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Fußball-EM 2024: Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie politisch der Sport ist

Juden spielten eine wichtige Rolle für den deutschen Fußball. Unter den Nazis wurden sie verfolgt und ermordet. Auch später blieb der Sport politisch umkämpft.

Ernst Reuß
9 Min
Julius Hirsch galt als der beste Stürmer seiner Zeit. 1943 wurde er im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Julius Hirsch galt als der beste Stürmer seiner Zeit. 1943 wurde er im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

© Fußball und Olympischer Sport

Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt, sang 1974 die deutsche Fußballnationalmannschaft der BRD. Es wurde ein Hit. Bald findet in Deutschland die Fußballeuropameisterschaft statt und viele Menschen überall in Europa werden genau das empfinden.

Als der Fußball nach Deutschland kam, regierte der Fußball noch nicht die Welt und wurde in Deutschland als „Fußlümmelei“ abgewertet und abgelehnt. Turnen und der eher militärische Drill waren damals angesagt. Fußball galt als durch und durch „undeutsch“.

Man rümpfte die Nase über den proletenhaften Sport aus England. Da in einigen dieser deutschen Turnvereine bereits um die Jahrhundertwende Juden nicht erwünscht waren, waren aber gerade Fußballvereine für jüdische Mitbürger besonders attraktiv. Bayern, der Klub oder die Eintracht aus Frankfurt wurden von Juden mitgegründet. Auch an der Entstehung des DFB waren Juden entscheidend beteiligt.

Besonders bedeutsam war der Jude Walther Bensemann. Der reisefreudige Mann war an der Gründung zahlreicher Fußballvereine in Süddeutschland beteiligt. Er organisierte die ersten internationalen Begegnungen und hatte sich den Namen Deutscher Fußball-Bund ausgedacht. 1920 gründete er außerdem den „Kicker“, auch heute noch die „Bibel“ für den deutschen Fußballfan.

Nur wenige Wochen nach Hitlers Machtantritt wurden Juden aus den bürgerlichen Vereinen ausgeschlossen. Sie wurden zu Sündenböcken eines gnadenlosen Regimes, dem ein großer Teil der aufgehetzten Bevölkerung willig folgte. Bensemann wurde fortgejagt. Er starb 1934, kurz nach der geglückten Emigration in die Schweiz. Auch dem jüdischen Nationalspieler Gottfried Fuchs, der den bis heute unerreichten Rekord von zehn Toren in einem Spiel der Nationalmannschaft aufgestellt hatte, gelang die Auswanderung nach Kanada.

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Der jüdische Nationalstürmer Julius Hirsch wurde ermordet

Anders erging es jedoch dem jüdischen Nationalstürmer Julius Hirsch, der 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurde. Aus den berühmten Nationalmannschafts-Sammelalben des Kicker Sportmagazins wurden die Porträts der beiden Nationalspieler fortan verbannt.

Hirsch galt als einer der besten Stürmer seiner Zeit. Als erstem Fußballer gelang es ihm, mit zwei Vereinen Deutscher Meister zu werden: 1910 mit dem Karlsruher FV und 1914 mit der SpVgg Fürth. In seinem zweiten Länderspiel gegen die Auswahl der Niederlande schoss er als erster deutscher Nationalspieler vier Tore in einem Spiel.

Die Mannschaft der Karlsruher Kickers 1895. Sitzend in der Mitte Walther Bensemann (mit Ball). Dieses Foto zierte 25 Jahre später, am 14. Juli 1920, die Titelseite der ersten Kicker-Ausgabe.

Die Mannschaft der Karlsruher Kickers 1895. Sitzend in der Mitte Walther Bensemann (mit Ball). Dieses Foto zierte 25 Jahre später, am 14. Juli 1920, die Titelseite der ersten Kicker-Ausgabe.

© wikimedia commons

Hirschs Schicksal wurde auch in der Nachkriegszeit noch lange verschwiegen. Erst nach vielen Jahrzehnten begannen unabhängige Sporthistoriker damit, sich seiner Person ausführlicher zu erinnern. Seit 2005 vergibt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den „Julius-Hirsch-Preis“. Dieser wird besonders für Aktivitäten verliehen, die sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen wenden.

