Geschäftsführung gibt schlechte Zahlungsmoral als Grund an / 300 000 Mark Außenstände

Luckenwalde: Auch die letzte Hutfabrik gibt auf

Jörg Strehmann
4 Min

Rico Hirsemann nagelt ein Stück Filz auf einen Holzrahmen. Dann erhitzt er es über Wasserdampf und drückt eine kopfförmige Holzform hinein. Er löst den Filz wieder vom Holzrahmen und legt ihn in einen Ofen, wo er bei 1 800 Grad Celsius getrocknet wird. Rico Hirsemann ist Hutmacher und fertigt gerade einen Stumpen, aus dem durch die Arbeit einer Näherin ein Preußischer Dreispitz werden wird. Rico Hirsemann lacht bei der Arbeit. "Dabei haben wir hier eigentlich nichts mehr zu lachen", sagt er. Denn sein Arbeitsplatz ist die Hutfabrik Schröder & Co. in Luckenwalde. Und hier wird eigentlich seit zwei Wochen schon nicht mehr produziert.Die letzte Hutfabrik in der einstigen Hutmacherstadt Luckenwalde gibt endgültig auf, am 1. April wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Die Belegschaft erhält bereits seit Januar Konkursausfallgeld statt Lohn, und die Hüte, die Rico Hirsemann noch fertigt, sind nur noch Restaufträge. "Wir sind an der schlechten Zahlungsmoral unserer Kunden gescheitert", sagt Geschaftsführer Olaf Schröder. "300 000 Mark Außenstände waren einfach nicht mehr zu überbrükken." Schröders Kunden waren vor allem kleine Einzelhandelsgeschäfte. Lukrative Verträge mit Handelsketten oder Kaufhäusern bekam er gar nicht erst. Zudem sei der Absatz in den letzten Jahren rückläufig gewesen. "Obwohl der Markenname Esco noch immer sehr geschätzt wird", sagt Schröder. Esco steht für Schröder und Co. "Die Auflagen waren hart"1992 kauften Olaf Schröder und sein Bruder Axel das Unternehmen, das ihr Vater Heinrich Schröder 1953 gegründet hatte und 1972 verstaatlicht wurde, von der Treuhandanstalt zurück. "Die Auflagen, die uns mit dem Kaufvertrag gemacht wurden, waren hart: Sieben Monate Kündigungsfrist und hohe Abfindungen bei Entlassungen", sagt Schröder. Deshalb habe man es sich einfach nicht leisten können, Personal abzubauen, obwohl das dringend notwendig gewesen wäre. Bis September letzten Jahres hätte die Firma noch 28 der 35 im Jahre 1992 übernommenen Angestellten beschäftigt. Fünf von den sieben, die den Betrieb bis dahin verließen, seien altersbedingt ausgeschieden. Erst vor vier Monaten habe das Unternehmen mit Zustimmung des Betriebsrates zwölf Mitarbeiter entlassen. Die Gewerkschaft habe jedoch keine Abstriche bei den Abfindungen hinnehmen wollen.Das bestätigt der Betriebsratsvorsitzende Helmut Wittmann. Eine Näherin habe bei guter Auftragslage ungefähr 1000 bis 1100 Mark netto im Monat verdient, bei rückläufigen Bestellungen seien es manchmal auch nur 900 Mark gewesen. "Da kann man nichts ansparen für den Fall eines möglichen Jobverlustes.", sagt Wittmann. In den letzten vier Jahren habe es keine Tariferhöhungen gegeben. Die Menschen, die zum Teil schon seit 30 Jahren im Betrieb arbeiteten, hätten bei einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent in Luckenwalde nur geringe Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz.Ursprüngliche Hoffnungen, das Unternehmen eventuell nach einem Konkurs neu gründen zu können, hätten sich als unrealistisch erwiesen, sagt Schröder. Da man auf eine Kontinuität in den Geschäftsbeziehungen und die eingeführte Marke "Esco" angewiesen wäre, würde auch der Schuldenberg bestehen bleiben. "Wir werden aber alles tun, um diesen Berg abzutragen", sagt Schröder. Der Verkauf im fabrikeigenen Laden gehe weiter, bis das Lager geräumt sei.100 000 Hüte im LagerDerzeit ist es noch gut gefüllt. In langen Reihen hölzerner Regale liegen über 100 000 Hüte vom eleganten roten Damenhut mit Zierband bis zum Basecap. Der große Vorrat sei notwendig gewesen, da man nur so auch bei kleinen Bestellungen von Fachgeschäften schnell habe liefern können. Allein die für 1999 noch entworfene Kollektion umfasse zirka 400 Modelle, die jeweils in verschiedenen Größen lieferbar sein müßten. Die Hutfabrik Schröder fertigte jedoch bis zum Schluß auch kleine Serien auf Kundenwunsch. "Bei solchen hatten wir sieben bis zehn Tage Lieferzeit. Dieses schnelle Reagieren war eine unserer Stärken", so Schröder. Esco-Hüte kosten im Einzelhandel zwischen zwölf und 100 Mark.Hüte aus Luckenwalde wird es nicht mehr geben. Nur ein Baudenkmal wird an die lange Tradition des Hutmacherstadt erinnern: Das Gebäude einer der Hutfabriken steht unter Denkmalschutz.

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