Berlin - Kreuzbergs Multi-Kulti-Image, das Bewusstsein vom Anders- und Besonders-Sein innerhalb der Spree-Metropole – das wird seit gut 30 Jahren kultiviert und manchmal bis zur Erstarrung gepflegt. Doch spätestens seit der unbefriedigenden Debatte um die Ansiedlung des „BMW Guggenheim Lab“ ist der Mythos in Gefahr. Droht Kreuzberg, einst zweite Heimat der Migranten und Spielwiese der Alternativen, unlängst zum viertteuersten Bezirk der Hauptstadt aufgestiegen, tatsächlich die totale Gentrifizierung?
Als eine Faustformel der Gentrifizierung gilt die Relation von Spielhallen zu Bioläden: Überwiegen letztere, hat die Aufwertung stattgefunden, falls erstere in der Mehrheit sind, dann scheint das Quartier von einer Abwärtsspirale bedroht. Nun besagt der Augenschein für Kreuzberg indes ein recht ausgeglichenes Verhältnis.
Wobei Kreuzberg ja nie durch Ausgeglichenheit glänzte – ein Mikrokosmos, der weit mehr umfasst als die Spanne zwischen heimeligem Chamissoplatz, melancholischer Otto-Suhr-Siedlung und überweidetem Görlitzer Park. Als der Bezirk 1920 als Verwaltungskonstrukt gegründet wurde, hatte er rund 300.000 Einwohner (doppelt so viele wie heute), die ausgesprochen dicht aufeinander lebten, und das prägten, was man heute „Kreuzberger Mischung“ nennt: Wohnen, Arbeiten, Handel, Vergnügen, Verkehr auf engstem Raum, in unmittelbarer Nachbarschaft.
Sichtbar geteilt in Nord und Süd durch die Hochbahn-Linie, erweist sich die Trennung in Ost und West als die fundamentalere: in das eher bürgerliche Kreuzberg 61 und das eher proletarische Kreuzberg 36. Bis heute verfügt der Bezirk nicht über ein erkennbares Zentrum.
Wohl aber über eine ausgeprägte Zuschreibung: In den Achtzigerjahren blühte hier im Schatten der Mauer jenes Westberliner Kulturbiotop, das Kreuzberg zu seinem Mythos verhalf. SO 36 war das „Ausmusterländle“ der bundesdeutschen Wehrdienstverweigerer, Synonym für ein linksalternatives Wohn- und autonomes Hausbesetzeridyll, zudem ein multikultureller Vorzeige-Kiez.
Dass da heute vieles im Umbruch ist, hat freilich, im urbanistischen Sinne, etwas Unverfälschtes und Überzeitliches. Fraglos wird zwar an einzelnen Ecken das kulturelle Kapital der Pioniere in Wirtschaftskapital umgewandelt. Man darf zu Recht auch von der „Lattemacchiatisierung“ manch einst verkommener Straße sprechen. Es rechtfertigt aber nicht die derzeitige, wortgewaltige Hysterie.
Denn die Aktivitäten von „Immobilienhaien“ mögen partiell zwar erfolgreich sein; das heißt aber noch lange nicht, dass der Kiez umcodiert wird. Über viele Monate hinweg manifestierte sich vor einigen Jahren etwa der Protest gegen den Ausbau des „Fichtebunkers“ in der gleichnamigen Straße.
Genützt hat es wenig: Die auf dessen Dach kreisförmig angeordneten, reihenhausartigen Luxuswohnungen mit Preisen um 700.000 Euro fanden tatsächlich allesamt einen Käufer. Freilich scheinen sich, im Nachhinein, auch die Blessuren für das Quartier in Grenzen zu halten.
Und als in der Reichenberger Straße – jener etwas vergessenen Achse, von Immobilienmaklern schon mal vollmundig als „Kiezboulevard“ apostrophiert – das Carloft-Konzept des Architekten Manfred Dick umgesetzt wurde, war die Aufregung ebenfalls groß. Die insgesamt elf Wohneinheiten in dem fünfstöckigen Betonbau sind 224 bis 540 Quadratmetern groß; ihre besondere Attraktivität liegt in der nach Meinung ihres Urhebers patentierungswürdigen Idee, anhand eines speziellen Aufzugs die Nobelkarossen der Hausbewohner unmittelbar vor der Tür zu parken. So können sie ihr mobiles Statussymbol jederzeit durch eine riesige Glasscheibe bewundern.
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