„Ich lese heute im Sportbericht Stuttgart, dass die großen Vereine, darunter auch der KFV, einen Entschluss gefasst haben, dass die Juden aus den Sportvereinen zu entfernen seien. Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV, dem ich seit 1902 angehöre, meinen Austritt anzeigen. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt.“

Bereits zwei Monate nach der Machtübernahme der Nazis hatten einige – teilweise von Juden mitgegründete – Vereine in einer gemeinsamen Erklärung unterstrichen, „insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen“ mit den neuen Machthabern „freudig und entschieden“ zusammenarbeiten zu wollen. Mit dabei waren Kaiserslautern, die Eintracht aus Frankfurt, der Klub und Fürth, die Bayern und die „60er“. Dies alles geschah laut Historikern im vorauseilenden Gehorsam, ohne dass die nationalsozialistische Regierung darauf gedrängt hatte.

Julius Hirsch kam seinem Rausschmiss kurz nach der Erklärung 1933 durch Austritt zuvor und schrieb an seinen Verein:

Letztes Lebenszeichen von Julius Hirsch

Nach den vielen Demütigungen unternahm Hirsch 1938 einen Selbstmordversuch. Später ließ sich seine Frau von ihm scheiden, um zumindest die gemeinsamen Kinder zu retten. Was für eine verzweifelte und traurige Entscheidung! Für Hirsch bedeutete dies das Ende der von den Nazis privilegierten „Mischehe“.

Im Februar 1943 wurde dem 50-jährigen Julius Hirsch mitgeteilt, dass er sich zu einem Transport zum „Arbeitseinsatz“ am Hauptbahnhof einzufinden habe. Von dort wurde er gemeinsam mit elf weiteren badischen Juden nach Auschwitz deportiert, wo er wahrscheinlich umgehend vergast wurde. In den dortigen Eingangsbüchern wurde er nicht mehr erwähnt.

Sein letztes Lebenszeichen war eine Postkarte von unterwegs, die erst am 3. März in Dortmund abgestempelt wurde: „Meine Lieben. Bin gut gelandet, es geht gut. Komme nach Oberschlesien, noch in Deutschland. Herzliche Grüße und Küsse euer Juller“

Seine beiden 22 und 17 Jahre alten Kinder wurden dennoch später in das KZ Theresienstadt deportiert. Beide wurden jedoch am 7. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit. Seine Frau nahm nach dem Krieg den Namen Hirsch wieder an, sprach aber bis zu ihrem Tod nicht über das tragische Schicksal.

Seine Tochter erinnerte sich nach dem Krieg: „Am 1. März 1943 habe ich meinen Vater Julius Hirsch zum Hauptbahnhof in Karlsruhe gebracht und von dort wurde er abtransportiert, in einem normalen Zugabteil. Es war eines der schrecklichsten Erlebnisse meines Lebens. Es war ein strahlend schöner Tag. Noch heute kann ich nicht begreifen, dass an diesem Tag die Sonne scheinen konnte! Wir haben nicht geglaubt, dass wir ihn nie mehr wiedersehen werden. (...) Er hing an Deutschland, er war für Deutschland – wie auch seine Brüder im Ersten Weltkrieg. Nie dachte er, dass man ihn so behandeln würde.“

Hirsch wurde 1950 vom Amtsgericht Karlsruhe für tot erklärt. Gleichzeitig wurde eine „Entschädigung“ in Höhe von 3450 DM ausgezahlt. Die meisten Täter, wie der für die Deportation verantwortliche Gestapochef, machten im Nachkriegsdeutschland Karriere.

Freundschaftsspiel anlässlich der Eröffnung des Olympiastadions in München – Bundesrepublik Deutschland gegen UdSSR. Gottfried Fuchs wurde nicht eingeladen.

Freundschaftsspiel anlässlich der Eröffnung des Olympiastadions in München – Bundesrepublik Deutschland gegen UdSSR. Gottfried Fuchs wurde nicht eingeladen.

© imago

Überlebende einladen? Der DFB wollte keinen „Präzedenzfall“ schaffen

1972 wollte der ehemalige Bundestrainer Sepp Herberger den letzten Überlebenden, Gottfried Fuchs, als Gast des DFB zu einem Länderspiel anlässlich der Eröffnung des Olympiastadions in München einladen. Das Präsidium des DFB, in dem einige ehemalige Nazis saßen, lehnte dies ab, um keinen „Präzedenzfall“ zu schaffen.

