Nadeschda Tolokonnikowa ist wieder aufgetaucht, das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass Gefangene in Russland für eine Weile verloren gehen können – ohne dass die Justizbehörden sich dafür rechtfertigen müssen. Eben das zeigt die Odyssee der Pussy-Riot-Gefangenen.
Am Donnerstag hat Pjotr Wersilow einen Anruf von seiner Frau erhalten – aus dem Tuberkulose-Krankenhaus Nr. 1 in der sibirischen Stadt Krasnojarsk. Tolokonnikowa werde dort wegen ihres Hungerstreiks untersucht, es gehe ihr nach eigenen Aussagen gut, sagte Wersilow dem Nachrichtenportal Slon.
Damit gehen fast vier Wochen der Unsicherheit zu Ende. So lange nämlich war Tolokonnikowa unterwegs – auf dem Weg vom Arbeitslager Nr. 14 in Mordwinien hin zu einem ungewissen Endziel weiter östlich. „Als ich sie am 21. Oktober im Lager besuchen wollte, hieß es, sie sei gar nicht mehr da“, sagt Tolokonnikowas Anwältin Irina Chrunowa am Telefon. Seither hat Chrunowa vergeblich versucht, den Bestimmungsort ihrer Mandantin zu ermitteln. „Gestern habe ich immerhin einen Brief von Nadja aus Omsk erhalten, der Anfang November geschrieben wurde“, sagt Chrunowa. Omsk liegt in Westsibirien und war Zwischenstation der Reise.
Das Gefängnis in Krasnojarsk mit 1 260 Betten gehört zur russischen Justizvollzugsbehörde FSIN. Sie stützt sich mit der Verlege-Praxis auf Paragraf 17 des Strafvollzugsgesetzbuchs: Sie müsse während der Verlegung keine Auskunft erteilen, sondern erst nach Eintreffen des Gefangenen am Ziel, und auch dann erst innerhalb von zehn Tagen. „Wie lange die Verlegung dauert, das ist nirgends begrenzt. Die Gefängnisbehörde nutzt diese Gesetzeslücke, um ihre Macht zu demonstrieren“, sagt Anwältin Chrunowa. Sie kennt keinen anderen Fall, in dem ein Häftling so lange verlegt wurde.
Tolokonnikowa hatte es gewagt, sich mit der FSIN anzulegen: Sie hatte gegen die Haftbedingungen im berüchtigten mordwinischen Lager protestiert. Genäht werde dort im Akkord und 16 Stunden jeden Tag, schrieb sie. Wer aufmucke, werde bedroht. Die Staatsanwaltschaft hatte es zunächst abgelehnt, den Vorwürfen nachzugehen, nun wird dennoch ermittelt.
Dostojewski war genauso schnell
Die FSIN will nach eigenen Aussagen Tolokonnikowas Sicherheit sicherstellen. Dass sie sie nach Sibirien verlegt, macht aber Besuche schwierig. Vor ihrer Inhaftierung lebte Tolokonnikowa in Moskau, wo auch ihr Kind ist. Sie hat noch knapp vier Monate in Haft zu verbringen.
Tolokonnikowa legte ihre Reise in Gefängniswaggons zurück, aber in ständiger Isolation. Die Waggons sind seit der Zarenzeit übliches Transportmittel. Auch die Greenpeace-Aktivisten, die nach einer Protestaktion gegen Ölbohrungen in der Arktis festgenommen worden waren, trafen am Dienstag früh mit einem Nachtzug aus Murmansk in Sankt Petersburg ein. Noch früher allerdings waren Gefangene im Schlitten oder zu Fuß unterwegs, der verurteilte Schriftsteller Fjodor Dostojewski zum Beispiel. Aber selbst der gelangte 1849/1850 genauso schnell an seinen sibirischen Haftort wie Tolokonnikowa im 21. Jahrhundert.
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