Geschichte – was ist das? Das sind die Geschichten, die wir erleben, und es sind die Geschichten, die wir uns erzählen. „Wo Es war, soll Ich werden“, erklärte Sigmund Freud 1933. Das ist der Gang der Vernunft in der Geschichte, der Prozess der Bewusstwerdung. Es gibt aber auch die umgekehrte Entwicklung. Die gehört ebenso zur Geschichte. Etwas, das wir mühsam gelernt haben – das Gehen zum Beispiel – wird aufgenommen von unserem Körpergedächtnis, und wir müssen nicht mehr darüber nachdenken, wie wir die Schritte setzen und mit ihnen den Schwerpunkt unseres Körpers verlegen, um nicht umzufallen.
So dauert es eine Weile, bis wir verstanden haben, dass es zum Beispiel beim Tennis nicht darum geht, den Ball zu erreichen. Es hängt alles davon ab, dass wir es richtig tun. Wir müssen ein wenig seitlich hinter ihm stehen, wenn wir ihn kontrolliert und mit aller Kraft retournieren wollen. Noch länger dauert es, bis unser Körper sich automatisch so bewegt, dass er immer aus dieser Position schlägt. Das gilt für unser Fitnesstraining. Die Evolution, das haben wir gelernt, ist nichts anderes als ein Fitnesstraining: „Survival of the fittest“ ist ihre Devise.
Es gibt mehr Geschichte als nur die der Menschheit
Unsere Geschichtsbücher freilich erzählen andere Geschichten. Es sind Geschichten von Akteuren, die Absichten verfolgen gegen andere Akteure, die andere Absichten verfolgen. Die Welt, in der wir leben, ist aber die Resultante verschiedenster Variablen. Die bewussten Absichten sind nur einige der Faktoren. Als ein paar Hundert Spanier in Peru und Mexiko gegen Hunderttausende siegreich blieben, da lag das nicht nur an der überlegenen Waffentechnik, an dem Irrglauben der Indios, die die Spanier für Götter hielten. Es lag – so nehmen einige Historiker an – auch daran, dass die Spanier Verbündete hatten, von denen sie nichts wussten.
Wo immer Menschen einander begegnen, begegnen sich auch Milliarden unserer Mitbewohner. Die unsere Zellen bevölkernden Bakterien und Viren interagieren mit den Fremden wie wir. Mal bekommen die Europäer Pest und Syphilis übertragen, und mal durchschlagen die europäischen Mitesser die Immunsysteme der anderen. Im Krieg geht es darum, die Panzerung des Gegners mit den eigenen Angriffswaffen zu zerschlagen, und darum, die gegnerischen Angriffswaffen an der eigenen Panzerung scheitern zu lassen. Das gilt nicht nur für Ritter und Jedi. Das gilt auch für die menschlichen Körper. Und natürlich auch für die sie tragenden oder nährenden tierischen Körper. Für Pferde, Schafe und Rinder zum Beispiel.
Die herkömmliche Geschichtsschreibung beschränkte sich bei ihren Versuchen, den Gang der Geschichte zu erklären, weitgehend auf die bewussten Handlungen der Menschen – auf Politik also. Allenfalls kam noch „die unsichtbare Hand des Marktes“ ins Spiel. In Wahrheit aber arbeiten am Zustand der Welt Milliarden und Abermilliarden unsichtbarer Hände. Selbst wenn wir sagen können, zum Beispiel die Tagung der G7-Chefs in Schloss Elmau sei bis ins kleinste Detail geplant, so wissen wir doch, dass nicht nur ein Meteoritenhagel, sondern schon ein überreiztes Nervensystem eines der Teilnehmer oder ein Amokläufer unter den Demonstranten oder umgekehrt, das Ganze zu einer Katastrophe werden lassen kann. Die Welt, wie sie ist, ist nicht nur ein Produkt dessen, was passiert, sondern mehr noch dessen, was alles nicht passiert.
