Die Autoren des Gastbeitrages „Was will die Stadt am Checkpoint Charlie?“ Christoph Sommer und Markus Kip vom Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung der HUB (Berliner Zeitung vom 12.11.) haben in einem Punkt recht: Man hätte eine breite Diskussion führen müssen, was Berlin am Checkpoint Charlie zur Erinnerung an dessen Bedeutung während der Teilung Berlins zeigen und bauen will.
Gastbeitrag von Rainer E. Klemke
Rainer E. Klemke war von 1994 bis 2012 Museums- und Gedenkstättenreferent des Senats und ist heute Vorsitzender des Vereins „Zentrum Kalter Krieg – Ausstellung am Checkpoint Charlie“
© Privat/Rainer E. Klemke
Rainer E. Klemke war von 1994 bis 2012 Museums- und Gedenkstättenreferent des Senats und ist heute Vorsitzender des Vereins „Zentrum Kalter Krieg – Ausstellung am Checkpoint Charlie“
Diese Diskussion hätte man 1992 führen müssen, als die Grundstücke des ehemaligen Ausländerüberganges in der Nachwende-Euphorie verkauft wurden. Als der Senat in der Presse kritisiert wurde, dass die Spuren der Mauer und Teilung nicht schnell genug beseitigt würden. Man hätte diese Diskussion führen können, als der Senat mit Zustimmung aller Parteien am 20. Juni 2016 das Gesamtkonzept Berliner Mauer unter allseitiger öffentlicher Zustimmung verabschiedete: Am Checkpoint Charlie sollte in einem privaten Bauprojekt ein Museum des Kalten Krieges entstehen.
Das Problem war nur, dass kaum jemand außer Alexandra Hildebrandt vom Haus am Checkpoint Charlie damals diese Diskussion führen wollte. Der Checkpoint stand eben gerade nicht im Fokus der Berliner und Berlinerinnen, die diesen Kontrollpunkt nie passieren durften. Deswegen und wegen des von den Autoren positiv besprochenen touristischen Rummels wird der historische Ort bis heute von den Einheimischen gemieden.
Berliner meiden Checkpoint Charlie
Nun werden also diejenigen, die auf die Realisierung der damaligen Beschlüsse pochen, als „Museumslobbyisten“ bezeichnet. Dabei entspricht der aktuelle Zustand der Kreuzung nun wirklich nicht den Wünschen der Besucher. Das hat nicht zuletzt eine wissenschaftlich fundierte Erhebung des renommierten Instituts für Museumskunde der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ergeben. Und auch inhaltlich wäre ein Museum des Kalten Krieges angesichts der aktuellen Weltlage so wichtig wie nie.
Wenn man die jetzt geplante Bebauung der Grundstücke an der Friedrichstraße aber tatsächlich nicht wollte, hätte das Land Berlin faktisch nur einen Weg, einen völligen Neustart durchzusetzen: Es müsste die Grundstücke im Gegenwert von – zum Beispiel – bis zu 200 neuen Kindertagesstätten erwerben. Dazu müsste ein Beamter der Finanzverwaltung bei einer Zwangsversteigerung mit einer Pauschalvollmacht (was haushaltsrechtlich überhaupt nicht zulässig ist) bis zuletzt in Konkurrenz mit internationalen „Heuschrecken“ das jeweils höchste Gebot abgeben. Und dann müsste das Land eine mehrjährige Planung auf den Weg bringen und weitere mehrstellige Millionenbeträge aufbringen, um alternative Konzepte zu realisieren. Damit hätte Berlin die Verluste der gescheiterten Investoren sozialisiert und den derzeitigen höchst unbefriedigenden Zustand auf mindestens weitere zehn Jahre perpetuiert. Diese Tatsachen erschließen sich jedem, der sich auch nur wenige Stunden mit den Akten und Verträgen befasst.
Landesdenkmalschutz hat Checkpoint Charlie ignoriert
Wenn also dieser Weg nun „verbaut“ ist, was ist dann überhaupt noch möglich? Fakt ist, dass im aktuellen Plan der im seinerzeitigen Kaufvertrag unspezifisch als „Gedenkort“ bezeichnete „Platz für eine Information am Checkpoint“ großzügig ausgestattet ist. So soll in exponierter Lage auf 3 000 Quadratmetern ein Museum entstehen, zuzüglich einer mehr als 1 000 Quadratmeter großen Freifläche mit frei zugänglichen Informationsangeboten vor der Tür. Zudem hat der Investor eingewilligt, die Brandwände der anliegenden Häuser gemäß den Wünschen des Landesdenkmalschutzes, der sich nun nach 28 Jahren erstmals (!) um den Checkpoint gekümmert hat, weitgehend freizuhalten. So können die Wände ebenfalls thematisch bespielt werden.
