Gesichter

Christof Kneer
2 Min

Aus Gründen der Chronistenpflicht hier noch einmal die letzten Tage im Schnelldurchlauf: Alles begann damit, dass der Breitner über den Hitzfeld sprach. Vielleicht sprach auch erst der Rummenigge über den Hitzfeld (oder war s der Beckenbauer?) und wenn wir nicht alles durcheinanderbringen, hat später noch der Lothar Matthäus aus dem Fernseher herausgeschaut und irgendwas über den Hitzfeld verbreitet. Kurz danach (oder kurz davor?) hat auch noch der Kahn über den Hitzfeld geredet und dann die "Bild"-Zeitung über den Kahn. Komischerweise hat der Beckenbauer, welcher ansonsten viel gesagt hat, ausgerechnet in der "Bild" nichts gesagt, hingegen aber der Breitner, was wiederum wurscht ist, weil der überall was sagt. Überhaupt haben eigentlich alle was gesagt zum Trainer des FC Bayern und sie haben schrecklich ernste Gesichter aufgesetzt, und wer den Ton wegdrehte, konnte meinen, man verhandle hier den Irak.Ach herrje, früher ist der Fußball mal ein lustiger Geselle gewesen, und am lustigsten war s immer im DFB-Pokal. Mit diebischem Vergnügen ist der Ball den Geislingens, Eppingens und Vestenbergsgreuths vor die Füße gekullert, und den Menschen wurde warm ums Herz, wenn ein Großer über ihn stolperte.Heute sieht der Fußball aus wie das Gesicht von Ottmar Hitzfeld. Von charmefreien Debattierzirkeln durchs Land gehetzt, sind beide - der Ball und der Ottmar - gerade dabei, sich selbst zu verlieren. Nur unter Schmerzen wahrt der aufrechte Hitzfeld noch Haltung, und der arme Ball darf nicht mal mehr im Pokal, wie er will. Er kann nicht mehr einfach aus Jux & Dollerei zu Bayerns Pokalgegner Hannover 96 rüberflitzen - Hitzfelds Jäger liegen längst im Anschlag, und sie verstehen keinen Spaß.Nur manchmal ist es noch wie früher, als der Ball noch ein Gesicht hatte wie Peter Neururer. Während der Hitzfeld sich am Wochenende in Bremen leidend auf der Bank verkroch, stand der Pit zeitgleich in Bochum am Spielfeldrand und grinste unter diesem Schnauzer hervor, den nur noch gutsortierte Kostümverleihe führen. Und seine Spieler, die er "Vollfriseure" nennt, stürmten so herrlich anachronistisch drauflos, dass der Hertha Hören und Sehen verging mit ihrem modernen Bedenkenträgerfußball.Im Pokal müssen Neururers Bochumer jetzt zum Drittligisten Holstein Kiel, und man muss den Ball wohl bitten, dass er nicht wie früher zu den Kleinen rüberrollt. Wir könnten es nicht ertragen, wenn hinterher auch noch Neururer ein Hitzfeld-Gesicht machen müsste.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema