Gestern & Heute

Das alte Monster

Vielleicht gab es eine Sklavenhaltergesellschaft. Ganz sicher aber gibt es das Geschäftsmodell Sklaverei. Nicht nur in exotischen Ländern. Sondern auch in Deutschland.

Arno Widmann
8 Min
Ausländische Bauarbeiter warten in Doha (Katar) auf die Busse, die sie in ihre Unterkünfte bringen.

Ausländische Bauarbeiter warten in Doha (Katar) auf die Busse, die sie in ihre Unterkünfte bringen.

© picture alliance / dpa Lizenz

Es ist leider nicht sicher, dass wir bessere Menschen werden, wenn wir uns in edle Gefühle hineinsteigern. Wir sitzen zum Beispiel im Kino und empfinden Mitleid mit dem in die Sklaverei verschleppten Solomon Northup und entwickeln Hass auf eine Gesellschaft, in der so etwas Menschen angetan wird. „12 Years a Slave“ von Steve McQueen mit Chiwetel Ejiofor und Michael Fassbender, mit Lupita Nyong’o und Brad Pitt erzählt eine Geschichte, die uns daran erinnert, auf wie viel Terror die USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts glaubten noch nicht verzichten zu können. Dabei waren die Vereinigten Staaten damals möglicherweise die demokratischste Gesellschaft der Welt, jedenfalls waren sie das gelobte Land der aus Europa nach den gescheiterten Revolutionen von 1848–1849 fliehenden Revolutionäre.

Wie jede gut erzählte Geschichte ist auch diese eine von uns Besitz ergreifende Droge. Wir werden aufgeputscht. Wir glauben zu spüren, wie Mitleid und Zorn in uns aufsteigen. Wir verlassen das Kino betroffen, ja empört. Hilflos auch. Aber ist es nicht auch eine angenehme Wut, weil es die Wut auf etwas Vergangenes ist? Das Happy End entlastet uns, und noch entlastender ist, dass auch das schon einhundertfünfzig Jahre her ist. Die Sklaverei ist längst abgeschafft. Solche Plantagen wie die, auf denen Solomon Northup zur Arbeit gezwungen wurde, gibt es nicht mehr. Ein klitzekleinwenig mischt sich in unsere Empörung auch die Genugtuung darüber, „wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht“.

Aber der Film lässt uns nicht los. Wir denken daran, dass die größten Sklavencamps der Weltgeschichte erst nach der Abschaffung der Sklaverei entstanden. Das 20. Jahrhundert ist auch darin Rekordhalter. In den NS-Zwangsarbeitslagern schufteten zwischen sieben und elf Millionen Menschen. Im Archipel Gulag wurden von 1920 bis Mitte der 50er-Jahre 18 bis 20 Millionen Menschen zur Arbeit gezwungen. Wie viele von ihnen dabei zugrunde gingen, darüber gibt es sehr unterschiedliche Schätzungen. Der chinesische Archipel Gulag heißt Laogai. Die Laogai Research Foundation schätzt, dass seit 1949 vierzig bis fünfzig Millionen Menschen in den Lagern inhaftiert und zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen von ihnen darin zu Tode gekommen sind. Da jedoch alle die Lager betreffenden Informationen als Staatsgeheimnis behandelt werden, kann niemand die Statistiken verifizieren.

Zwangsausbeute einkalkuliert

In mehr 1000 Gefängnissen, Arbeitslagern und vorgeblichen psychiatrischen Kliniken wurden Dissidenten und Delinquenten ohne rechtsstaatliche Verfahren inhaftiert und zu harter, unentgeltlicher Arbeit gezwungen. Viele dieser Gefängnisse und deren Fabriken sind sogenannte Untervertragsnehmer für chinesische Firmen, die wiederum auch mit dem Westen kooperieren. Laogai ist ein integraler Bestandteil der chinesischen Volkswirtschaft, und die Wirtschaftspolitik kalkuliert den Profit durch die Ausbeutung der Arbeitssklaven fest in das Haushaltsbudget ein. Vergangenes Jahr erklärte die Regierung der Volksrepublik China, sie werde das Zwangsarbeitersystem abschaffen. Wie weit das schon Realität wurde, weiß niemand. Auch nicht die Zentralregierung in Peking.

Der US-Diplomat Richard Holbrooke schrieb 2008 in seinem Vorwort zu E. Benjamin Skinners Buch „Menschenhandel – Sklaverei im 21. Jahrhundert“ (Lübbe-Verlag): „Jeder von uns weiß, was Sklaverei ist. Wir kennen sie aus Schulbüchern, Fernsehdokumentationen und Kinofilmen. Sklaverei ist furchtbar. Sklaverei ist unmenschlich. Und Sklaverei ist Geschichte. Letzteres ist leider ein Irrtum. Die Sklaverei ist heute auf allen fünf Erdteilen verbreitet.“ In den unterschiedlichsten Formen. Jeder Krieg, jeder Bürgerkrieg produziert Sklaven. Jeder Ernteausfall füllt die Kassen der Menschenhändler.

Da sind zum Beispiel die Sri Lanker. Sie wurden und werden von Schleppern nach Deutschland gebracht. Sie werden hier als billige Arbeitskräfte von Kontraktfirmen in Verschlägen gehalten. Mal hierhin, mal dorthin vermittelt. Sie haben keine Arbeitserlaubnis. Die Pässe wurden ihnen abgenommen. Vor Jahren waren sie als Blumenverkäufer unterwegs. Manchmal, wenn ein Kellner die Tür zur Küche – auch eines Luxusrestaurants – zu schwungvoll öffnet, kann man sie dort arbeiten sehen.

Es gibt die Prostituierten aus Osteuropa. Mädchen, Frauen, Kinder und junge Männer. Nur wenige von ihnen sind Individualreisende. Die Mehrzahl wurden eingeschleppt. Das Schleppergewerbe ist eine der weltweit größten Wachstumsbranchen. Weil es integriert ist mit der Nachfrage nach illegaler Arbeit in den großen Industrieländern. Es stimmt, es gibt keine Sklavenhaltergesellschaft mehr. Aber das Geschäftsmodell Sklaverei boomt. Ohne Sklavencamps? Was ist mit den Siedlungen, in denen Wanderarbeiter in China zusammengepfercht leben? Wer die Sklaverei sich denkt als eine Einrichtung, bei der der Sklavenhalter darauf achtet, dass sein sprachbegabtes Arbeitsgerät wenigstens so weit fit bleibt, dass es arbeiten kann, für den haben die genannten Einrichtungen nichts mit Sklaverei zu tun.

Vielleicht aber hängt er idyllischen Vorstellungen von Sklaverei an. Wer den Akzent legt auf Zwangsarbeit, die die Vernichtung durch Arbeit einschließt, der hat einen realistischeren Blick auf die verschiedenen Formen der Sklaverei. Am 10. Mai 1865 erklärte der einstige Sklave und unerschrockene Kämpfer gegen die Sklaverei Frederick Douglass: „Die Sklaverei hat sich zahlreiche Namen zugelegt. Sie wurde als „besondere Einrichtung‘, als ‚soziales System‘ oder als ‚Hindernis‘ beschrieben. Sie wird sich neue Namen zulegen. Sie und ich und wir alle werden abwarten und beobachten, welche neue Form das alte Monster annehmen und in welchen neuen Häuten die alte Schlange zurückkehren wird.“

Ein weises Wort. Viel zitiert, aber selten ernst genommen. Frederick Douglass war übrigens 1872 der Vizepräsidentschaftskandidat von Victoria Woodhull, der ersten Frau, die jemals für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten kandidierte. Es war ein demonstrativer Akt für die Equal Rights Party. Frauen durften damals in den USA nicht einmal wählen, geschweige denn gewählt werden. Das Wahlrecht erhielten sie erst 1920. Drei Jahre nach Aserbaidschan.

