ein Schock, ich hab zu meiner Frau gesagt, das kann doch nicht wahr sein, so ·ne nette Frau." Die Engelhardts wohnen in Großkarolinenfeld, einer Kleinstadt bei Rosenheim in Bayern. Der Ort hat 2 000 Einwohner, zwei Kirchen, eine Post und drei Supermärkte. Engelhardts besitzen eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Garten im Blumenviertel, gegenüber der Schule. Sie haben eine 17jährige Tochter, einen Hund, einen Swimmingpool, ein Heimsolarium und fahren zweimal im Jahr nach Mallorca in ihr Stammhotel. Sie hören gerne deutsche Schlager, und Prinzessin Diana kannten sie nur aus Klatschzeitungen. Sie waren "nicht einmal Fans". Eigentlich, sagt Andre Engelhardt, haben wir uns ja immer mehr für Caroline von Monaco interessiert. "Die hat irgendwie mehr Stil."Gleich am Montag morgen tippte er die Nummer des Deutschen Patentamtes in München in sein Faxgerät und schaute zu, wie das Blatt langsam durch die Maschine lief. Es war sein Antrag, die Rechte an dem Namen der toten Prinzessin auf ihn, Andre Engelhardt, zu übertragen. Er hatte fünf Warengruppen und 40 Produkte dazugeschrieben, die so heißen könnten, Parfums, ätherische Öle, Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Handtaschen, Regenschirme, Hüte, Hosen, Shorts Engelhardt hatte nichts ausgelassen. Er war jetzt völlig nüchtern, und ihm war klar, daß das hier der Coup seines Lebens sein könnte. Wenn alles glattging. Der Mann wußte, daß hundert andere die gleiche Idee haben könnten.Hatten sie auch, wie der Geschäftsmann später recherchierte. Das Glück der Engelhardts aus Bayern bestand darin, die ersten gewesen zu sein.Vor zwei Wochen erhielt Andre Engelhardt die Nachricht, daß am 7. Januar dieses Jahres die Marke Lady Di beim Deutschen Patentamt unter der Nummer 397 41 706 auf seinen Namen eingetragen wurde. Annette und Andre Engelhardt besitzen somit europaweit die Rechte an dem Namen "Lady Di" und allen anderen Namen, die juristisch betrachtet mit "Lady Di" "verwechslungsfähig" sind. Lady Di gehört ihnen. Es ist elf Uhr morgens in Großkarolinenfeld. Andre Engelhardt hat sich fein gemacht. Er trägt ein weißes Hemd, Jeans, schwarze Slipper an den Füßen, und über der Samtcouch in seinem Wohnzimmer liegt sein Jackett bereit. Seit er die Nachricht seines Namenkaufs als "allgemeine Pressemitteilung" herausgegeben hat, klingeln ständig Kamerateams an seiner Haustür, um ihn zu interviewen. Das ZDF war da, die ARD, SAT 1, RTL, Pro 7 und sogar die BBC. Wer weiß, wer noch alles kommt. Da will er vorbereitet sein und gut aussehen. Wenn nur seine Haare richtig liegen würden. Hinten stehen die so hoch, findet Engelhardt und drückt ununterbrochen die flache Hand auf seinen Schädel, als würde das helfen. Dann zündet er sich eine Zigarette an und erzählt seine Geschichte.Engelhardt, 34 Jahre alt, ist in Hamm geboren und arbeitete als Industriekaufmann, bis er in Paderborn mit dem Jura- und Wirtschaftsstudium begann. Er hat es später wieder abgebrochen, und es wäre eigentlich auch nicht der Rede wert, wenn Engelhardt nicht in den Semesterferien des Jahres 1994 mit Freunden nach Mallorca gefahren wäre, wilde Nächte in "Ballermann 6" gefeiert und dabei eine bemerkenswerte Idee gehabt hätte. Der Student stellte nämlich fest, "daß bei Ballermann 5 zehn Leute und nebenan bei Ballermann 6 tausend saßen". Ballermann 6 war also berühmt, und von dieser Berühmtheit könnte er, Andre Engelhardt, profitieren, indem er einfach den Namen kaufte. Daß das ab 1. Januar 1995 möglich sein