Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war ein Schock für das Land. Gideon Levy spricht von einem „Wendepunkt“ für die israelische Gesellschaft. Der Journalist und Mitherausgeber der Tageszeitung Haaretz ist ein prominenter Kritiker der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland und des Kriegskurses von Regierungschef Benjamin Netanjahu. Den Medien und der breiten Öffentlichkeit wirft er vor, die Not der Palästinenser zu ignorieren. Welche Folgen der israelischen Gesellschaft drohen und ob es noch Chancen auf einen Frieden im Nahen Osten gibt, erläutert er im Gespräch mit der Berliner Zeitung.
Herr Levy, ein Jahr ist seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 vergangen, und seitdem ist die Lage in der Region eskaliert: Israel hat den Gazastreifen bombardiert, Bodentruppen in den Libanon geschickt, um gegen die Hisbollah zu kämpfen, und mit dem Iran gibt es gegenseitigen Raketenbeschuss. Die Zahl der zivilen Opfer allein im Gazastreifen geht in die Zehntausende. Wie sieht man das alles in Israel?
Der 7. Oktober war ein schrecklicher Tag, der die israelische Gesellschaft grundlegend verändert hat. Seitdem glauben fast alle Israelis, dass Israel von nun an das Recht hat, zu tun, was es will, und dass die einzige Antwort auf den Angriff der Hamas der uneingeschränkte Einsatz militärischer Gewalt ist. Das Ganze könnte in einer Katastrophe enden, aber das will in Israel niemand hören.
Zur Person
Wie berichten die Medien in Israel über die Ereignisse seit dem 7. Oktober?
Alle etablierten Medien, ob Radio, Fernsehen oder Zeitungen, haben ihre journalistische Arbeit eingestellt, mit Ausnahme von Haaretz. Sie sind alle zu Propagandamedien geworden. Das ist immer der Trend in Kriegszeiten, aber diesmal haben wir einen Tiefpunkt erreicht. Seit einem Jahr bekommen die Israelis über die Medien praktisch nicht mehr mit, was in Gaza passiert. Es wird immer nur über den 7. Oktober berichtet, über die israelischen Soldaten, über die Geiseln. Über das Leiden in Gaza wird nichts berichtet, absolut nichts. Was die israelischen Medien machen, ist meiner Meinung nach fast kriminell. Sie verhalten sich wie russische Medien, die über die Ukraine berichten. Der Unterschied ist: In Russland haben die Medien keine Wahl, in Israel haben sie die Freiheit, zu informieren und zu berichten, was sie wollen.
Warum berichten sie dann nicht anders?
Aus kommerziellen Gründen. Die Israelis wollen nichts anderes sehen als diese Regierungspropaganda, also wird nur das berichtet.
Aber es gibt Kritik an Regierungschef Benjamin Netanjahu in den israelischen Medien.
Natürlich gibt es viel Kritik an Netanjahu, es gibt auch Proteste gegen ihn. Aber dabei geht es um seinen Umgang mit den Geiseln, seine Kriegspolitik wird nicht infrage gestellt. Außer in Haaretz war in keiner israelischen Zeitung auch nur ein kritischer Satz zu lesen, als die Bodenoperation im Libanon begann.
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Warum steht die israelische Gesellschaft so fest hinter diesem Kriegskurs?
Wegen des 7. Oktober. Wie gesagt, dieser Tag war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt. Er hat die Mentalität der Israelis verändert: Wir sind die guten Liberalen und die Palästinenser sind Barbaren, die man bekämpfen muss – das ist die allgegenwärtige Erzählung in Israel seit dem 7. Oktober.
Es gibt also in Israel keine Stimme mehr für den Frieden?
Nein, Frieden steht überhaupt nicht mehr auf der Tagesordnung. Wir sind in Israel an einem Punkt angelangt, an dem es fast unmöglich ist, menschlich zu sein. Wer Mitgefühl mit den Kindern in Gaza zeigt, riskiert, von der Polizei verhört zu werden, seinen Job zu verlieren und vor Gericht zu kommen. Das sind Dinge, die in diesem Land gerade passieren.