1320 Klienten in elf Monaten

In Skinners Buch, das vor allem den Kampf amerikanischer Behördenvertreter gegen den internationalen Menschenhandel schildert, ist zu lesen: „Im Internationalen Flughafen von Miami reisen jedes Jahr rund 10 000 Kinder ohne Begleitung Erwachsener in die Vereinigten Staaten ein. Obwohl ein Drittel davon als Sexsklaven endet, wurden sie vor dem 11. September 2001 und dem Gesetz zum Schutz der Opfer des Menschenhandels kaum überprüft.“ Die Geschichte des letzteren ist ein eindrückliches Beispiel für die menschliche Bereitschaft zur Unmenschlichkeit. Wer alles sich im Kongress und im Senat der USA im 21. Jahrhundert gegen ein solches Gesetz einsetzte, wer sich dann – als es nicht mehr abzuwenden war – stark dafür machte, dass einzig und allein der Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution staatlich verfolgt werden sollte, das schildert Skinner sehr eindrucksvoll.

Die Prostitution spielt tatsächlich ein zentrale Rolle im internationalen Menschenhandel. Lydia Cacho schreibt in ihrem Buch „Sklaverei – Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel“ (S.-Fischer-Verlag): „Jedes Jahr werden weltweit 1,4 Millionen Menschen, überwiegend Frauen und Mädchen in die Sexsklaverei gezwungen. Sie werden gekauft, verkauft und weiterverkauft wie Rohstoffe der Industrie, wie Trophäen, wie Opfergaben oder wie gesellschaftlicher Müll.“ Eine Vorstellung von dem Geld, das in dieser Branche erwirtschaftet wird, kann man sich leicht machen, wenn man erfährt, dass eine vom Medellin-Kartell nach Japan verschleppte Kolumbianerin in elf Monaten 1 320 Klienten hatte.

Amnesty International veröffentlichte im November 2013 einen 153 Seiten umfassenden Bericht über die Lage der Arbeitsimmigranten in Qatar. 94 Prozent aller Arbeiter in Katar sind Immigranten. Es werden immer mehr Arbeiter ins Land geholt. Schließlich müssen für die Fußballweltmeisterschaften 2022 nicht nur Stadien gebaut werden, sondern das arabische Emirat braucht dafür eine völlig neue Infrastruktur. Aus dem Bericht geht hervor, dass zahlreiche Kontraktarbeiter aus Ländern wie Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan, Sri Lanka mittels falscher Versprechungen angeworben wurden.

Manche wurden wieder in die Heimat zurückgeschickt, ohne ihren Lohn oder Teile ihres Lohnes erhalten zu haben. Viele werden unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht. Das betrifft die Wohn- und die Verpflegungssituation. Es geht dabei sowohl um die Arbeiter auf den großen Baustellen als auch auch um Hausangestellte. Arbeitspapiere, Pässe haben die Arbeitgeber. Sie können sie den Immigranten vorenthalten. Werden die dann auf der Straße ohne Papiere aufgegriffen, kommen sie ins Gefängnis, und danach werden sie in ihre Heimatländer zurückgeschickt.

Jeder Angestellte bedarf einer Ausreisegenehmigung durch den Arbeitgeber. Wenn der sie dem Immigranten vorenthält, kann der das Land nicht verlassen. Er kann auch nicht auf die Straße, weil er dann ins Gefängnis kommt. Er ist völlig auf seinen Arbeitgeber angewiesen. Die diese Willkürherrschaft einschränkenden Gesetze gibt es in Katar. Sie werden aber nur in den seltensten Fällen angewandt. Als Amnesty International diesen Bericht veröffentlichte, bestritt die Regierung die von Amnesty beschriebenen Zustände.

Dann wurde die Lage der Arbeiter auf den Baustellen für die Stadien verbessert. Nichts aber wurde getan, um die Arbeitsbedingungen der Arbeiter an den anderen Baustellen in Katar zu verbessern und schon gar nicht wurde die Lage der Hausangestellten verbessert. In Katar arbeiten 1,35 Millionen Immigranten. „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum. Weder in Ketten, gefesselt oder mit Büßerkappe am Kopf.“ (Franz Beckenbauer)

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