Trotzdem markierte das Jahr auch einen Aufbruch. Es war die Zeit der Träumer. Man glaubte an ein besseres Deutschland. 1972 wurde auch der vermeintlich schönste Fußball der bundesdeutschen Nationalmannschaft gespielt. Für denjenigen, der sich an die Zeit noch erinnern kann, bleibt der damalige Fußball mit Netzer, Breitner und Co. – obwohl der WM-Titel erst 1974 geholt wurde – das Maß aller Dinge.

Das Spiel im Wembley-Stadion von 1972, zwei Tage nach dem Misstrauensvotum gegen Willy Brandt und die darauffolgende Europameisterschaft bleiben unvergessen. Das Gute und Schöne schien zu siegen.

„An Gott kommt keiner vorbei. Nur Libuda“, stand auf einigen Gelsenkirchener Mauern. Stan Libuda war für seine Dribbelkünste berühmt. Zur gleichen Zeit sang Rio Reiser mit seiner Band Ton Steine Scherben: „Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen. Kommt zusammen, Leute, lernt euch kennen“.

Als jedoch der Fußballer Paul Breitner, der mit der „Peking-Rundschau“ unterm Mao-Poster posiert hatte, in der Ton-Steine-Scherben-WG in Berlin-Kreuzberg auftauchte, weil die Band ihm ihr Album „Keine Macht für Niemand“ geschickt hatte, schlief Rio Reiser, der sich nicht für Fußball interessierte, tief und fest.

Reinhard „Stan“ Libuda im Trikot des FC Schalke 04

Reinhard „Stan“ Libuda im Trikot des FC Schalke 04

© imago

Kommerz, Skandale, Hate Speech

In einem anderen Zusammenhang hatte Rio Reiser – nahezu visionär – getextet: „Der Traum ist aus“. Der Traum vom romantischen Fußball scheint inzwischen tatsächlich ausgeträumt. Ins Schwärmen gerät man angesichts des heutigen Hochglanz-Fußballs kaum.

Die Kommerzialisierung nahm ihren Anfang tatsächlich in jener Zeit. 1971 sorgte der Fußballbundesliga-Bestechungsskandal für Schlagzeilen, bei dem Bundesligapartien „verkauft“ worden waren. Horst-Gregorio Canellas, der Präsident des deswegen abgestiegenen Vereins Offenbacher Kickers, hatte den Skandal mittels mitgeschnittener Telefongespräche aufgedeckt.

Es war auch die Zeit der vielen „Hater“, die sich hauptsächlich über die Frisuren der Nationalspieler ausließen. Damals noch mit der Deutschen Bundespost, Internet gab es noch nicht. Bundestrainer Helmut Schön sammelte die Briefe. Man wünschte sich den akkuraten Haarschnitt der Weltmeister von 1954 zurück. Ähnliches geistert ja auch heute durch das Internet, wenn man sich die Hautfarbe der Spieler von 1974 zurückwünscht.

Von Fake News sprach man damals noch nicht, aber den Umgang mit dem „Volksverräter“ Brandt würde man heute wohl durchaus als Hate Speech bezeichnen. Schon damals tat sich die Bild-Zeitung diesbezüglich besonders hervor. Zwei der Hauptopfer wurden später zu Nobelpreisträgern gekürt: Willy Brandt, dem nach seinem Kniefall vor dem Warschauer-Ghetto-Mahnmal vorgeworfen wurde, ein „Vaterlandsverräter“ zu sein. Und Heinrich Böll, der, nachdem er sich über die kampagnenartige RAF-Berichterstattung der Bild-Zeitung echauffiert hatte, als „Helfershelfer“ von Terroristen bezeichnet worden war.

Franz Beckenbauer hält den WM-Pokal 1974.

Franz Beckenbauer hält den WM-Pokal 1974.

© Pressefoto Baumann/imago

1974, bei der Fußballweltmeisterschaft in der Bundesrepublik, dann das deutsch-deutsche Duell. „Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt“, wurde durch die singenden BRD-Nationalspieler zur Hymne der WM. Der kurz zuvor zurückgetretene Willy Brandt, dessen Leben nicht nur aus Fußball bestand, interessierte sich weniger dafür, sein Sohn Matthias, inzwischen ein bekannter Schauspieler, dagegen sehr. Er durfte für seinen Vater im „Aktuellen Sportstudio“ auf die Torwand schießen.

Ernst Reuß, ehemals sehr fußballaffin, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er „Endzeit und Neubeginn. Berliner Nachkriegsgeschichten“ im Metropol-Verlag.

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