Europa League

Neue Rolle: Union Berlin startet als Favorit in die Europa-League-Gruppenphase

Aufgrund des Losglücks und der sportlichen Entwicklung wäre der Vorstoß der Eisernen in das Achtelfinale keine Überraschung mehr.

4 Min
Das Stadion An der Alten Försterei ist bereit für Europa.

Das Stadion An der Alten Försterei ist bereit für Europa.

© Imago/Koch

Eine Mannschaft, die in drei Wettbewerben gefordert ist, braucht vor allen Dingen eins: Ruhe. Und demzufolge auch einen weitgehend abgeschlossenen Mikrokosmus, in dem man in Ruhe regenerieren und sich in Ruhe auf die nächste Aufgabe vorbereiten kann. Wobei man als Trainer einer solchen Mannschaft natürlich nicht nur – gemäß der gern mal eingebrachten Floskel – von Spiel zu Spiel denken darf, sondern hinsichtlich der Belastungsteuerung auch das nächste und übernächste Spiel in die Überlegungen mit einbeziehen muss.

Insofern konnte es kaum verwundern, dass man am Mittwochmorgen als Kiebitz beim Training des 1. FC Union Berlin nur eine Viertelstunde lang dabei sein durfte. Keine Fotos, kein Geschnatter am Spielfeldrand, damit sich das Team ungestört auf seinen ersten Auftritt in der Europa League vorbereiten kann. Auf das Duell mit Royale Union Saint-Gilloise, das nach einem Sitzplatz-Sinneswandel der Europäischen Fußball-Union tatsächlich im Stadion An der Alten Försterei stattfinden wird. Anstoß: Donnerstag, 18.45 Uhr.

In der Europa League ist alles ein bisschen größer

Nun ist in der Europa League im Vergleich mit der Conference League, an welcher der FCU in der Vorsaison teilgenommen hat, alles ein bisschen anders und gern auch alles gern mal ein bisschen größer: mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, andere, mitunter auch größere Namen. Gleichwohl kommt den Eisernen aufgrund der jüngsten Entwicklung und aufgrund der Auslosung aber eine neue Rolle zu: Die Elf von Urs Fischer startet nämlich nicht wie vor einem Jahr als Außenseiter, sondern als Favorit in die Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs.

Während man im Herbst vergangenen Jahres, beim Versuch, sich für die K.-o.-Runde der Conference League zu qualifizieren, mit Feyenoord Rotterdam, Macabbi Haifa und Sparta Prag in Konkurrenz stand, heißen die Gegner nun Malmö FF, Sporting Braga und eben Royale Union Saint-Gilloise. Letztgenannter Klub mag zwar in der Hauptrunde der belgischen Liga in der Spielzeit 2021/22 insgesamt 77 Punkte gesammelt und letztendlich in der in Play-offs ausgespielten Meisterschaft hinter dem FC Brügge Platz zwei belegt haben, doch war der Aderlass beim in Brüssel beheimateten Traditionsverein enorm.

Malmö nur Mittelmaß in der schwedischen Liga

Torjäger Deniz Undav beispielsweise erfüllte sich im Sommer mit seinem Wechsel zum Partnerklub Brighton & Hove Albion den Kindheitstraum von der Premier League, während Trainer Felice Mazzù dem Werben des RSC Anderlecht erlag. Er wurde schließlich durch seinen ehemaligen Assistenten Karel Geraerts ersetzt. Malmö wiederum ist derzeit nur Mittelmaß in der schwedischen Liga. Ja, derzeit scheint lediglich Braga, nach fünf Spieltagen Zweiter in der portugiesischen Liga, auf dem Niveau der Unioner zu sein – wenn überhaupt.

In dieser Saison war jedenfalls schon zu beobachten, dass das Team der Eisernen noch mehr Qualität in sich trägt als in der vergangenen Spielzeit. Beeindruckend war die Leistung beim 3:1 gegen RB Leipzig, nicht minder die beim 6:1 auf Schalke und natürlich auch die beim 1:1 gegen den FC Bayern. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der zahlreichen Neuverpflichtungen ist das Spiel der Unioner offenbar noch zwingender und noch effektiver als in der erfolgreichen Vorsaison.

Dazu passt auch das Ziel, das Fischer am Mittwoch in einer Pressekonferenz ausgegeben hat. Der Schweizer sagte: „Wenn du an einem Wettbewerb teilnimmst, willst du das Bestmögliche erreichen. Das bedeutet: Wir wollen in der Europa League überwintern.“

Fischer muss auf Siebatcheu und Leite verzichten

An seiner Seite stand Kapitän Christopher Trimmel, der von einer großen Herausforderung sprach, sogleich darauf hinwies, dass das Team in den vergangenen Monaten hinlänglich den Nachweis erbracht habe, dass es mit Druck sehr gut umgehen könne. Der Österreicher, der mit Rapid Wien schon Spiele in der Europa League bestritten hat, hatte bereits eine Einschätzung zu den internationalen Wettstreitern eingebracht. Wir zitieren: „Man muss ein bisschen aufpassen. Jeder hat damit gerechnet, dass du eine Topgruppe bekommst. Jetzt hat es den Anschein, dass es eine sehr machbare Gruppe ist. Aber ich kann jeden beruhigen: Das ist eine Gruppe, wo du Letzter werden kannst, aber auch Erster. Von daher müssen wir jeden Gegner ernst nehmen, aber da bin ich guter Dinge.“

Das Einzige, was im Hinblick auf das Spiel am Donnerstagabend, das Glück der Eisernen ein wenig trübt, ist die Tatsache, dass Fischer wie schon beim Heimspiel gegen den deutschen Rekordmeister auf Jordan Siebatcheu (muskuläre Probleme) und Diogo Leite (Brustkorbprellung) verzichten muss.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema