Bis Neujahr lässt sich das Grau in Berlin immer noch ganz gut aushalten. Spätestens Mitte Januar ringe ich jedoch, sagen wir es einmal so, mit meinem Gemütszustand. Die nassen, tristen und dunklen Zeiten des Jahres, das wussten die Engländer am besten, übersteht man mit Ritualen. In ihrem Fall heißt das: Teetrinken. Und zwar seit dem 17. Jahrhundert. Die Briten lassen auf den Early Morning Tea einfach den Elevenses, die Teepause um elf Uhr vormittags, folgen. Diese geht in den Afternoon Tea und den Five O’Clock Tea über, an den sich nahtlos der High Tea – Teezeit mit Abendessen – anschließt. So bringt man den Tag auch rum.
Es kann nicht schaden, sich die Briten zumindest in diesem Punkt zum Vorbild zu nehmen. Daher habe ich an einem besonders öden und zähen Winterwochenende das Hotel de Rome aufgesucht. Dort wird noch bis einschließlich März von Freitag bis Sonntag der Afternoon Tea zwischen 14 und 18 Uhr zelebriert.
Teure Raritäten für echte Fetischisten
Man nimmt ihn im Opera Court ein, einer imposanten Halle mit gläsernem Dach, in der bei meinem Besuch ein Christbaum mit 2 400 roten Kugeln funkelt. Sich in solch einem Luxus einzunisten, fühlt sich, ehrlich gesagt, ziemlich gut an. Ich lasse mich in ein Polster sinken, das Ritual kann beginnen.
Beim klassischen Afternoon Tea für 34 Euro habe ich die Wahl zwischen 13 Teesorten, von denen ich mir unbegrenzt nachschenken lassen kann. Dazu bekomme ich eine Etagere mit englischen Tee-Sandwiches, frisch gebackenen Scones und Feingebäck, welche bei Bedarf immer wieder neu bestückt wird. Auch kann ich mir für das Geld jederzeit etwas vom Kuchen- und Süßigkeiten-Büfett aussuchen und bringen lassen.
Richtigen Fetischisten stehen noch weit mehr und teurere Raritäten zur Auswahl. Ich will jedoch den Klassiker, einen Darjeeling Royal Second Flush. Das ist die Sommerpflückung, laut Beschreibung besonders zartblumig und aromatisch. Ich lehne mich zurück, weil einem hier selbst das Einschenken aus dem schweren Silberkännchen abgenommen wird. Dazu bitte noch ein Schuss Milch wie bei den Briten. Der Tee duftet und schmeckt wirklich nussig, wie in der Karte angekündigt.
Gut, wenn sich das Kauen erübrigt
Schon jetzt halte ich mein Geld für ziemlich gut investiert, obwohl ich die dreistöckige Etagere noch nicht angerührt habe. Ich beginne unten mit den Sandwiches, vier verschiedene sind es, mit Gurke, mit Lachs, mit Roastbeef und mit Ei. Vorweg lasse ich ein kleines salziges Keksförmchen mit einer kräftigen Karotten-Ingwer-Creme im Mund verschwinden, dann eins der mundgerecht geschnittenen Toastdreiecke.
Ein gutes Teesandwich, habe ich in England gelernt, muss unaufgeregt schmecken und so weich, dass Kauen sich erübrigt. So auch hier: Die Kruste, obwohl es sich um ungeröstetes Toastbrot handelt, ist abgeschnitten, zwischen den drei Schichten Brot befindet sich der Belag. Zum Lachs ist etwas Meerrettich-Sahne kombiniert, das Ei klein gehackt und mit Kresse abgeschmeckt, der Roastbeef-Toast ist mit einer dünnen Schicht Mayonnaise und einem sehr dezenten Senf durchzogen und das Gurken-Sandwich mit einem cremigen Frischkäse.
Ebenfalls original englisch, wenn auch etwas kleiner und nicht ganz so weich, wie ich sie kenne, sind die Scones. Das ist ein kaum gesüßtes Teegebäck, optisch einem Muffin ähnlich, das aufgeschnitten wird und mit einer besonders dicken Sahne, Clotted Cream, und Erdbeermarmelade bestrichen wird. Die süßen Sachen stammen aus der hauseigenen Patisserie und schmecken toll. Gern würde ich mir nun noch von der Bratapfel-Zimt-Buttercreme, dem amerikanischen Cheese Cake, der Schweizer Rüebli-Torte, den Beeren-Tartes oder französischen Macarons am Büfett etwas bringen lassen. Doch für diesmal halte ich es britisch und verzichte. Bis März sind ja noch viele Wochenenden grau.
Opera Court
Behrenstrasse 37, 10117 Berlin
Den Afternoon Tea gibt es im Opera Court für 34, einen Cream Tea mit Scones für 19 Euro.
Weitere Informationen finden Sie unter https://www.roccofortehotels.com
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