würde, wußte Engelhardt durch eine Studienarbeit am neuen Markenrecht, an der er gerade saß. Ein halbes Jahr später, das neue Gesetz war nun in Kraft, erwarb Engelhardt für 800 Mark so viel kostet ein Antrag beim Patentamt die Rechte an "Ballermann 6". Zum Anfang war es mehr ein Experiment, aber Engelhardt merkte bald, daß er hier eine bequeme Möglichkeit entdeckt hatte, Geld zu verdienen. Er engagierte Anwälte, die Ballermann-Lizenzen verkauften und für ihn recherchierten, wer den Namen "Ballermann 6" ohne Lizenz benutzte. Das Geschäft lief so gut, daß er sich ein Büro in seiner Wohnung einrichtete, die Ein-Mann-Firma "A. Engelhardt Markenkonzepte" gründete und begann, mit dem Erwerb von Namen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wobei er scheinbar unkoordiniert vorging. Nach "Ballermann 6" erwarb er die Rechte an: "Hierbas, der grüne Steinbeißer", ("Ein grüner Schnaps, 40 Umdrehungen"), "Quarter Back" ("Superstar einer Footballmannschaft") und "Muttis Bügelmusik" ("Wir machen eine CD zum Muttertag. Mit Schlagern, die Muttis gern beim Bügeln hören.") Nach Muttis Bügelmusik kam Diana.Annette Engelhardt ist nach Hause gekommen. Die beiden haben sich vor drei Jahren im "Rio Palace" auf Mallorca kennengelernt. Annette ist 39, arbeitet täglich ein paar Stunden als Krankenschwester in einem Behindertenheim und ist seit letzter Woche offizielle Beraterin ihres Mannes in Sachen Diana. Herr Engelhardt glaubt, daß Lady Di besser zu seiner Frau paßt als zu ihm. "Ich bin mehr der Feier-Meier." In ihrer Funktion als Beraterin erklärt Annette jetzt Journalisten aus aller Welt, wie ein Lady-Di-Parfum zu riechen hat: "Blumig und sportlich frisch." Blumig wegen Englands Rose und sportlich, weil die Prinzessin ja gern ins Fitneßcenter ging. Unsicher ist die Diana-Expertin jedoch, was die Modekollektion betrifft: "Lady Di hat ja gerne helle Farben getragen. Ich dagegen steh· auf Braun und Schwarz." Schwierige Sache.Familie Engelhardt sitzt auf ihrer lila Samtcouch und genießt das Geschäft ihres Lebens. Der Hund hat es sich auf einer Decke bequem gemacht, im Fernsehen läuft das Video mit den letzten Aufzeichnungen. Annette und Andre mit Sekt anstoßend, Annette und Andre Küßchen gebend, Annette und Andre, wie sie die Urkunde von der Postbotin entgegennehmen. Engelhardts sind jetzt wer. Das Telefon klingelt. Die Anwältin ist dran. Als Engelhardt auflegt, hat er schon wieder eine gute Nachricht: "Wir machen das jetzt auch für Japan." Dann ruft Radio Regenbogen an, und für morgen hat das Bayerische Fernsehen eingeladen. Da wird man leicht größenwahnsinnig. "Wir werden die Anbieter von Lady-Di-Produkten durch unsere Anwälte rigoros verfolgen lassen", kündigt das Familienoberhaupt an. Und wenn er es sich recht überlegt, könnte er ja sogar das britische Königshaus zur Kasse bitten. Keine üble Vorstellung für den Kleinunternehmer."Also, der Earl Spencer", sagt Andre Engelhardt und schlägt die Beine übereinander, "der hat sich ja nie gekümmert. Verarmter Adel, und jetzt vermarktet er den Namen seiner Schwester." Schlecht sieht es auch für die Queen aus, ebenso für Charles, gut hingegen für Dianas Söhne William und Harry und auch für Elton John. "Bei Englands Rose würden wir nicht eingreifen. So was Schönes." Andre Engelhardt ist sich sicher, daß die Mitteilung über seinen Coup inzwischen auch den Bukkingham-Palast erreicht hat. "Die haben garantiert schon beim Frühstück über uns gesprochen."
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