Drinnen & Draußen

Wilder Garten: Das passiert, wenn man die Natur „mal machen lässt“

Aus ökologischen Gründen solle man im Garten die Wildnis zulassen, heißt es. Rasenmähen und Unkraut zupfen sind verpönt. Unsere Autorin sagt: So geht es nicht.

5 Min
Wer keine Borreliose will, der sollte ab und zu mal den Rasen mähen.

Wer keine Borreliose will, der sollte ab und zu mal den Rasen mähen.

© Blickwinkel/Imago

Bei uns um die Ecke gibt es einen Baumarkt, einen Hornbach-Baumarkt mit Gartencenter, um genau zu sein. Er ist ordentlich sortiert und hat seit neuestem eine richtig gute Gemüsepflanzen-Auswahl.

Feinsäuberlich aufgereiht finden sich dort nicht nur Tomaten-, Kürbis- und Zucchinitöpfe, sondern auch einzeln zu erwerbende Kohl-, Fenchel- oder Salatpflanzen. Ein Traum für Hobbygärtnerinnen wie mich, die keinen riesigen Gemüseacker haben und mit den sonst so üblichen Großmengen nichts anfangen können. Die Abwechslung lieben und auch mal was Neues ausprobieren wollen.

Zum Start ins Gartenjahr 2023 jedoch irritierte mich „meine“ Baumarktkette mit ihrer großen Frühjahrskampagne. Dieses Jahr gab es nicht die typischen Anpacktipps und Projektvorschläge. Stattdessen warb man dafür, sich einfach mal zurückzulehnen und im Garten alles sich selbst zu überlassen.

„Die schönste Saatmischung der Welt ist der Zufall“, heißt es in dem aufwändig produzierten und wirklich sehr gut gemachten Kampagnenspot. Und: „Lass die Natur mal machen“. Damit liegt man natürlich voll im Trend und angesichts zurückgehender Insekten- und Vogelbestände ist es ja tatsächlich auch angebracht, das Bild des perfekten Gartens zu überdenken.

Man muss sicher nicht noch mal erwähnen, wie furchtbar versiegelte Vorgärten oder perfekt gestutzte Formschnittbegrünungen sind. Aber das andere Extrem nervt langsam auch, um ehrlich zu sein. Bei Twitter werden Leute, die ihren Rasen mähen oder Unkraut zupfen, wortgewaltig zum Schafott geführt. Man sagt ja auch gar nicht mehr Unkraut, sondern spricht ganz neutral von Beikräutern. 

Giersch und Löwenzahn? Ich möchte lieber Radieschen essen

Ich vermute mal, dass diese Twitter-Nutzer keinen Garten haben. Und auch die Baumarkt-Werber standen wohl schon länger nicht mehr im Beet, wenn sie dichten: „Lass die Natur dein Gärtner sein – du wirst dich wundern, was der Zufall alles gedeihen lässt.“ Ich kann Ihnen sagen, was der Zufall in meinem Garten so gedeihen lässt: Brennnesseln, Giersch, Sauerklee, Disteln, Löwenzahn und Schöllkraut.

Ist doch toll, werden Naturschützer jetzt einwerfen, für die Bienen und die Natur! Giersch und Löwenzahn kann man doch auch essen! Alles richtig, aber ich hätte auf meinem Teller schon lieber ein paar schöne Radieschen, Kopfsalat, Tomaten und Bohnen. Nennen Sie mich altmodisch oder egoistisch, aber ich liebe es, Möhren aus der Erde zu buddeln, meinen selbst gezogenen Porree zu ernten, ein Butterbrot mit Garten- und eben nicht mit Beikräutern zu belegen.

Ein Hoch auf die Struktur: Beetumrandungen machen das Leben leichter.

Ein Hoch auf die Struktur: Beetumrandungen machen das Leben leichter.

