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Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trieb der Hunger vor allem Frauen auf der Suche nach Nahrung aufs Land, wo sie verzweifelt versuchten, ihre Habseligkeiten bei Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen. Hauptsächlich waren sie es, die sich um die Ernährung ihrer Familie kümmern mussten, denn viele Männer waren im Krieg umgekommen oder noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Doch die allein umherziehenden Frauen waren leichte Beute für Gangster aller Art. Raubüberfälle, Vergewaltigungen und Morde waren an der Tagesordnung. So wurde auch der Schmachtenhagener Forst nördlich von Berlin im sowjetischen Sektor zu einem Hotspot für Verbrechen.
Die Polizei war überfordert, besonders nach ihrer Spaltung Ende Juli 1948. Es gab nun die West-Berliner „Stummpolizei“ und die Ost-Berliner „Markgrafpolizei“. In Berlin gab es vier Sektoren, und schon die Fahrt über die Sektorengrenze ermöglichte es Tätern, zu entkommen, denn folgen durfte ihnen nur die im Sektor jeweils zuständige Polizei. Ermittlungen durch unzuständige Polizisten konnten mitunter zur Verhaftung durch die Kollegen aus dem jeweils anderen Sektor führen. Besonders wenn Täter oder Opfer aus verschiedenen Sektoren kamen, war es daher mehr als kompliziert, Kriminalfälle aufzuklären. Die Zusammenarbeit von „Stumm- und Markgrafpolizei“ waren von der Obrigkeit nicht gern gesehen.
Frauen auf Hamsterfahrt
© Lars Fröhlich/imago
Seit Sommer 1946 musste die Polizei in der Region zwischen Nauen, Oranienburg und Eberswalde 24 Vergewaltigungen und 23 Raubüberfälle registrieren. Die zahlreichen Vergewaltigungen lösten mit der „Aktion Roland“ eine der größten Fahndungsaktionen der Nachkriegszeit aus. Weibliche Polizistinnen machten als Lockvögel in den Wäldern die Runde. Kollegen, die ihnen unauffällig auf Dienstfahrrädern folgten, blieben ihnen auf den Fersen. Die Fahndungsaktion blieb allerdings ohne Erfolg, obwohl man inzwischen über die Identität des Täters Bescheid wusste. Mehrere seiner Vergewaltigungsopfer hatten ihn in der Verbrecherkartei erkannt.
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Als Täter machte die Polizei den 1912 geborenen Willi Kimmritz aus. Er war das 14. Kind einer Arbeiterfamilie und hatte zuletzt als Knecht bei einem Bauern gearbeitet. Seine letzte Meldeadresse in der Oranienburger Straße in Berlin brachte die Polizei allerdings nicht weiter, denn das Haus war nur noch eine ausgebombte Ruine. Schon 1936 war er wegen einer Vergewaltigung in der Nähe von Eberswalde verurteilt worden. Im April 1945 saß er aufgrund eines Einbruchs bei seinem Arbeitgeber im Gefängnis, wurde jedoch beim Herannahen der Roten Armee freigelassen. Er lebte danach in Berlin, zumeist bei „leichten Mädchen“, mit denen er seine Beute auf dem Schwarzmarkt vertickte. Männer, die Geld und Nahrungsmittel heranschafften, waren damals heiß begehrt. Seinen Lebensunterhalt bestritt Kimmritz vor allem durch Einbrüche und Raub. Er bevorzugte Tatorte in der Umgebung von Berlin.
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Zwischen 1946 und 1948 bot er in der Bahn nach Oranienburg Frauen seine Hilfe bei der Suche nach Lebensmittel an. Damit hatte er meist Erfolg: Der Hunger war offenbar größer als die Angst der Frauen, denn die Verbrechen hatten sich inzwischen schon überall herumgesprochen. Kimmritz lockte die Frauen unter dem Vorwand, eine Abkürzung einzuschlagen, in den Wald, raubte sie aus und vergewaltigte dort auch einige seiner Opfer. Brachte Kimmritz während seines Anbahnungsgespräches oder anhand der geraubten Papiere in Erfahrung, wo die Frauen wohnten, fuhr er nach seiner Tat auch noch dorthin, räumte die Wohnung aus und verscherbelte alles, was er finden konnte, auf dem Schwarzmarkt. Sein Steckbrief, der nicht öffentlich ausgehängt werden durfte, um den Täter nicht zu warnen und die Bevölkerung nicht zu verunsichern, kursierte unter den Polizisten und in den Behörden.
