Für immer Ostdeutscher

Maxim Leo
4 Min

Eine Frau vom Radio hat mich angerufen. Sie sagte, sie würde gern ein Interview machen. Mit mir als Ostdeutschem. "Die wiedervereinigte Hauptstadt, drei Minuten dreißig in unserer Morgenshow. Es wäre schön, wenn Sie das so unterhaltsam wie möglich machen könnten." Ich fragte, warum sie eigentlich mich anruft. "Sie kommen doch aus Ostdeutschland, oder?" Ich überlegte, was ich sagen soll und dann sagte ich "ja", weil alles andere zu kompliziert gewesen wäre.Ein paar Tage vorher hatte schon die Deutsche Welle angerufen und eine Zeitung aus Düsseldorf und ein französischer Radiosender. Sie alle brauchten wieder dringend Ostdeutsche zum großen Jubiläum. "Möglichst witzig", "möglichst originell", "mit einem Augenzwinkern, Sie wissen schon Herr Leo". Das ist übrigens gerade der neue Trend im DDR-Business. Noch vor ein paar Jahren wollten sie im Westen nur die traurigen Geschichten hören, jetzt muss es lustig sein. Für mich ist das überhaupt kein Problem. Ich bin mit den Jahren ein professioneller Ostdeutscher geworden. Wer Stasi will, der kriegt von mir Stasi. Und wer lachen will, dem haue ich die lustigen Geschichten um die Ohren, dass die Erde wackelt.Dass ich mal Ostdeutscher von Beruf sein würde, hatte ich nicht geplant. Ich bin da so reingerutscht, könnte man sagen. Der Bedarf nach ostdeutschen Geschichten war riesig und ehrlich gesagt brauchte ich auch das Geld. Zwischendurch habe ich mal versucht, was anderes zu machen. Aber das hat denen im Westen überhaupt nicht gefallen. Sie wollten das ostdeutsche Zeug, sonst nichts. Letztes Jahr hatte ich gerade noch rechtzeitig zum Mauerjubiläum ein Buch über meine ostdeutsche Familie geschrieben. Ich habe dann eine Lesereise durch Deutschland gemacht und nach vielen Abenden in der westdeutschen Provinz lag ich in einem Doppelbett im Intercity-Hotel in Celle und musste daran denken, wie verdammt ironisch die Geschichte doch manchmal ist. Wer hätte schließlich damit gerechnet, dass gerade die DDR mir mal so viele Westreisen einbringen würde?Vor zehn Tagen war ich in Helsinki, wo die finnische Ausgabe meines Buches Premiere hatte. Ich fragte den Verleger, wie sie denn nun gerade auf mein Buch gekommen sind und er sagte, in Finnland hätten sie die DDR immer geliebt. "Für uns wart ihr die guten Kommunisten." Am Abend sollte eine Podiumsdiskussion in einer Buchhandlung im Zentrum von Helsinki stattfinden. Ich hatte starken Schnupfen und im Flugzeug war bei der Landung mein rechtes Ohr zugeschwollen. Nur wenn ich den Kopf schräg nach unten senkte und mein Kinn die Brust berührte, konnte ich etwas hören. Zudem war offenbar mein Gleichgewichtssinn durch die Ohrschwellung gestört, was dazu führte, dass ich nicht mehr gerade laufen konnte. Ich muss ein bisschen so ausgesehen haben wie der buckelige Mönch in "Der Name der Rose". Aber das schien in Helsinki niemanden zu stören. Vielleicht haben sie das für einen ostdeutschen Tick gehalten, oder für das Werk der Stasi.Die Buchhandlung war voll, die Leute sahen mich erwartungsvoll und auch ein wenig mitleidig an, wie einen, der gerade noch so davongekommen ist. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind mal mit meiner Mutter beim Festival des politischen Liedes in der Seelenbinder-Halle gewesen war. Auf der Bühne hatten ein paar Chilenen mit bunten Umhängen und Panflöten gestanden und meine Mutter sagte, diese Männer seien dem Folterregime in Chile entkommen. Die ganze Zeit dachte ich daran, wie furchtbar es für diese Musiker sein muss, nach dem Besuch in der DDR in ihre Heimat zurückzukehren. Erst viel später habe ich erfahren, dass die Chilenen in West-Berlin wohnten und fette Plattenverträge hatten.Ich kam mir damals betrogen vor und jetzt in Helsinki fühlte ich mich selbst wie ein Betrüger. Wenn die Finnen wüssten, dass ich eine französische Frau und eine Eigentumswohnung habe, wahrscheinlich hätten sie mich gar nicht eingeladen. Der Verleger fragte, ob ich mich noch als Ostdeutscher fühle. Ich überlegte, was ich sagen soll und dann sagte ich "ja", weil alles andere zu kompliziert gewesen wäre.

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