Gelassen besser werden

Alexander Esswein hat großes Entwicklungspotenzial – gelingt ihm der nächste Schritt, könnte er Hertha in der Rückrunde zu einem Spitzenklub machen

Max Bosse
4 Min
Ringen um den Erfolg: Alexander Esswein (r.).

Ringen um den Erfolg: Alexander Esswein (r.).

© Ottmar Winter

In jungen Jahren hat sich Esswein zu leicht von Erfolgserlebnissen blenden lassen und nach Negativerlebnissen zu sehr gegrübelt. Entschied er ein Spiel zum Positiven, glaubte er, ihm gehöre die Welt, machte er den entscheidenden Fehler, zog er sich zurück. Mit der Zeit lernte er, dass Fußball ein Tagesgeschäft ist. „In dem man alles so schnell wie möglich ablegen muss, egal, ob man ein Tor schießt oder aus drei Metern vorbei. Das war die wichtigste Lehre“, sagt er heute.

Bringt Esswein diese Gelassenheit auf den Platz, hat er das Potenzial, Hertha BSC im Jahr 2017 besser zu machen. Er könnte der Faktor sein, damit der Platz oben in der Tabelle nicht erneut abhandenkommt. Denn mit Ausnahme des wohl vergeblichen Bemühens um Hiroshi Kiyotake vom FC Sevilla sind keine Transfers geplant, und Esswein ist derjenige im Kader, der sich kurzfristig individuell am meisten steigern könnte.

Sein Trumpf ist sein Tempo

Das hat zum einen mit ihm selbst zu tun, denn der 26-Jährige kam erst Ende August zur Mannschaft, verpasste somit die Sommervorbereitung und brauchte erstmal Zeit, sich auf die ungewohnte Spielweise der Berliner umzustellen. „Es war mein erster Wechsel ohne Vorbereitung, direkt in die Saison. Das war schwierig“, sagt er. Zum anderen hat es auch damit zu tun, dass die anderen im Kader, die schon länger dabei sind, bereits auf hohem Niveau agieren, nahe am persönlichen Maximum. Eine weitere Leistungssteigerung ist von ihnen nicht unbedingt zu erwarten. Von Esswein hingegen schon. Hinzu kommt, dass noch unklar ist, wann der daheim gebliebene Mitchell Weiser (Viruserkrankung und Rückenprobleme) wieder zur Verfügung steht.

Esswein, der ebenfalls auf der rechten Außenbahn zum Einsatz kommt, muss also zeigen, was er in den vergangenen Monaten von Pal Dardai gelernt hat. „Dass ich den Ball nicht so leicht hergebe, sondern immer was Positives für die Mannschaft raushole, sei es ein Foul oder eine Ecke“, sagt er. „Dass ich mehr Geduld habe, um meinen Gegner auszuspielen oder durch Pässe an ihm vorbeizukommen.“ Sein Trumpf ist die Geschwindigkeit, die Herausforderung: auch nach einem Sprint nichts zu überhasten. Das fällt ihm noch immer schwer. Wobei er im Wunsch, alles richtig zu machen, auch schnell mal ins Gegenteil verfällt.

Im ersten Trainingslagertest gegen RCD Mallorca (1:1, 6:5 nach Elfmeterschießen) versuchte er etwa in der 14. Minute Vladimir Darida mit Bedacht in der Mitte anzuspielen. „Ich als egoistischer Sechser hätte ihn reingehauen“, monierte der Trainer hinterher. Die Ansage lautet eigentlich: Aus zwölf Metern immer schießen. „Alles, was rausprallt, können die Kollegen reinschieben“, erklärt Pal Dardai. Egoismus vor dem Tor und Automatismus in der Abwehrarbeit waren die beiden Hauptmerkmale, die Esswein seit Saisonbeginn entwickeln sollte. Der Coach ist zufrieden: „Im Training ist er immer sehr zweikampfstark und torgefährlich. Für die Gegner ist er aufgrund seines robusten Körpers schwer zu stoppen.“ Allerdings war das bislang meist nur nach Einwechslungen der Fall. „Wenn er von Anfang an gespielt hat, war es ab und zu nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Er soll seine Flanken verbessern, dann passt es.“

Der Fußball, den Esswein für Hertha spielen soll, unterscheidet sich stark von dem, den er aus Augsburg kannte. Dort galt es, tief zu stehen, abzuwarten und dann zu kontern. Und jetzt? „Müssen wir kreativ in der Offensive sein, den Ball zirkulieren lassen“, sagt er. Das war auch mental eine Umstellung. „Man muss rausgehen und sagen: das sind unsere Punkte. Das ist anders als in Augsburg.“ Inzwischen hat er sich diese Überzeugung angeeignet, und eine Sache ist ihm auch ohne Selbstfindung in der Kathedrale bewusst: In Zukunft will er bei Hertha nicht mehr der Spieler sein, der als Joker in der Schlussphase in die Partie kommt. Dass er im zweiten Test gegen UD Poblense (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) nicht zum Einsatz kam, ist dahingehend durchaus ein positives Signal. Es spielte die zweite Formation.

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