Was bedeuten diese Entwicklungen für die israelische Gesellschaft?
Israel ist eine Gesellschaft, die ihre Humanität verloren hat. Wenn man sich nicht um Zehntausende von Kindern kümmert, die von der eigenen Armee getötet werden, dann verliert man einen Teil seiner Werte. Und das ist sehr schwer zu reparieren. Ich glaube sogar, dass der Schaden fast irreversibel ist. Das alles ist nicht nur Netanjahus Schuld. Das ist der Zeitgeist in Israel.
Israelische Streitkräfte bergen die Leichen der Bewohner nach dem Angriff der Hamas auf israelische Ortschaften am 7. Oktober 2023.
© Ilia Yefimovich/dpa
International werden die Stimmen gegen das Vorgehen Israels immer lauter. Ist nicht zu befürchten, dass Israel nach dem Krieg international an Ansehen verliert?
Das ist bereits der Fall, Israel ist für viele Länder bereits ein Pariastaat. Aber für den Westen ist Israel immer noch der Liebling. Für mich ist das eine Doppelmoral: Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine wurden schnell Sanktionen gegen das Land verhängt. Aber solche Maßnahmen gegen Israel zu ergreifen, daran denkt im Westen niemand. Warum nicht?
Aber es gibt westliche Länder, die Israel auffordern, den Krieg zu beenden.
Das sind heuchlerische Forderungen. Nehmen wir zum Beispiel die USA: Washington ruft Israel auf, den Krieg zu beenden, und liefert gleichzeitig alle Waffen der Welt nach Israel. Was soll Israel mit all den amerikanischen Bomben machen? Damit spielen? Die Amerikaner sind lächerlich, und die EU folgt ihnen, wie immer.
Warum?
Weil jeder, der es wagt, Israel zu kritisieren, als Antisemit diffamiert wird. In den Augen Israels sind inzwischen sogar der Internationale Strafgerichtshof oder die Vereinten Nationen antisemitisch. Das ist Wahnsinn.
In Deutschland gibt es eine große Debatte über Antisemitismus und Palästina-Solidarität. Haben Sie diese Debatte verfolgt und wenn ja, was denken Sie darüber?
Natürlich gibt es Antisemitismus, den man bekämpfen muss. Aber ich sehe vor allem, dass Kritik an Israel zum Schweigen gebracht werden soll, indem sie als antisemitisch bezeichnet wird. Das ist eine Strategie der israelischen Propaganda, und es gibt kaum ein anderes Land, in dem das so gut funktioniert wie in Deutschland. Ich glaube, ihr Deutschen müsst euch fragen, ob ihr euch das gefallen lassen wollt, dass hier die Meinungsfreiheit einfach außer Kraft gesetzt wird.
Kommen wir noch einmal auf die Ereignisse vom 7. Oktober zurück. Wie erklären Sie sich, dass es zu diesem brutalen Terroranschlag der Hamas kommen konnte?
Seit Jahren ist Gaza ein Käfig. Was hat man erwartet? Dass sich die Menschen dort in Israel verlieben? Dass sie für immer dort sitzen würden, ohne Rechte, ohne Freiheit, ohne alles? All das ist am 7. Oktober brutal zum Ausdruck gekommen. Rechtfertigt das die Brutalität? Sicher nicht. Aber es war zu erwarten, dass Menschen, die so viele Jahre unter solchen Bedingungen in einem Käfig leben, irgendwann explodieren.
Dennoch schienen die israelischen Behörden von diesem Angriff überrascht.
Das liegt an der israelischen Arroganz. In Israel denkt man: „Wir haben die Mauer. Wir haben die besten Geheimdienste der Welt. Wir haben die besten Waffen und so weiter. Uns kann nichts passieren.“ Das Ergebnis dieser Arroganz haben wir am 7. Oktober gesehen.
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Viele Beobachter fragen sich, was Netanjahu in diesem Krieg erreichen will. Was denken Sie?
