Gedenkstätte aus Büstenhaltern

„Diese BHs sind doch kein Müll!“

In Neuseeland sorgt ein „Bra Fence“ für allerlei Aufregung. Neuseelands skurrilste Touristenattraktion, ein Zaun mit Büstenhaltern, wird fast täglich geplündert.

Sissi Stein-Abel
4 Min
Der Neuseeländer hängt allerdings nicht nur BHs an seine Zäune, beliebt sind neben Gummistiefeln auch Teekessel, Autofelgen und Zahnbürsten.

Der Neuseeländer hängt allerdings nicht nur BHs an seine Zäune, beliebt sind neben Gummistiefeln auch Teekessel, Autofelgen und Zahnbürsten.

© Sissi Stein-Abel Lizenz

Der Nachschub rollt jedoch unvermindert. „Die Deutschen unterstützen uns am meisten“, sagt der Farmer und Unternehmer John Lee, auf dessen Land der umstrittene Zaun steht. Die Urlauberinnen aus Übersee legen nicht nur spontan ihre Dessous ab, um sie an der Hauptstraße von Wanaka nach Queenstown in Central Otago aufzuhängen, sondern schicken Büstenhalter auch per Post.

Wundersame Vermehrung

Der Weidezaun mit den festgezurrten BHs erheitert die meisten Leute. Für manche ist er eine Gedenkstätte. Sie haben hier die Mieder ihrer an Krebs gestorbenen Ehepartnerinnen und Mütter befestigt, manche sogar zusammen mit den Frauen kurz vor deren Tod. Auch einige dieser Erinnerungsstücke sind verschwunden. „Die Betroffenen empfinden den Raub als persönliche Attacke“, sagt Sam Lee, Johns Sohn. „Diese BHs sind doch kein Müll!“, sagt eine trauernde Tochter. Ein Mann gibt unter dem Siegel der Anonymität zu, er habe im Dunkel der Nacht auch schon mal einige Wäschestücke entfernt, weil er seine Frau durch Brustkrebs verloren habe und den Anblick des Zauns einfach nicht ertragen könne.

Der „Bra Fence“ hat die Gemüter bewegt, seit sich in der Neujahrsnacht zum Jahr 2000 vier Frauen nach einer langen Nacht im historischen „Cardrona Hotel“ auf dem Heimweg ihrer Büstenhalter entledigten und gegenüber am Zaun aufhängten, um das neue Jahrtausend mit einer außergewöhnlichen Aktion zu begrüßen. Die Wäscheteile vermehrten sich auf wundersame Weise bis zur Rekordzahl von 1500 im Jahr 2006.

Dann reichte ein Umweltaktivist eine Beschwerde bei der Bezirksverwaltung ein, mit der Begründung, der Zaun sei ein Verkehrshindernis, weil so viele Touristen anhielten und ihn fotografierten. Ein Jurist fand, dass der Zaun laut Bauordnung weder der Definition eines Versammlungsortes noch eines Unterhaltungszentrums entspreche, sondern einem Schild. Das Schild wiederum sei gleichbedeutend mit einem Gebäude, das einen Abstand von 20 Metern zur Straße einhalten müsse. Damit war der BH-Zaun widerrechtlich errichtet worden. Der Zaun ohne BHs war ein Zaun und blieb, die BHs mussten gehen.

Doch nach dem Tod seiner Freundin Danielle Cook im vergangenen Jahr erweckte Sam Lee den Zaun zu neuem Leben. Er hängte vier BHs auf, die ebenso verschwanden wie weitere Brustkleider und ein Schild. Die Behörden betonten, sie hätten damit nichts zu tun. So kamen für die Entwendung nur die wenigen Einheimischen in Frage, die sich an dem Anblick stören. Selbst auf Facebook (Cardrona Valley Bra Fence) zählte der Zaun gestern 577 Fans.

Bizarre Freiluft-Sammlungen

Solche Zäune haben in Neuseeland Tradition. Es gibt fast nichts, was die Kiwis nicht zu einer Open-Air-Kollektion ausbauen würden. Graeme Cairns in Te Pahu, südlich von Cambridge auf der Nordinsel, hat beispielsweise einen Zahnbürstenzaun. Auch er bekommt Objekte dafür per Post aus Übersee. Der Flip-Flop-Zaun in der Nähe von Foxton enstand, als Amanda Howell ein Paar dieser Gummilatschen, die in Neuseeland „jandals“ heißen, in einer Tombola gewann und vor ihrem Grundstück aufhängte. Der Schuhzaun am Lake Coleridge, westlich von Christchurch, begann als Zufallsprodukt, als ein Farmer ein Paar verlorene Treter fand und gut sichtbar am Wegesrand deponierte.

Andere Flip-Flop-, Sportschuh- und Gummistiefelzäune zieren Kaeo und Waiharara in Northland, Little Waihi Beach in der Bay of Plenty und Burke’s Pass, zwischen Fairlie und Lake Tekapo in Canterbury. Des weiteren gibt’s Freiluft-Sammlungen von Felgendeckeln, Teekannen, Wagenrädern, Bojen, Schweinefellen und Fahrrädern. Bei den Rädern ist jedoch ein ähnlicher Schwund wie bei den Büstenhaltern zu beklagen. Der Betreiber der Backpacker-Herberge in Egmont Village sagte, an seinem Zaun seien innerhalb eines Jahres 30 Velos gestohlen worden. Im Gegensatz zu den BHs werden die Räder jedoch weiterverwendet.

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