Berlin - Es geht um ein Debüt und um die Schnittstelle zwischen Theater und Bildender Kunst. „Ich wollte mal in einen Theaterabend gehen, weil ich gehört hatte, dass sie dort Schnittchen verteilten“, schreibt René Pollesch in „Schnittchenkauf 2011-2012“. Auch auf Vernissagen werden ja bekanntlich häufig Schnittchen verteilt – in der Galerie Buchholz wurde, kurz vor Weihnachten, anlässlich des Ausstellungsdebüts des Theaterautors und –regisseurs Pollesch außerdem ein großangelegtes Gesellschaftsspiel gespielt.
Bei dem monopolyartig strukturierten „Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors“, das Pollesch bereits im Januar 2009 an der Volksbühne inszenierte, lässt sich jeder Spieler von den ihm zugelosten Perversionen und Fetischen steuern – es gewinnt der, der als erster einen Orgasmus würfelt.
Die Kunst der Nachahmung
In der Galerie Buchholz bilden nun die Spieltische, an denen sich die Vernissage-Gäste zur Eröffnung spielerisch bekämpfen durften, die Kulisse für eine Ausstellung, deren eigentliches Exponat immateriell ist. Bei „Schnittchenkauf 2011-2012“ handelt es sich um theatertheoretische Texte, in denen sich Pollesch formal wie inhaltlich auf Brechts theatertheoretische Versuche „Dialoge aus dem Messingkauf“ bezieht. Diese Texte wurden erst nach Brechts Tod veröffentlicht und sind Fragment geblieben – in fragmentarische Kapitelchen unterteilt kommt auch Polleschs Gegenentwurf daher, den sich der Galeriebesucher, an einem der Spieltische sitzend, auf einem elektronischen Lesegerät zu Gemüte führen darf.
Bei Brecht versucht ein „theatralisches Quartett“, dem Leser die Idee des epischen Theaters mit seinen Verfremdungseffekten näher zu bringen. Sein Interesse an der Schauspielerei, sagt Brechts „Philosoph“ einmal, sei das eines Menschen, „der als Messinghändler zu einer Musikkapelle kommt und nicht etwa eine Trompete, sondern bloß Messing kaufen möchte“.
Er suche ein Mittel, Vorgänge unter Menschen zu bestimmten Zwecken nachgeahmt zu bekommen, habe gehört, Schauspieler verfertigten solche Nachahmungen und möchte nun feststellen, ob er diese Art Nachahmung brauchen könne.
In seinem „Schnittchenkauf“, so Pollesch im Vorwort, würden die von Brechts Philosophen geäußerten Ansprüche ans Theater von den Schauspielern wieder zurückgefordert. Die Schauspieler, an die er denke, seien von Philosophen infiziert und „schon zu schlau für Unterweisungen.“
Diese Schauspieler, die zum Beispiel Fabian Hinrichs und Sophie Rois heißen, lässt Pollesch dann dementsprechend ausführlich dialogisieren. Im Berliner Theatergängern aus Prater und Volksbühne bekannten atemlosen Pollesch-Sound treiben sie einen hochtheoretischen, prall mit Filmreferenzen gefüllten Diskurs voran, immer nach dem Motto: „Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker.“
Ein bisschen Klarheit wird in den monologischen Abschnitten, die Pollesch zwischenschiebt, geschaffen. Es geht also ums Theater, aber „das hier ist kein Theater.“ Es geht um Liebe („und ich sagte doch, dass die Liebe uns trennt“), es geht um die Schnittchen, die René Pollesch wider Erwarten nicht serviert wurden in diesem Theater, in das er ja eigentlich nur gegangen war, weil er gehört hatte, dass sie dort Schnittchen verteilten.
Monopoly als Kunstmarktspiegel?
Ab und zu outet sich der „Schnittchenkauf“-Diskurs als losgelöster, zum Beispiel durch die Bitte: „Liebe Freunde, liebe Professoren, können wir endlich aufhören unsere kleine, mehr oder minder miese Realität mit einem Sinn oder einer absoluten Wahrheit auszustatten“ oder durch die Behauptung: „Das Spiel ist kein Schatten des übrigen ernsten Lebens.“
160 Seiten hat Pollesch bis zur Ausstellungseröffnung aufs Lesegerät gebracht; solange die Ausstellung läuft, schreibt er den „Schnittchenkauf“ nach Angaben der Galerie fort. Ende Januar wird noch einmal an die Spieltische gerufen, die sich tatsächlich ganz gut eignen zum praktischen Beweis der Behauptung „Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker“ – um Gesprächsbereitschaft geht es beim Monopoly schließlich nicht, sondern darum, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen. Anlässlich dieser zweiten Performance soll der „Schnittchenkauf“ abschlossen sein, anschließend bringt ihn die Galerie Buchholz als Buch heraus.
Ein immaterielles Exponat wird also materialisiert und dadurch auch verkäuflich gemacht. Ein Diskurs, der sich darauf spezialisiert hat, seine eigenen Behauptungen als solche zu entlarven, wird in Manifest-Form gebunden. Das kann man lustig finden und vielleicht als subversiven Kunstmarkt-Kommentar lesen.
Man kann sich das Geld für dieses Buch aber auch sparen und stattdessen für eine Karte zu Polleschs nächster Volksbühnen-Produktion „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ ausgeben, die im Januar Premiere hat. Da kommt der im „Schnittchenkauf“ vielzitierte Schauspieler Fabian Hinrichs tatsächlich zu Wort.
Galerie Buchholz, Fasanenstraße 30 (Charlottenburg): René Pollesch. „Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker. Der Schnittchenkauf 2011-2012“. Wieder ab 9. Januar bis 4. Februar, Di–Sa 11–18 Uhr.
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