Die meisten meiner Freunde glauben, dass er das alles nur macht, um an der Macht zu bleiben. Das spielt sicher eine große Rolle. Aber ich glaube, dass es vor allem um seine Überzeugungen und seine Ideologie geht. Dieser Mann hat nie an Frieden mit den Palästinensern geglaubt, er hat nie an Diplomatie geglaubt. Und jetzt sieht er die Chance gekommen, das Problem ein für allemal mit Gewalt zu lösen.
Ist das eine realistische Option?
Nein, das ist sie nicht, das ist Überheblichkeit. Er macht einfach weiter, und niemand wird ihn aufhalten.
Netanjahu ist nicht zu stoppen?
Nein. Die Amerikaner könnten diesen Krieg in ein paar Tagen beenden, aber sie tun es nicht. Netanjahu nutzt das aus.
Glauben Sie, dass die USA ihre Haltung nach den Wahlen im November ändern könnten?
Es ist jedes Mal dasselbe. Es gibt Leute wie mich, die immer wieder hoffen, dass der nächste US-Präsident eine andere Israel-Politik verfolgen wird. Ich erinnere mich an unsere großen Erwartungen an Barack Obama. Am Ende hat er Israel mehr Waffen geliefert als jeder andere Präsident in der Geschichte. Ich glaube also nicht, dass Kamala Harris oder Donald Trump die Situation grundlegend ändern werden.
Wie sieht Netanjahu die Zukunft im Nahen Osten?
Netanjahu hat sein ganzes Leben lang alles getan, um die Zweistaatenlösung zu zerstören. Das ist ihm nun gelungen. Im Westjordanland leben jetzt 700.000 Siedler, niemand wird sie je wieder evakuieren, das Spiel ist vorbei. Netanjahu versucht jetzt noch, die Hamas und die Hisbollah ganz zu vernichten, vielleicht auch den Iran. Wird ihm das gelingen? Auf keinen Fall. Aber er glaubt, dass er eine Chance hat.
Angesichts der Raketenangriffe des Iran auf Israel sagen manche, Netanjahu habe mit seinem Krieg recht.
Inwiefern hatte Netanjahu recht? Wir könnten jetzt am Rande eines regionalen Krieges stehen, von dem niemand weiß, wie er ausgehen wird. Netanjahu ist dafür verantwortlich, weil er nichts getan hat, um diesen Krieg zu verhindern. Ich sage Ihnen: Kriege haben die Probleme Israels noch nie gelöst, sondern immer nur verschärft.
Haben Sie Angst vor einem großen Krieg in der Region?
Ja, die Gefahr ist groß.
Ist sich die israelische Gesellschaft dieser Gefahr bewusst?
Seit einem Jahr hängt eine schwere Wolke über unseren Köpfen, weil wir nicht wirklich wissen, wohin die Reise geht. Aber dieses Gefühl reicht nicht aus, um eine wirkliche Opposition gegen diesen Krieg zu schaffen. Es reicht nicht aus, damit diejenigen, die jede Woche auf sehr eindrucksvolle Weise protestieren, die Richtung des Protests von einem Protest für die Geiseln zu einem Protest für die sofortige Beendigung des Krieges ändern.
Wie kann der Krieg beendet werden?
Nur durch eine starke Intervention der internationalen Gemeinschaft. Damit meine ich Taten, keine Reden, keine Resolutionen, keine Drohungen, keine Verurteilungen, keine Berater, sondern Taten. Wenn die Welt dem Krieg Einhalt gebieten will, muss sie handeln, muss sie Maßnahmen ergreifen. Ich glaube aber nicht, dass das passieren wird. Die Welt ist dazu nicht bereit. Deshalb muss ich Ihnen sagen, dass ich im Moment nicht weiß, wie der Krieg beendet werden kann. Israel wird in den Libanon einmarschieren, und wir werden nicht wissen, wie wir da wieder herauskommen. Genauso wie Israel jetzt in Gaza ist und nicht weiß, wie es dort weitergehen soll.
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