Gelungenes Debüt von Boris Becker als Talkmaster

Besser als erwartet

Helge Hopp
3 Min

Am Nachmittag bekam der Mann, der nach eigener Einschätzung erstmal bloß "Qualifikant" im Gewerbe der TV-Talkmaster sein will, noch ein bißchen Gratis-Nachhilfe. Da war Boris Becker (produziert von Friedrich Küppersbusch) zu Gast bei Sandra Maischberger (produziert von Friedrich Küppersbusch). Die interne Trainingseinheit nutzte der lockere und (wie von Friedrich Küppersbusch angekündigt) erfreulich selbstironische Ex-Held zum Aufwärmen.Er parierte die zwischen mädchenhaftem Kichern versteckten Finten der erfahrenen Kollegin, absolvierte den fingierten Rollenwechsel ("Heute zu Gast: Sandra Maischberger") ohne Äh-Gestotter, maulte nur kurz über die fiese deutsche Neidgesellschaft, befand im Vergleich zur Kollegin Graf, er stünde "für das Undeutsche"und ließ auch den Medienprofi schon mal raushängen: "Wenn ich auf den ,Bild'-Titel will, weiß ich, was ich zu sagen habe."Na, dann ist ja alles ganz gut, dachte man, vernahm noch des Debütanten Plan für die eigene abendliche Premiere - "Bei mir muss es mindestens ein Unentschieden geben, im Idealfall gewinnt der Gast"- und freute sich, dass es vielleicht doch gar nicht so übel werden könnte, wenn der Mann seinen Gästen vielleicht gar nicht so dumme Fragen stellt. Fünf Stunden später war es dann tatsächlich gar nicht so übel. Becker vermied weitgehend die Eitelkeiten der Kollegen, machte einen gut vorbereiteten Eindruck und verwickelte den Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld in ein recht abwechslungsreichs Geplauder. Klug erwies sich die Gesprächstaktik, eben nicht über Werder Bremen, Michael Ballack und ähnliche Tagesaktualitäten zu reden, sondern den Menschen Hitzfeld mittels seiner (freilich auch gut dokumentierten) Kindheit und Jugend zu entschlüsseln. Becker arbeitete nicht besonders einfallsreich, aber doch mit erkennbarem Interesse das ab, was die Biografie seines Gastes hergab, ließ den ehemaligen Lörracher Buben erzählen von den alltäglichen Stockschlägen, die damals noch als probates Erziehungsmittel galten, von der Flucht ins Internat, vom entsetzlichen Heimweh, das der Junge dort empfand, der "schon bei der Taufe zum Fußballer verurteilt wurde". Dass da ein bei allem beruflichem Erfolg ein bedauernswerter Mensch sitzt, dem früh und gründlich eingebläut worden ist, sich bloß nichts anmerken zu lassen, gefangen in der Disziplin, wurde so deutlicher als bei jeder forschen Analyse, zu der sich bei solchem Anlass ein Beckmann oder Kerner verstiegen hätten. Es wäre nun kein echter Becker-Auftritt gewesen ohne eine zauberhafte Stilblüte: "Sie hatten einen Darmdurchbruch in Ihrer Zeit bei Borussia Dortmund, also das ging schon an die Nieren" - aber wie er diesen Fauxpas prompt und lächelnd eingestand, war schon wieder charmant. Trotz einiger Punktabzüge wegen des dekorativen Irrsinns, mit dem Farben und Materialien im Studio durcheinander geworfen waren, ist folgender Zwischenstand zu konstatieren: Der Gast gewann an Profil. Also geht der erste Satz an Becker.------------------------------"Sie hatten einen Darmdurchbruch in Ihrer Zeit bei Borussia Dortmund, also das ging schon an die Nieren."Boris Becker------------------------------Foto: Abwechslungsreiches Geplauder: Boris Becker arbeitete mit erkennbarem Interesse die Biografie von Bayern-Trainer Hitzfeld ab.

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