Gegen Nationalisten

"Pulse of Europe" geht wieder auf die Straße

Auch in Berlin kämpfen Menschen für Demokratie und Freiheit.

Markus Decker
5 Min
Kundgebung der proeuropäischen EU Bewegung Pulse of Europe auf dem Gendarmenmarkt am 12.03.2017 in Berlin.

Kundgebung der proeuropäischen EU Bewegung Pulse of Europe auf dem Gendarmenmarkt am 12.03.2017 in Berlin.

© imago/Mauersberger

Der Gendarmenmarkt war voll. Mittags um 14 Uhr flatterten viele blaue Fahnen mit gelben Sternen im kalten Wind. Es waren Europa-Fahnen. Man sah fröhliche Gesichter auf den Treppen des Konzerthauses in Berlins Mitte und davor. Die Menschen sind einem Aufruf von „Pulse of Europe“ gefolgt.

Die Bürgerinitiative geht auf das Frankfurter Anwaltsehepaars Daniel und Sabine Röder zurück. Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten reichte es ihnen endgültig. Sie wollten Rechtspopulisten und Rechtsextremisten von Pegida bis AfD etwas entgegensetzen – jenen Gruppen, von denen es zuletzt schien, sie seien der neue Mainstream.

Reden, singen, tanzen

An „Pulse of Europe“ gefalle ihm, „dass es nicht um etwas Materielles geht, sondern um etwas Ideelles“, sagt Jochen Loreck, der mit seiner Frau Leonie auf den Berliner Gendarmenmarkt gekommen ist. Die beiden Ruheständler aus Friedenau sind zum zweiten Mal da. „Freunde hatten uns angesprochen. Und für uns ist es wichtig, die Straße nicht den Rechtsextremisten zu überlassen“, erzählt der 71-Jährige. Ihm gefalle auch, dass die Initiative quer zur Parteipolitik stehe. Denn im Zentrum drehe es sich um die „Grundgemeinsamkeit der Demokraten“ und die Ablehnung von Verfeindungen.


Berlin

Die Bewegung Pulse for Europe hat auch eine Dependance in der Hauptstadt.

Jeden Sonntag treffen sich die Anhänger um 14 auf dem Gendarmenmarkt.

Vergangene Woche nahmen mehrere hundert Menschen an der Kundgebung teil.

Die Kundgebungen werden inzwischen in 46 deutschen Städten organisiert.

In sieben europäischen Ländern versammeln sich mittlerweile die Anhänger Europas.

Das Ziel ist, den Euroskeptikern eine positive Bewegung für Europa entgegenzusetzen.


Anfangs nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz von „Pulse of Europe“. Doch spätestens seit dem vergangenen Sonntag ist das anders. Der „Pulse of Europe“ machte sich in 50 Städten bemerkbar – in Deutschland, aber auch jenseits davon, in Innsbruck und Lissabon. Am Gendarmenmarkt war es die fünfte Veranstaltung.

Früher, im Zuge der 68er-Bewegung, die das außerparlamentarische Verständnis wesentlich prägte, galt eine Demo ja nur dann als richtige Demo, wenn eine eher grimmige Stimmung herrschte und klare Feindbilder ebenso vorhanden waren wie handfeste Forderungen. So ein Event, auf dem einfach jeder sagen kann, was er will und am Ende gesungen und getanzt wird – wen soll das beeindrucken? Bei „Pulse of Europa“ ist das anders. Auf dem Gendarmenmarkt war das gut zu sehen.

Spaß soll dabei sein

Zwar wurden Reden gehalten. Sogar ein Parteipolitiker trat ans Mikrofon – der ehemalige Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner, der jetzt für die SPD in den Bundestag will. Er kam kurz auf den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zu sprechen, der ein Beispiel dafür sei, dass Bundespolitiker nicht mehr in Brüssel entsorgt würden, sondern dass es nun auch mal umgekehrt laufe.

Eine parteipolitische Rede war es gleichwohl nicht. Sie wäre von den Zuhörern wohl auch nicht akzeptiert worden. Die Redezeit war im Übrigen abermals auf maximal drei Minuten beschränkt. Es wurden hier im eigentlichen Sinne keine Forderungen erhoben. Stattdessen wurde in Variationen erläutert, dass die Europäische Union wichtig sei. Es gab kein Dagegen. Es gab ein Dafür.

Treffpunkt Europa: Proeuropäer auf dem Berliner Gendarmenmarkt

Treffpunkt Europa: Proeuropäer auf dem Berliner Gendarmenmarkt

© Getty Images/Sean Gallup

Zwischendurch wurden dem überwiegend bürgerlich-akademischen Publikum Quiz-Fragen gestellt wie: „Wer hat die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft miterlebt?“ Oder: „Wer hat mit Hilfe des Erasmus-Programms im Ausland studiert?“ Und schließlich: „Wer hat sich schon mal in einen Menschen aus einem anderen europäischen Land verliebt?“

Mal flogen die Hände der Älteren hoch, mal die der Jüngeren. Doch unabhängig vom Alter sah man: Die Leute hatten Spaß. Am Ende wurde gesungen. Die Leute fassten sich an den Händen und tanzten. Da hatten sie noch mehr Spaß.

Angst machende Nationalisten

Hätten die Tausenden über die Frage diskutiert, was genau denn jetzt geschehen müsse, um die Europäische Union vor dem Verfall zu retten, wären die Antworten vielleicht sehr unterschiedlich ausgefallen. Aber darum ging es gar nicht. Augenscheinlich ging es darum, denen, die mit schlechten Gefühlen Politik machen, ein gutes Gefühl entgegen zu setzen.

Und am Sonntag auf dem Gendarmenmarkt konnte man den Eindruck gewinnen, dass nicht wenige genau darauf gewartet hatten. Viele Menschen, so schien es, wollen mit diesen Angst machenden Nationalisten abends in der Tagesschau nicht mehr alleingelassen werden. Sie haben das Bedürfnis nach Zuversicht und Zusammenhalt. Und nach dem Brexit und nach Trump wissen sie: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Jochen Loreck sagt, die Frage, welche der Anwesenden sich schon mal in einen EU-Ausländer verliebt hätten, habe er „geradezu anrührend“ gefunden. Im Übrigen sei „Pulse of Europe“ Ausdruck des Gefühls einer bisher schweigenden Mehrheit, dass „alles in Gefahr“ gerate, wenn diese schweigende Mehrheit sich nicht rühre. Die Bewegung werde sicher wie jede Bewegung eines Tages versanden, glaubt der Teilnehmer. Bis auf weiteres jedoch sei sie ausbaufähig und werde vermutlich wachsen.

Am Sonntag um 14 Uhr besteht dazu auf dem Gendarmenmarkt wieder Gelegenheit.

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