Das ist deutlich mehr als all das, was zuvor in jahrelangen Verhandlungen mit den bisherigen (gescheiterten) Investoren erreicht wurde. Zudem gibt es einen Architekturwettbewerb mit erstklassigen, museumsaffinen Büros, der auf Grundlage der vorlaufenden Workshops und der Bürgerbeteiligungsergebnisse anspruchsvolle Lösungen für die Gestaltung des Eingangs zur südlichen Friedrichstadt bringen soll.
Museum am historischen Ort
Bei der Bürgerbeteiligung ist damals auch gefragt worden, ob wir ein solches Museum überhaupt brauchen. Und die Antwort ist: Ja, noch nie war es so wichtig wie jetzt und an dieser Stelle. Es wäre das einzige Museum, das sich nicht mit einer nationalen Nabelschau, sondern mit den politischen Konflikten dieser Welt befasst. Deren Ursachen, die weitgehend aus der Blockkonfrontation des Kalten Krieges stammen, sollten auf diese Weise offengelegt und gegebenenfalls auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigt werden. In einer Zeit, da auch Deutschland immer mehr als Partei oder Schlichter in diese Konflikte einbezogen ist, erscheint es sinnvoll zu sein, die Hintergründe auch den Menschen zu vermitteln. Erst recht an einem Ort, an dem Weltgeschichte geschrieben wurde. Nur dann kann man verstehen, dass sich zum Beispiel Russland in Syrien auf Seiten von Assad engagiert, weil es sonst den einzigen Mittelmeerstützpunkt aus der Zeit des Kalten Krieges verlieren würde.
Checkpoint Charlie, entwertet von einer immobilienökonomische Entwicklung.
© dpa
Kritik wird nun auch an einer angeblichen 900 000 Euro Jahresmiete für das Museum geübt, tatsächlich aber wird der Betrag darunter liegen. Sieht man einmal davon ab, dass der Mietzins durch eine Markterhebung der Finanzverwaltung ermittelt und so dem Investor vorgegeben wurde, und sieht man davon ab, dass andere Berliner Museen bereits höhere Mieten in vergleichbaren Lagen und Flächen zahlen, würde ein Grunderwerb und Eigenbau des Landes Berlin sich erst nach mehr als 40 Jahren rechnen. Mit dem Investor wurden die nach den gesetzlichen Regelungen längstmöglichen Mietvertragsklauseln mit allen Verlängerungsmöglichkeiten ausgehandelt. Da die Räume, zum Beispiel was die Deckenhöhe im Tiefgeschoss anbelangt, speziell für die Bedürfnisse des Museums angelegt sind, gibt es für den Eigentümer keinen Anreiz, diese Flächen später anderweitig zu vermieten. Außerdem bringt ihm das Museum Besucher ins Haus.
Exponate müssen lichtgeschützt in den Keller
Zu der Kritik, dass das Museum im Tiefgeschoss angesiedelt werden soll, ist zu sagen, dass dies seit vielen Jahren so vorgesehen war: einmal wegen des günstigeren Mietpreises, zum anderen aber vor allem, weil Museumsexponate kein Tageslicht vertragen und so aufwendigere Klimatisierungen vermieden werden können. Museumsbauten führender Architekten etwa in Paris, New York, Helsinki, Washington und London haben Ausstellungsräume in Tiefgeschossen. Auch beim Berliner Bauhausarchiv oder auf der Museumsinsel gibt es solche Räume.
Ein letztes Wort zum geplanten Hard-Rock-Hotel: Im Unterschied zu jeder anderen Hotelkette, die ansonsten in so ein Projekt einziehen würde, verfügt diese über eine der größten Sammlungen zur Rockmusikgeschichte. Darunter sind Exponate gerade auch von Künstlern, die in der Vorwende- und Wendezeit bei den großen Konzerten in Weißensee und an der Mauer aufgetreten sind. Diese Exponate an dieser Stelle in einem Themenhotel gezeigt, wären eine interessante Bereicherung des Museumsangebotes, das nach dem von führenden internationalen Experten in Berlin und Washington erarbeiteten Museumskonzept auch das Lebensgefühl der Menschen in der Zeit des Kalten Krieges beiderseits des Eisernen Vorhanges vermitteln soll.
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