Das Universum hat eine Geschichte
Es gibt Geschichtsbücher, die erzählen uns die Geschichte der Welt vom Urknall bis heute oder die des Lebens von der Mikrobe bis zum Homo sapiens. Was bei diesen Geschichten oft vergessen wird: Auch diese Vergangenheiten sind nicht vergangen. Man lässt nicht die Welt der explodierenden Vulkane hinter sich und macht es sich auf dem von ihnen erzeugten Plateau der neuen Erdkruste gemütlich. Unter einem brodelt es weiter. Nach dem Vulkanausbruch ist vor dem Vulkanausbruch. Wie der homo sapiens sich nach einer Eiszeit über – fast – den ganzen Globus verbreitete, so wird er in der nächsten Eiszeit – ein Klimawandel, der völlig unabhängig von den Anstrengungen dieser Spezies eintreten wird – wohl wieder verschwinden. Wir sind embedded. Wir leben in ökologischen Nischen, in die wir uns eingepasst haben.
Wir können ein paar Grad Erwärmung oder Verkühlung womöglich ertragen, aber wir werden neue Kataklysmen – und seien sie auch nur auf diesen kleinen Planeten oder gar nur auf unsere Darmflora beschränkt – nicht überleben. Es gab eine Zeit, da lebte die Menschheit in dem Wahn der Ewigkeit des Jetzt. Das Universum aber hat eine Geschichte. Diese Geschichte endet nicht im Heute. Sie geht weiter. Mit uns, durch uns hindurch. Geschichte ist nicht eine Erzählung, deren unüberbietbarer Höhepunkt die Gegenwart ist. Wenn wir Geschichte ernst nehmen, sprechen wir davon, dass nichts immer so war, wie es ist, dass nichts so bleibt, wie es ist. In Milliarden Interaktionen. Das schon in jedem unserer Gehirne, das aber auch im Universum.
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Die Geschichte der Menschheit kann nicht ausschließlich als eine Geschichte der Menschheit begriffen werden. Jedes unserer Körperteile, jeder Baustein, aus denen wir zusammengesetzt sind, reicht weit hinter die Menschheitsgeschichte zurück. Auch unser Sozialverhalten ist älter als wir. Nicht nur älter als wir heutigen Menschen, sondern oft älter als die Menschheit selber. Wir waren uns zu lange unserer zu sicher, um uns wirklich zu erforschen. Wir betrachteten uns, der Genesiserzählung folgend, als geschlossene Einheiten. In Wahrheit sind wir keine Geschöpfe, sondern Produkte eines Prozesses, in dem Altes zerschlagen wird, und daraus immer neue Gestalten entstehen.
Als ich einem Genetiker einmal sagte, Kunsthistoriker nennten die Bruchstücke, die aus alten Bauten in neue eingebaut würden, Spolien, da grinste er und sagte: „In der Genetik kennen wir nur Spolien.“ Das ist der historische Blick. Wir mögen ihn nicht. Er zerlegt uns. Die hübschen Identitäten, in denen wir uns gegeneinander eingeigelt haben als Individuen, Dorfgemeinschaften, Stämme, Nationen, werden zerbröseln, wann immer man genauer hinsieht. Sie stellen sich als Konstrukte heraus. Meist eine Mischung aus Zufallsprodukt und bewusster Herstellung. Wenn nicht in der Wirklichkeit, so doch in der Erzählung über sie.
Wir haben noch zu wenig erforscht
Die Erzählungen wirken ein auf die Geschichte und umgekehrt. Als die Bundesrepublikaner auf dem langen Weg nach Westen endlich darauf hoffen konnten, keine Deutschen mehr, sondern endlich Europäer geworden zu sein, da kam die Wiedervereinigung und aus Bundesrepublik und DDR wurde wieder Deutschland. Ein europäisch domestiziertes, ein unter Aufsicht der USA (NSA) stehendes Deutschland, aber eben doch ein Gutstück des alten großen Brockens im Zentrum Europas. Diese Masse entwickelt Gravitationskräfte, denen die Politik Rechnung tragen muss. Sich ihnen nur entgegenstellen – „Nie wieder Deutschland“ – ist ein vielleicht sympathischer Abwehrzauber, aber mit Magie ist nichts zu erreichen.
