Gastro-Kritik

Zum Essen bei der reichen Tante

Chilenische Küche ist in Berlin selten. Lohnt es sich dafür ins La Tía Rica zu gehen?

Tina Hüttl
4 Min
Das Großartige am Ceviche ist die  Frische. Im La Tía Rica wird es mit Kabeljau und Süßkartoffeln serviert. Entradas kosten dort zwischen 2,20 und 12 Euro, Fleisch- und Fischgerichte 15 bis 21 Euro, und das Dessert gibt es für 5 bis 7 Euro.  

Das Großartige am Ceviche ist die  Frische. Im La Tía Rica wird es mit Kabeljau und Süßkartoffeln serviert. Entradas kosten dort zwischen 2,20 und 12 Euro, Fleisch- und Fischgerichte 15 bis 21 Euro, und das Dessert gibt es für 5 bis 7 Euro.  

© Sabine Gudath

Ich wollte dieses Restaurant mögen. Wirklich. Nicht, dass ich das vorab beschlossen hätte – die erste halbe Stunde war einfach zauberschön, und ich war sicher, dass auch der Rest des Abend grandios werden würde.

Da war der klangvolle Name des Restaurants: La Tía Rica – ein hübsches Wortspiel. „Rica“ heißt, wie mein spanischer Mann nicht versäumte mir zu erklären, „lecker“ und gleichzeitig „reich“. Tía ist die „Tante“ – bei der man also entweder lecker essen oder zumindest erbtechnisch absahnen kann. Das Restaurant selbst hat keinerlei Allüren, wie man es bei einer solchen Tante erwarten würde. Es sieht nicht übertrieben edel, nicht kitschig-folkloristisch oder allzu bodenständig aus – sondern irgendwas Maßvolles dazwischen, sodass man sich sofort wohlfühlt. Gut gefiel mir auch, dass ich hier chilenische Küche serviert bekomme. Die findet sich in Berlin selten.

Ein bisschen Folklore, ein bisschen edel, ein bisschen bodenständig: Im La Tía Rica fühlt man sich sofort wohl.

Ein bisschen Folklore, ein bisschen edel, ein bisschen bodenständig: Im La Tía Rica fühlt man sich sofort wohl.

© Sabine Gudath

Die Stimmung ist locker, das färbt ab. Der Patron – Francisco de la Parra, ein Chilene – hat für jeden ein paar Worte, das Personal ist aufmerksam und gut gelaunt. Für meine anfängliche Euphorie sorgen ferner der Pisco Sour und die zweierlei Sorten chilenisches Brot, die uns serviert werden: Der Drink aus Limette, Pisco und Eiweiß mit einem Hauch Muskat schmeckte so cremig und süffig-süß, dass man den Alkohol erst mitbekommt, wenn es fast zu spät ist. Doch zum Glück gibt es das leckere Brot, um die Wirkung zu bannen: goldene, in Fett ausgebackene Fladen sowie helle Hefebrötchen, zu der eine einfache Tomaten-Zwiebel-Salsa und eine sehr scharfe Chilipaste serviert wird.

Auch nachdem ich die Empanadas – frittierte Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen wie Spinat und Käse oder Rindfleisch – probiert habe, sehe ich keinerlei Grund, das Restaurant nicht zu mögen. Im Verhältnis zu ihrer Füllung ist der Teig mitunter ein wenig klobig, doch besonders die Taschen mit herzhaftem Chili con Carne und hartem Ei sowie die mit Meeresfrüchten schmecken mir.

Chilenisch im La Tica Ríca

Ich hatte keine übertrieben hohe Erwartung an die chilenische Küche; im Gegensatz zur peruanischen ist sie nicht für ihre Vielfalt und Raffinesse berühmt. Doch die Chilenen gelten als clever und strebsam. Sie haben sich fleißig in den umliegenden Länder umgeguckt und das Beste an Gerichten und Zutaten importiert.

Und so isst man in Chile selbstverständlich auch Ceviche, das peruanische Nationalgericht aus roh mariniertem Fisch, eine meiner Lieblingsspeisen. Im La Tía Rica wird es bei meinem Besuch auf der Tageskarte mit Kabeljau und Cochayuyo, einer chilenischen Algenart, angepriesen. Damit beginnt die Enttäuschung, die sich leider den Rest des Abend verfestigt.

Denn das Großartige am Ceviche ist die Frische – die Limetten, die Kräuter, der Biss von Fisch und Gemüse. Hier aber fehlt dem Gericht fast jegliche Säure, auch ist es etwas zu warm, was mich vermuten lässt, das es schon länger rumsteht. Die Konsistenz der Süßkartoffeln und der Avocado ist breiig; der Kabeljau ist wegen der fehlenden Limette nicht genügend denaturiert und zudem nicht sorgfältig filetiert, sodass ich auf zähem Fleisch herumkaue. Wenig überzeugend ist auch die Algenart: dicke, Honigwaben ähnliche Stücke, die nicht nach Meer, sondern nach totem, salzarmem Grün schmeckten.

Ceviche in Charlottenburg

Nun gut, in einer Küche kann auch mal was danebengehen. Leider jedoch ist mein Hauptgericht – Schwertfisch mit Scampisoße – nicht viel besser. Auch hier sind es handwerkliche Fehler. Beim Schwertfisch, der ohnehin ein festes Fleisch hat, muss man die Garzeit kurz halten. Im Kern sollte ein Hauch von Rosa zu erkennen sein, sonst wird er trocken – wie hier. Über das fast harte Stück wurde umso mehr Soße gekippt; auch der fehlte jede Sorgfalt. Statt nach extrahiertem Aroma von Scampis schmeckt sie vor allem nach Salz und Sahne. Schade, schade – ich dachte, bei der Tante sei mehr zu holen.

La Tía Rica, Knesebeckstraße 92, Charlottenburg, geöffnet Mo bis Sa 17 bis 23 Uhr, Telefon 31 51 86 93

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema