Der Mann, der das "ß" gerettet hat, rennt pausenlos zum Telefon. Das ganze Wochenende klingelt es, denn überall aus Deutschland rufen Menschen bei Gernot Holstein an, um ihm zu gratulieren. Am Freitag hat das Verwaltungsgericht seiner Klage gegen die Rechtschreibreform stattgegeben. Wird das Urteil rechtskräftig, behält das "daß" sein "ß", und Holsteins Kinder könnten das "Du" im Brief an die Oma weiterhin großschreiben.Holstein kann noch gar nicht fassen, wieviel Begeisterung sich über ihn ausgießt: Lehrer- und Sekretärinnen-Initiativen loben ihn per Telefon, die Kioskfrau klopft ihm auf die Schulter, die Verkäuferinnen im Supermarkt schütteln ihm die Hand. Noch etwas müde von der Siegesfeier der vergangenen Nacht sitzt er am Sonnabend auf dem dunkelbraunen Ledersofa im Wohnzimmer und schlägt im Gesetzbuch nach, wie lange Schulsenatorin Ingrid Stahmer Zeit hat, die angekündigte Revision einzureichen. "Vier Wochen nach Zustellung des schriftlichen Urteils, aber wie die das begründen wollen? Keine Ahnung."Scheitert Stahmer, wird Gernot Holstein tatsächlich der Mann sein, der die Rechtschreibreform in Deutschland vom Tisch gefegt hat. Über 20 Jahre haben Germanisten um sie gerungen. Setzt er sich durch, wird sein Name so schnell nicht in Vergessenheit geraten. Holstein könnte ein bißchen Ruhm gebrauchen, denn er ist 40 Jahre alt und will jetzt noch Anwalt werden. Bis er 33 Jahre alt war, hat er von der Musik gelebt. "Mehr oder weniger, denn so richtig gelingt das ja nur wenigen", fügt der schmale Mann mit dem jungenhaften Gesicht hinzu. Musik ist sein Hobby, weshalb im Wohnzimmer, statt einer Bücher-, eine Regalwand mit Schallplatten und CD·s steht. Hinter dem Sofa hängen Familienfotos, mittendrin ein gitarrespielender Gernot Holstein. Rockstar zu sein davon hat er lange geträumt, aber dann wurde ihm der Krach aus den Boxen zuviel. 1990, nachdem er auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht hatte, ist er ins Rechtsstudium eingestiegen. Das Budget der Familie ist entsprechend klein, die Spandauer Hinterhof-Wohnung der sechsköpfigen Familie ist eng.Eigentlich war es ein unerhörter Luxus, das Examen noch ein Jahr aufzuschieben, um die Reform zu stoppen. Aber er wollte unbedingt verhindern, daß seine Kinder durch "unsinnige, unlogische Regeln verwirrt" werden. "Seit Monaten wird bei uns nur darüber geredet", sagt Sabine Holstein, die gemeinsam mit ihrem Mann geklagt hat. Hätte der Jenaer Jura-Professor Rolf Gröschner die Holsteins nicht kostenlos vertreten, wäre der Prozeß gar nicht möglich gewesen, und die vier Kinder Randolf (9), Sigurd (7), Ulrike (5) und Armin (3) müßten vielleicht wirklich bald Ketchup mit "sch" und Restaurant mit "o" in der Mitte schreiben. Und weil Frau Stahmer trotz des Urteils vom Freitag die Reform in Berlin nicht aussetzt, wollen die Holsteins jetzt nochmal vor Gericht gehen. Im Eilverfahren sollen die Richter die Senatorin zwingen, das "ß" in Haß, Naß oder Faß zu respektieren.
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