Geschichte ist immer auch Globalgeschichte. In der Nähe von Canterbury hat man eine vier- bis sechstausend Jahre alte Jade-Axt gefunden. Inzwischen kennt man den Steinbruch, aus dem die Jade stammt. Er liegt in den italienischen Alpen. Alle heute lebenden Menschen sind die Nachkommen einer kleinen Gruppe, die aus Afrika kam. Manchmal haben die Verwandten Jahrhunderte nichts mit einander zu tun, dann wieder gibt es lebhaften Austausch. Wovon hängt das eine, wovon das andere ab? Wir wissen es nicht.
Wir haben zu wenig erforscht. Nicht nur die Geschichte der Interaktionen zwischen den Kulturen. Kannte Nagarjuna, ein buddhistischer Philosoph, der wohl um 200 u. Z. im Südosten des indischen Subkontinents lebte, die Kategorien des Aristoteles? Welchen Einfluss hatte die, sagen wir mal, islamische Wissenschaft auf die Herausbildung der europäischen Renaissance? Darüber rätseln wir. In Wahrheit aber wissen wir noch nicht einmal, wie die Subsysteme einer Gesellschaft aufeinander reagieren. Wie hängen Gefängnis und Demokratie zusammen? Heute sind 706 von 100.000 Einwohnern der USA im Gefängnis. In Slowenien sind es 65. Hat das etwas mit der Größe der Staaten zu tun? Mit der Heterogenität der Einwohner? Auf jeden inhaftierten Weißen entfallen in den USA 2,5 Hispanos und 5,8 Afroamerikaner.
Hat es etwas mit der Emanzipation der Frau zu tun, dass in den vergangenen zehn Jahren in den USA die Inhaftierungsquote von Frauen um 646 Prozent gestiegen ist? Wie viel Prozent seiner Bürger darf ein Staat ins Gefängnis bringen, bis er aufhört, eine Demokratie zu sein? Wie viel in die Armut? Unter welchen Bedingungen sind Fremde eine Bereicherung für ein Land, und unter welchen eine Last?
Ein Warenlager, das sich aus der Fantasie bedient
Das ist nicht umfassend untersucht worden. Es gibt keine interkulturellen Vergleiche, die uns helfen würden, solche Fragen zu beantworten. In den vergangenen 40 Jahren hat kein soziologisches Seminar, kein Historiker systematisch die Rolle der Inder in Uganda vor Idi Amins Massaker (1972) mit der der Juden in Deutschland verglichen. Historiker behaupten gerne, irgendetwas sei unvergleichbar mit etwas anderem. Das Unwiederholbare betrachten sie als ihr Terrain. Dabei wiederholt sich immer wieder dasselbe.
Geschichte ist auch ein Warenlager, aus dem sich nicht nur die Evolution bedient, sondern auch unsere Fantasie. Wir wissen inzwischen, dass die Väter der US-Verfassung nicht nur Montesquieu und die Griechen gelesen, sondern sich auch bei den Irokesen umgeschaut hatten, um in Erfahrung zu bringen, wie Demokratien funktionieren.
Wir kämen einen gewaltigen Schritt weiter, wenn wir statt in Identitäten in Funktionen denken würden. Es ginge dann nicht mehr um die Verteidigung des einen oder des anderen Status quo, sondern um den zur Erreichung bestimmter Ziele erforderlichen Umbau. Die Gleichberechtigung der Frau ist, was die Wahlberechtigung angeht, nicht einmal einhundert Jahre alt.
Das lesen wir in fast jedem Geschichtsbuch. So wie wir aber die herkömmlichen Pfade verlassen, erfahren wir zum Beispiel von „Frauenbünden der Indianer Nordmerikas“ und schon sieht eine Geschichte der Geschlechterbeziehungen ganz anders aus. Nicht nur als Rückblick auf die Vergangenheit. Es eröffnen sich auch ganz andere Zukünfte. Die Geschichte, aus der wir kommen, ist Welten größer, als die, aus der wir uns einbilden zu kommen. Darum gibt es auch viel mehr Zukunft, als wir sehen, solange wir nur gebannt auf den engen Bau der zur Tradition versteinerten Geschichte blicken.
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