Rund 20.000 zivile Seeleute sitzen nach Angaben der Internationalen See-Schifffahrtsorganisation (IMO) an Bord von Handelsschiffen im Persischen Golf fest und sehen sich mit schwindenden Vorräten, Erschöpfung und schwerem psychischem Stress konfrontiert. Die IMO führte bis zu Montag 25 bestätigte Vorfälle auf Handelsschiffen und zehn bestätigte Todesfälle unter Seeleuten in ihrer Nahost-Liste.
Die Liste umfasst beschädigte Tanker und Containerschiffe vor den Küsten Omans, der Vereinigten Arabischen Emirate, Katars, Saudi-Arabiens, Kuwaits, des Iraks und des Iran. Allein für den 11. März verzeichnet die IMO mehrere schwere Vorfälle, darunter einen Brand auf der „Mayuree Naree“ rund elf Seemeilen nördlich Omans mit drei Toten sowie einen Angriff auf die „Safesea Vishnu“ nahe dem irakischen Hafen Khor Al Zubair, bei dem ein Seemann ums Leben kam. Auf der „Mussafah 2“ vor Oman starben am 6. März vier Seeleute, drei weitere wurden schwer verletzt.
Verkehr in der Meerenge nahezu zum Erliegen gekommen
Verschärft hat sich die Lage der Besatzungen am Wochenende: Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vom 20. April passierten innerhalb von zwölf Stunden nur drei Schiffe die Straße von Hormus, statt der üblichen rund 130 pro Tag. Die Auswertung stützt sich auf Schiffsverfolgungsdaten, ergänzt durch Satellitenanalysen des Anbieters SynMax und Bewegungsdaten der Plattform Kpler.
Auslöser des jüngsten Verkehrseinbruchs war laut Reuters eine Eskalation am Wochenende: Iran feuerte am Samstag Schüsse auf Schiffe in der Meerenge ab, darunter ein Containerschiff der französischen Reederei CMA CGM. Das Unternehmen bestätigte gegenüber Reuters, es habe sich um „Warnschüsse“ gehandelt, die Besatzung sei unversehrt. Parallel beschlagnahmte das US-Militär einen iranischen Frachter. Teheran kündigte daraufhin Vergeltung an.
IMO arbeitet an Plan für Evakuierungen
Der Generalsekretär der IMO, Arsenio Dominguez, hatte bereits nach einer Online-Sitzung mit Außenministern aus mehr als 40 Staaten am 2. April 2026 erklärt, einzelne Antworten reichten nicht mehr aus, um die Krise zu lösen. Nötig seien diplomatisches Engagement, neutrale Lösungen und international koordiniertes Handeln.
Die IMO arbeitet an einem Rahmenplan für eine maritime Evakuierung. Dieser basiere auf der Kooperation der Küstenstaaten, Sicherheitsgarantien und operativer Koordinierung. Er soll festsitzende Schiffe freibekommen, sichere Besatzungswechsel ermöglichen und eine Umweltkatastrophe abwenden. Die Organisation gehört zudem einer UN-Arbeitsgruppe zur Straße von Hormus an, der UN Task Force on Strait of Hormuz, die Untergeneralsekretär Jorge Moreira da Silva leitet.
Reedereien und Gewerkschaften dringen auf Versorgung
In einer gemeinsamen Mitteilung vom 31. März 2026 berichteten die Internationale Schifffahrtskammer (ICS) und die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) von einem Treffen mit Vertretern der Golfstaaten. Diskutiert wurden ein Meldeweg über die IMO für dringende Versorgungsanliegen, die Anerkennung von Seeleuten als systemrelevante Arbeitskräfte sowie die Möglichkeit, Besatzungsmitglieder aus medizinischen Gründen rasch und sicher von Bord zu nehmen.
Der Generalsekretär der ITF, Stephen Cotton, sagte laut Mitteilung, Seeleute stünden „an der Frontlinie dieses Konflikts“ und benötigten Zugang zu Lebensmitteln, sauberem Wasser, Treibstoff und medizinischer Versorgung. Niemand dürfe gegen seinen Willen in einer Konfliktzone festgehalten werden. Der Generalsekretär der ICS, Thomas A. Kazakos, bezeichnete die Gespräche als „konstruktiv und zeitgerecht“.
Vertreter der Staaten des Golf-Kooperationsrats sicherten dort logistische Unterstützung für Schiffe zu, die die Region nicht verlassen können. Bei abgelaufenen Heuerverträgen oder medizinischen Zeugnissen erwägen sie laut Mitteilung Ausnahmeregeln nach dem Vorbild der Covid-19-Pandemie.
31 Inder erreichen sicher Mumbai-Route
Indiens Presseamt teilte am 19. April 2026 mit: Der unter indischer Flagge fahrende Rohöltanker „Desh Garima“ habe die Meerenge mit 31 indischen Seeleuten an Bord sicher passiert und werde am 22. April in Mumbai erwartet.
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