„Ich habe sehr viel erfahren über die Schicksale der Sportler. Das hat mich menschlich weitergebracht“, sagt Nimke. „Der Trainingsaufwand war für mich genauso groß wie in den Wochen vor Olympia, vielleicht sogar größer.“ 2013 haben Kruse und Nimke sich bei einem Sportlertreffen kennengelernt, die Basis legte das Projekt „Tandem 2016“, eine Art Partnerbörse des Deutschen Behindertensportverbandes. „Wir müssen beide fünfzig Prozent der Kraft aufbringen“, sagt Nimke. „Wir müssen gemeinsam stark sein und uns blind vertrauen.“ Zwei Personen, ein Rhythmus. Synchronsport auf Rädern.
Das Vertrauen kam über die Jahre, durch Trainingslager, Wettkämpfe, viele Gespräche. Auf dem Tandem sind sich die Fahrer sehr nahe. Auf der hinteren Position berühren die Hände von Kruse fast die Oberschenkel von Nimke. Der Schweriner gibt vorn kurze Kommandos. „Aber inzwischen passiert vieles intuitiv“, sagt Nimke. „Wir spüren, wenn der andere eine Entscheidung trifft.“ Im Zeitfahren über 1 000 Meter hoffen sie nun in Rio auf eine Medaille.
Der Hamburger Kruse ist dreizehn Jahre jünger als Nimke. Mit drei Jahren stieß er mit einem Kind zusammen, erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. Ein Nerv wurde stark verletzt, so dass er einen Teil seiner Sehkraft verlor. Kruse begann mit dem paralympischen Rudern und wurde schnell besser. 2012 verpasste er mit dem Mixed-Vierer in London die Goldmedaille. Er war enttäuscht und begann noch einmal von vorn. Auf dem Tandem.
Blinde oder sehgeschädigte Radfahrer gingen erstmals in den Achtzigerjahren auf die Strecke. Radsport auf der Straße ist seit 1988 paralympisch, auf der Bahn seit 1996. Es gibt Wettbewerbe mit Zweirädern, Dreirädern, Tandems oder handgetriebenen Rollstühlen. Dabei sind Sportler mit Amputationen, Sehbeeinträchtigungen oder Wirbelsäulenschäden. Blinde Athleten gehen mit Partnern ins Rennen, den Piloten.
Das Tandem verdeutlicht die Stellung von Nichtbehinderten für blinde Athleten, doch nur selten schaffen sie es ins Rampenlicht: 2000 in Sydney lief der Kenianer Henry Wanyoike über 5 000 Meter zu Gold. Sein Begleiter Joseph Kibunja konnte nicht mithalten und erlitt einen Schwächeanfall. 2009 stürzte die Biathletin Verena Bentele einen Abhang hinunter und zog sich innere Verletzungen zu. Sie suchte lange nach einem neuen Partner und stand kurz vor dem Karriereende. Mit dem Sportwissenschaftler Thomas Friedrich gewann sie dann in Vancouver 2010 fünf Mal Gold.
Technik, Taktik, Kommunikation. Zwei Jahre könne es dauern, bis ein Duo ein belastbares Vertrauen entwickelt habe, sagt Verena Bentele, die seit 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung ist. Mehrfach musste sie einem Partner alles von neu erklären. Mehrfach machte sie sich für dessen Bezahlung stark; für ihren großen Aufwand werden die Guides und Piloten kaum entlohnt.
Es gibt Ausnahmen: Stefan Nimke hat bei der Sportfördergruppe der Landespolizei in Mecklenburg-Vorpommern ein sicheres Auskommen. Kai Kruse würde gern eine solche Stelle annehmen, etwa als Sportsoldat, doch das lässt seine Behinderung nicht zu. „Wenn wir in Deutschland konkurrenzfähig bleiben wollen“, sagt er, „sollten wir über solche Stellen im öffentlichen Dienst nachdenken.“ Kai Kruse arbeitet als Physiotherapeut in Berlin, zuletzt wegen des hohen Trainingsumfangs nur zwei Tage die Woche. Doch nach den Paralympics muss er das Pensum wieder erhöhen. Um nicht den beruflichen Anschluss zu verlieren.
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