Auf den ersten Blick sah die Parade so aus wie die die Paraden zuvor. Was nirgendwo erwähnt wurde, ist dass es nunmehr das zehnte Mal war, dass die Parade durch den Tiergarten mit Stationen Siegessäule und Brandenburger Tor zog, ganz gleich, ob als Loveparade oder Rave the Planet. Geblieben sind viele alte Probleme, dazugekommen ein paar neue.
Doch vorab erstmal zu den positiven Seiten: Die Stimmung war weitgehend gut, es wurde niemand verletzt, Raver waren so weit informiert, dass sie die lustigen blauen Tabletten mit dem Totenkopfemblem (Blue Punisher) lieber nicht konsumiert haben, genug Wasser wurde getrunken, eine Tante ist von einer Laterne gefallen, blieb ohne schwere Verletzungen, es gab ein paar Kreislaufprobleme, sonst ist nix passiert.
„Depravierte Gestalten aus Westdeutschland“
Wieder da: das Müllproblem. Schon ich war dabei, als sich in den 90ern die ersten Müllvermeidungskonzepte mit Pfandbechern ausgedacht wurden. Erkenntnis nach knapp 30 Jahren: Das könnte ja auch klappen, wenn man konsequent dafür sorgen würde, dass Glasflaschen aus dem Tiergarten verbannt werden und Schwarzverkäufer gleich zum Anfang des Feldes verwiesen werden würden. Werden sie aber nicht. Ob aus Kapazitätsgründen, wegen anderer Prioritäten oder der Tatsache, dass ein blockierter Zugang bzw. Flaschenkontrollen ein Widerspruch zum freien Demonstrationsrecht wären, ist mir nicht bekannt.
So gibt’s immer schlimmen Müll, was mir klar wurde, als ich bereits gegen 15 h über einen Berg von Glasflaschen steigen musste, um mir einen Pfandbecher zu holen. Schlimmer noch der zertrampelte Tiergarten. Ein Anwohner war wütend: „Nur, weil hier ein paar depravierte Gestalten mit niedrigem Bildungsniveau aus Westdeutschland ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen, wird mein Tiergarten zertrampelt – das kanns nicht sein!“
Apropos Demonstrationsrecht. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, was für eine Farce es ist, die teilnehmenden Rave-Floats im Kreis hin und herfahren zu lassen, um sich gegenseitig die Demo-Ziele vorzutragen. Es soll angeblich keine andere Alternative gegeben haben. Normalerweise soll eine Demonstration ja dazu dienen, die Öffentlichkeit über ihre Ziele zu informieren bzw. zu überzeugen. So ist der politische Forderungskatalog und sein Vortrag eine ganz eigene Kunstform geworden, die im Wesentlichen dazu dient, den Demostatus beizubehalten (aka die öffentlichen Hand alles bezahlen zu lassen).
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Rave the Planet: Wie viele Besucher kamen wirklich zur Parade?
Mein Respekt wäre erheblich größer, wenn auch nur ein einziges der hehren Ziele real in Angriff genommen oder gar erreicht würde – ich würde mal mit dem Abschaffen von Tanzverboten anfangen. So ist das Aufzählen der Forderungen aber nur ein repetitiver folkloristischer Akt.
Wie immer gabs auch voneinander abweichende Schätzungen der Besucherzahlen. Die Polizei kam auf 200.000, die Veranstalter auf 300.000. Tatsächlich hatten sie im Vorjahr auch 300.000 Gäste geschätzt. Dazu kann man nur sagen: Naja, dann waren die 300.000 dieses Jahr viel weniger als die 300.000 vom Vorjahr, denn so große Lücken und so viel Platz hat es noch nie auf einer Parade im Tiergarten gegeben. Ein Vorteil für Paraden ist es, Samstagmittag durch die Innenstadt zu ziehen, um Leute zum Mitmachen, -tanzen und -paradieren zu bewegen.
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Deswegen hat RTP im Vorjahr auch vielen besser gefallen. Auf Mottes Mobil, so berichtete mir Sven Schäfer, der Chefredakteur des letzten größeren Technomagazins Faze, war eher davon zu hören, im nächsten Jahr wieder eine riesige Abschlussfeier an der Siegessäule zu feiern
Am Ende soll immer die öffentliche Hand zahlen
Nochmal zum Demonstrationsstatus: Von anderen Demo-Veranstaltern wurde es übrigens kritisch gesehen, dass Rave the Planet am Freitag vor der Veranstaltung darauf verzichtete, Einspruch gegen den Beschluss einzulegen, die Kosten für Sanitätsdienste selbst zu tragen. Ich unterhielt mich darüber mit Jens Schwan, einem der Macher vom Zug der Liebe. Eigentlich ist Demo Demo und Spaßveranstaltung Spaßveranstaltung. Bei der Demo zahlt die öffentliche Hand, bei letzterer der Veranstalter. Durch diese Kostenübernahme könnten die Behörden animiert sein, auch anderen Demonstrationen Kosten aufzudrücken, was diesen eventuell mehr Schwierigkeiten bringen könnte als RTP.
In diesem Zusammenhang muss hier mal die dilettantische und total intransparente Kommunikation von Rave the Planet angeprangert werden, die nicht den professionellen Standards von Veranstaltungen dieser Größenordnung genügt.
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Mal hat man eine schlimme Unterdeckung für die Finanzierung der Sanitäter, dann ist der Betrag für die Sanitäter durch Spenden gewuppt, während der öffentliche Einblick bei gofund.me zeigt, dass die Spendeneingänge zum Erliegen gekommen sind. Es gibt ja noch andere Quellen, wo Geld herkommen kann. Wenn man aber so penetrant in der Öffentlichkeit um Geld bettelt, sollte man auch alles offenlegen.
Der Geschäftsführer von Rave the Planet, Tim Zeiss, gilt ja als Spezialist für die Abwicklung von Insolvenzen, bleibt für die Technoparade zu hoffen, dass er nicht in eigener Sache tätig werden muss.
Der höchste Altersdurchschnitt aller Zeiten
Nachwuchssorgen muss Rave the Planet nicht machen, auch wenn der Altersschnitt einer Technoparade hier bestimmt der höchste war, den es je gegeben hatte. Lustig war es schon, die Mitsechziger anzuschauen, die sich nochmal in ihre alten Raveoutfits gezwängt haben, und Omis, die die grauen Haare mit blau-gelb-roten Strähnen einfärbten, um nochmal steil zu gehen. Immer wenn dann Eltern mit ihren Kinder zu einer Veranstaltung gehen, ist nicht mehr viel vom revolutionären Charakter da. Manche Kinder allerdings haben ihre Eltern lieber allein gehen lassen und sind mit Freunden an den See gefahren.
Dr. Motte wünsche ich gute Gesundheit und viel Weisheit und ergebnisoffen ein wenig Nachdenken, ob er sich selbst in den nächsten Jahren noch als Sprecher am Paradenstart präsentieren möchte.
Zum Autor: Jürgen Laarmann war von 1991 bis 1996 Gesellschafter und Veranstalter der Loveparade, er designte 1991 das bekannte Logo mit dem Strahlenkranz um das Herz, außerdem war er in den 90ern Inhaber und Chefredakteur des Magazins Frontpage sowie Gesellschafter der Mayday GmbH. Er arbeitet heute als freier Journalist.
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