© Eva Gruendemann/Imago

Und es ist nun mal so, dass man sich im Gemüsebeet auch ein bisschen entscheiden muss. Das stellte ich im vergangenen Jahr fest, als ich meine Beetfläche besonders bienenfreundlich gestalten wollte und diverse Sommerblumen-Saatmischungen zwischen die jungen Gemüsepflanzen warf. Vor meinem inneren Auge wogten schon der Mohn und die Kornblumen, tummelten sich Hummeln und Wildbienen in den Blütenkelchen, während nebendran die Zucchini reiften. 

In der Realität sah es dann leider anders aus. Mohn und Kornblumen gingen gar nicht auf, stattdessen breiteten sich die auch sehr hübschen Ringelblumen, Sonnenauge und Schmuckkörbchen aus. Die Bienen waren froh, ich freute mich auch ehrlich für sie. Aber dass die Gemüseernte so mickrig ausfiel wie noch nie, betrübte mich dennoch.     

Zwei Handvoll Kartoffeln, ein paar Zucchini, das war's im Großen und Ganzen. Der von Blumen umstandene Sellerie bildete erst gar keine Knollen aus, an den Bohnen hingen nur ein paar traurige Hülsen. Ich hatte die Nährstoffansprüche der Sommerblumen wohl unterschätzt, wahrscheinlich haben sie auch ordentlich Wasser abgezogen.

Das passiert also, wenn man die Natur mal machen lässt: Man verhungert beim Betrachten einer bunten Blütenpracht. In diesem Jahr musste das anders laufen, so viel stand fest. Im Gemüsebeet gibt es nun nur noch kleine Blumeninseln, alles andere wird, zusammen mit dem Unkraut, rausgezupft.

Der Grat zwischen Entfaltung und Verwahrlosung ist auch im Garten sehr schmal, ich für meinem Teil tendiere eher zur Ordnung als zum Chaos. Also zimmerten wir aus alten Europaletten Beetumrandungen, sodass es nun ordentlich abgegrenzte und leicht erhöhte Beetflächen gibt, die ich im Frühjahr durchorganisieren kann.

Mithilfe einer App plane ich jetzt Mischkulturen und Fruchtfolgen, und was soll ich sagen: Die ersten Gurken sind inzwischen reif, die Bohnen gedeihen prächtig, es gibt Salat ohne Ende. Ich kann sogar den Schnecken welchen überlassen. Auch die Bienchen summen noch herum, schließlich sind Küchenzwiebeln, Brokkoli, Tomaten, Zucchini oder Kürbis ebenfalls echte Insektenmagneten.

Sehen Sie hier Unkraut? Eben!

Sehen Sie hier Unkraut? Eben!

© P. Nowack/Imago

Und was ist mit dem Rasen? In unserer Nachbarschaft dröhnen sie noch von allen Seiten, die Motoren der Rasenmäher. Wir Berliner Stadtrandgärtner sind der benzingewordene Alptraum der Öko-Twitteria und der woken Werber. Dabei habe ich das mit der wilden Wiese durchaus auch mal versucht. Einfach nichts zu tun und den Rasen samt Gänseblümchen und Löwenzahn wachsen zu lassen, das klang verlockend. 

Wir ließen es also sprießen, unser kleiner Sohn lag auf einer Decke im hohen Gras und blinzelte fröhlich in die Sonne. Ein Motiv wie aus dem Landlust-Magazin.

Leider mussten wir unserem Kind am Abend eine Zecke aus der zarten Babyhaut ziehen. Ein paar Wochen später trat der Kleine, barfuß auf der mit Klee übersäten Wiese spielend, auf eine Biene. Bei aller Tier- und Insektenliebe, aber das ging zu weit. Die Nachbarn rieten uns, den Rasen zu mähen. Das hält die Zecken fern, sagten sie.

Manchmal muss man auf seine Nachbarn hören. Bald darauf dröhnte auch unser Rasenmäher wieder. Als Kompromiss lassen wir an den Rändern ein paar Klee- und Gänseblümcheninseln stehen. Wir schneiden auch keine Kanten und stechen nur selten Löwenzahn aus. Das gehörte schließlich schon früher, im Schrebergarten meiner Eltern, zu den verhasstesten Aufgaben.

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