Gedenkstätte

Sachsenhausen kämpft für eine bessere Verkehrslösung – bislang vergeblich

Für die vielen Besucher gibt es noch immer viel zu wenige Busse.

Jens Blankennagel
4 Min
Viel besucht: Im vergangenen Jahr kamen mehr als 700.000 Interessierte.

Viel besucht: Im vergangenen Jahr kamen mehr als 700.000 Interessierte.

© dpa

Doch in dem soeben noch halb vollen Zug nach Rostock sind schnell alle Sitzplätze besetzt. Viele der neuen Passagiere reisen nur mit sehr leichtem Gepäck und wollen gar nicht an die Ostsee, sondern ins KZ – besser gesagt in die Gedenkstätte des einstigen Konzentrationslagers Sachsenhausen, einem der wichtigsten Orte der Verfolgung und Vernichtung unter der Nazi-Herrschaft und einem der ganz wenigen verbliebenen authentischen Orte der Erinnerung und der Aufklärung.

Die historisch interessierten Touristen kommen aus Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland. Ihr Problem: Vom Bahnhof Oranienburg (Oberhavel) – wo dieses Mal etwa 230 Passagiere aussteigen – müssen sie entweder die 1,6 Kilometer zur Gedenkstätte laufen, oder sie müssen den Bus der Linie 804 nehmen – doch der fährt nur ein Mal pro Stunde. Seit Jahren kämpft Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, dafür, dass mehr Busse eingesetzt werden. Bislang vergeblich.

„Völlig uneinsichtig“

„Wenn 130 Leute im Bus sind, ist er überfüllt“, erzählt Thomas Schmidt. „Im Sommer warten hier manchmal 300 bis 400 Leute. Aber es wird immer nur ein Bus geschickt. Das Problem ist offensichtlich, aber die Verkehrsgesellschaft hier ist völlig uneinsichtig.“

Der freiberufliche Stadtführer ist mit 20 Leuten unterwegs nach Sachsenhausen. Sie kommen aus Indien, Brasilien, England, Belgien, den USA. Schmidt sagt ihnen, dass der Bus wieder sehr voll sein wird. Einige wollen laufen, er erklärt ihnen den Weg. „Es ist einfach nur peinlich“, sagt der 58-Jährige.

Als der Bus kommt, sitzt eine Kindergartengruppe drin. Die Touristen strömen in den Bus. Diesmal sind es 137. Die letzten beiden müssen mächtig drängeln, um überhaupt noch mitzukommen. Szenen, die man sonst nur aus der U-Bahn in Tokio kennt.

Der Landkreis verweist auf den hohen bürokratischen Aufwand, einen neuen Nahverkehrsplan zu erstellen. Der jetzige Plan gilt von 2017 bis 2022. Gutachter hätten den Bedarf auf diesem Streckenabschnitt geprüft, der nur zehn Minuten Fahrzeit lang ist. Die Busse seien nur zu Spitzenzeiten voll, heißt es. Über den Tag gerechnet wären sie nur zu etwas mehr als einem Drittel ausgelastet. Und mehr Busse würden bis zu 188.000 Euro mehr kosten.

Einige wollen Gedenkstätte schließen

Mehr als 700.000 Besucher kamen 2016 zur Gedenkstätte. Früher war es im Winter nicht voll, inzwischen wird sogar Weihnachten und Silvester geöffnet, weil auch an Feiertagen viele kommen. Der Bus wird gebraucht, und obwohl sich inzwischen Kulturministerin Martina Münch (SPD) eingeschaltet hat und mehr Busse fordert, hat Stiftungsdirektor Morsch wenig Hoffnung. „Ich bin sehr skeptisch. Wir schreiben seit 15 Jahren Briefe in dieser Angelegenheit und haben bislang immer nur achselzuckende Gleichgültigkeit erlebt und natürlich den ständigen Versuch, Argumente zu finden, warum es nicht geht.“ Es konnte nicht mal erreicht werden, dass am Bus der Hinweis steht, dass er nicht nur in das Dorf Malz fährt, sondern auch an der Gedenkstätte vorbei.

Skeptisch ist Morsch auch, weil die Debatte neuerdings noch in eine andere Richtung geht. Es gibt Oranienburger und Politiker aus ländlichen Gebieten des Kreises, die sich ärgern, dass bei ihnen der Busverkehr für die Leute auf dem flachen Land gekürzt wird. Andererseits wird aber die Gedenkstätte angefahren, die vor allen von Touristen besucht wird.

Einzelne Anlieger fühlen sich von den Besuchern so gestört, dass sie eine neue Busroute fordern: Diese soll nicht mehr wie bislang üblich durch die bewohnten Gebiete führen, sondern quasi von hinten zur Gedenkstätte. „Es gab sogar die Äußerung, dass die Gedenkstätte doch gleich ganz geschlossen werden sollte, weil doch alles schon so lang her ist mit dem KZ“, erzählt Morsch.

Kein punktuelles Problem

Im heutigen Kreis Oberhavel befanden sich mit Sachsenhausen und Ravensbrück gleich zwei KZ-Hauptlager. „Es ist wohl bundesweit einer der geschichtsvergessensten Landkreise, denn er hat seit 25 Jahren nichts unternommen, um die Gedenkstätten zu unterstützen“, sagt Morsch. „Das ist nicht nachvollziehbar und höchst verstörend.“

Inzwischen regen sich Anwohner auch auf, weil die Straße zur Gedenkstätte so marode ist, dass die Busse laut rumpeln. „Doch für die Sanierung der holprigen und seit DDR-Zeiten nicht erneuerten Straße ist nicht die Gedenkstätte zuständig“, sagt Morsch.

Die Busgesellschaft will nur dann mehr Busse schicken, wenn die Gedenkstätte dies bei bestimmten Events oder Gedenkveranstaltungen beantragt. Bislang habe sie das nicht ein einziges Mal gemacht, sagt der Kreis. „Der Landkreis geht von völlig falschen Voraussetzungen aus“, sagt Morsch. „ Es handelt sich nicht um ein punktuelles Problem bei besonderen Veranstaltungen, sondern um das nahezu tägliche hohe Besucheraufkommen.“

Der Bus am Nachmittag auf der Fahrt zurück ist auch wieder richtig voll: Alle Sitzplätze sind besetzt, die Gänge voll, kein Durchkommen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema