Eigentlich hatte man nicht viel erwartet. Zu enttäuschend das letzte Gastspiel von Alain Platel im Haus der Berliner Festspiele vor einem Jahr, bei dem man den Eindruck gewann, dass der belgische Choreograf aus einer immer schwächer werdenden Wiederholungsschleife nicht herauskommt, dass er sein eigenes großartiges Werk der Wiederverwertbarkeit preisgibt. Zu durchmischt auch die Kritiken nach der Uraufführung von Platels Mahler-Projekt „nicht schlafen“ bei der Ruhrtriennale im Herbst.
Aber was auch immer im vergangenen Herbst gewesen sein mag, was die acht Tänzer und die eine Tänzerin von les ballets C de la B jetzt im Haus der Berliner Festspiele anrichten, ist nicht weniger als ein Inferno. Gustav Mahlers irrer Musik schleudert Alain Platel ein nicht minder irres Stück entgegen. Eines, in dem zum Beispiel so etwas wie eine geordnete Choreografie kaum mehr existiert. In der jeder Tänzer auf sich selbst selbst gestellt ist und herausfinden muss, wie er sich zu dieser Musik, zu der Situation auf der Bühne verhält. In dem überhaupt ein sehr eigenwilliges, merkwürdiges Ensemble auf der Bühne steht. Dass Tanzensembles international besetzt sind, ist selbstverständlich im globalisierten Kunstmarkt. Aber hier hat man es mit Akteuren zu tun, die tatsächlich wirken, als ob sie aus verschiedenen Welten kommen- und das nicht nur, weil einer eine muslimische Takke auf dem Kopf hat.
Patel hat Philipp Blooms Geschichtsklassiker „Der taumelnde Kontinent“ – in dem Bloom von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen rasend schnellen Veränderungen erzählt – zum Ausgangspunkt seiner Mahler-Auseinandersetzung genommen. Im Hintergrund türmen sich auf der Bühne drei ausgestopfte Pferdeleichen, die Beine gespreizt, die Köpfe wild verdreht. Geschundene Kreaturen, Metaphern des Todes, des Untergangs. Abfall der Geschichte, genauso wie die zerlöcherten Vorhänge, die in Berlinde de Bruyckeres Bühnenbild den Raum begrenzen. Nur die Tänzer erscheinen noch in halbwegs heiler Kleidung auf der Bühne, bis sie übereinander herfallen und sich in nicht endender Wut treten, schubsen und gegenseitig die Kleider vom Körper reißen. Bis Hemden und Jeans in Fetzen auf den Boden liegen und Mahlers berühmtes Adagietto aus der fünften Sinfonie erklingt und die Tänzer sich zueinander stellen und ins Publikum winken als säßen sie auf dem Dampfschiff des „Tods von Venedig“.
Aber, haha, das ist nur ein kurzer Spaß am Rande. Irgendwann werden die Köpfe der Pferde mit Sackleinen bedeckt sein. Ein einzelner Tänzer kauert auf den Pferdeleibern und vorne an der Rampe rennen zwei gegeneinander an als gelte wirklich die Spielregel Fleisch gegen Fleisch. Aus dem Off klingt ein Schnauben wie von einem kranken Pferd. Wer verlieren wird, steht von Anfang an fest. Die anderen stehen still und schauen zu. Bis einer reglos am Boden liegt. Bis es Zeit ist, die Arme zu Mahlerklängen anmutig ins Port de bras zu heben und sich an einer Arabesque zu versuchen. Auf eine Weise, die die Härte der Disziplinierung, die diese Anmut gekostet hat, höhnisch mitzitiert. Nur einmal kommt so etwas wie Leichtigkeit auf, zu einem von den beiden kongolesischen Tänzern Boule Mpanya und Russell Tshiebua initiierten Tanz.
Bei Philipp Bloom beginnt das Kapitel zum Jahr 1904 mit den Grausamkeiten der belgischen Kolonialisatoren im Kongo. An diesem Abend bringt ein kongolesischer Kriegstanz einen Moment von Ruhe, von Frieden. Alain Platels Thema waren schon immer die sozialen Härten des Lebens mit allen Niederungen, Peinlichkeiten, Blößen. Aber bislang war er der Welt mit Mitgefühl und Erbarmen zugewandt. Hier, zum Weltumarmungszyniker Mahler, schlägt Platel böse und harte Töne an, die man so nicht von ihm kannte. Er tut das mit einer großartigen und verstörenden Wucht.
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