Er gehört zu den Berufen, von denen ich immer wieder vergesse, dass es sie wirklich gibt. Oder: Dass diejenigen, die sie ausüben, genauso aussehen. Wie in den Kinderbüchern, auf Viel-Glück-Karten und zu Silvester als Tischdekoration. So sah er aus, schwarzer Zylinder, schwarze Kluft. Sorgfältig gestutzter Bart. Und: ein schöner Mann. Schlank, an den richtigen Stellen kräftig. Freundlicher Blick aus Scheinwerfer-Augen. Hält mir die Tür auf nach einem munteren „Ich folge Ihnen mal“ und einem Schlupf an mir vorbei. Kurz später ruft er aus dem Zwischengeschoss: „Ich mache Ihnen mal Licht!“ Ich bedanke mich überschwänglich. Daraufhin er: „Und wünsche Ihnen einen guten Tag.“ Sein Lächeln ist eine Waffe, die ich in alle Länder der Erde liefern würde, bedenkenlos.
Hat sie ein Problem vorgetäuscht, um in den Genuss des Lächelns zu kommen?
Ich erwidere den Wunsch und hätte jetzt gerne ein Schornsteinproblem. Er klingelt nämlich leider an einer anderen Tür. Die Frau, die sie öffnet, freut sich sichtlich. Hat sie am Ende gar kein Schornsteinproblem? Hat verwegen eines vorgetäuscht, um in den Genuss des Lächelns zu kommen, exklusiv? Nein, die Erleichterung ist echt. Mit leisem Neid steige ich die Treppen hinauf, widerstehe der Versuchung, mich umzudrehen, und beschließe, zu Hause „häufige Schornsteinprobleme“ in die Suchmaschine einzugeben. Oder „Schornsteinprobleme, die den sofortigen Besuch eines Fachmanns zwingend nötig machen“.
Waldbühne: Gänsehaut bei 30 Grad
Unansehnliche Flecken, schlimme Gerüche – nicht das ideale Einstiegsthema für ein „Date“
Meine Recherchen – um mich umfassend in das Berufsbild einzuarbeiten, tippe ich zunächst „Schornsteinfeger Pflichten“ in das Suchfeld – ergeben anfänglich nur Enttäuschendes. Es ist die Rede von regelmäßigen Aufgaben, Prüfung der Feuerstätten, Wartung, auch lese ich, dass er – oder sie, aber Schornsteinfegerinnen sieht man ja noch seltener – ein sogenanntes „Kehrbuch“ führen. Also doch nach handfesten Problemen suchen. Und siehe da: Der Mann mit dem Lächeln muss kommen, wenn der Schornstein „versottet“. Eine Art Krankheit, unansehnliche Flecken, schlimme Gerüche, das ganze Programm. Zugegeben, nicht das ideale Einstiegsthema für ein „Date“, aber nun. Man muss beweglich bleiben.
Die Musen der anderen: Ein Buch lesen statt Pop-up-Nachrichten zu verfolgen
Ich merke mir das Wort „versotten“ und dass es sich auf verrotten reimt, was ja auch inhaltlich passt. Für einen Tag, an dem ich es brauche. Für heute reicht mir die Erinnerung an den schicken Hut und die warmen Worte. Denn aufgemerkt: Es ist gar nicht so, dass ein Schornsteinfeger Glück bringt. Er ist das Glück selbst. Und ausnahmsweise trägt es Schwarz.
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