Berliner beobachten drei Monate nach Beginn der Berlin-Blockade am 1. April 1948 die Ankunft und den Abflug von Luftbrücken-Frachtern auf dem Flugplatz Tempelhof.
© GRANGER/imago
Zwar arbeiteten Berlins Ost- und Westpolizei in diesem besonderen Fall ausnahmsweise zusammen, aber einfach war das angesichts der Nachkriegsumstände und der Berlin-Blockade nicht. Die Polizisten mussten sich nach der Polizeispaltung im Niemandsland an den Sektorengrenzen treffen, um ihr Wissen und ihre Akten auszutauschen. Logischerweise behinderte und verzögerte auch das die Polizeiarbeit. Allein im Mai 1948 verzeichnete die Polizei im Schmachtenhagener Forst fünf Vergewaltigungen, noch ehe im Juni 1948 dort die erste Tote entdeckt wurde. Das Auffinden von Leichen war in den Nachkriegsjahren fast schon Polizeialltag. Viele Identitäten konnten nie geklärt werden. Die Akte, die den Mord im Juni betraf, wurde daher zunächst mit dem Vermerk „unbekannte Tote“ zur Seite gelegt. Doch das sollte sich bald ändern, denn die Tote war die seit ein paar Tagen vermisste Frieda Imlau aus der Berliner Borsigstraße in der Nähe des Nordbahnhofs.
Ihr 12-jähriger Sohn hatte sie am 16. Juni 1948, fünf Tage nach ihrem Verschwinden, als vermisst gemeldet. Sie war nach den Aussagen des Kindes zusammen mit einem „Onkel Willi“ zum Hamstern gefahren. Dieser „Onkel Willi“ war es auch, der dem 12-Jährigen scheinbar ganz uneigennützig eine Fahrkarte nach Oranienburg besorgte und ihn zum Zug brachte, um der Mutter zu helfen, die erhamsterten Lebensmittel zu tragen. Als der Junge nach erfolgloser Suche ohne Mutter und Nahrungsmittel wieder zu Hause ankam, war die heimische Wohnung durchwühlt und ausgeraubt.
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Wohnungsplünderungen waren damals nichts Ungewöhnliches und wurden von der Polizei kaum zur Kenntnis genommen. Ernsthaft Sorgen machte sich der Junge daher erst nach ein paar Tagen, denn so lange war die Mutter beim Hamstern noch nie weggeblieben. Wie sich später herausstellen sollte, handelte es sich beim netten „Onkel Willi“ um den gesuchten Kimmritz. Er tötete nun anscheinend im Monatstakt: Im Juli 1948 wurde Elfriede Flory aus der Wilmersdorfer Uhlandstraße nur 35 Kilometer von Oranienburg entfernt im Wald tot aufgefunden, am 11. August wurde in einem Waldstück bei Friesack die Leiche der Buchhalterin Elsie Wilhelm aus Berlin-Steglitz entdeckt. Wie auch die anderen Frauen waren sie auf Hamsterfahrt gewesen.
Britische Militärpolizei beim Aufstellen eines Schildes zur Kennzeichnung der Teilung des britischen und des russischen Sektors.
© Photo 12/imago
Die Polizei setzte alles daran, Kimmritz aufzuhalten, aber die Suche endete erst durch eine aufmerksame Zeugin, und zwar genau einen Monat später. Es war Else Bethke, eine Freundin der ermordeten Frieda Imlau. Sie selbst hatte ihren Bekannten, der sich bei ihr als „Max“ zu erkennen gab, ihrer Freundin Frieda vorgestellt. Willi Kimmritz alias „Max“ verabredete sich mit Frieda Imlau zu der Hamstertour, von der diese nie zurückkehren sollte. Angeblich kannte „Max“ eine Menge Bauern in Brandenburg.
Am 11. September 1948 wurde Kimmritz von Bethke im Berliner Café Reichert am Gesundbrunnen wiedererkannt. Sie war dem Serienmörder, der sich aus dem Staub machen wollte, von dort aus gefolgt und hatte um Hilfe gerufen. Er wurde im Französischen Sektor verhaftet. Bei der nachfolgenden Vernehmung legte er ein erstes Geständnis ab und wurde in den Sowjetischen Sektor ausgeliefert, wo er schließlich 23 Vergewaltigungen, vier Morde und zahlreiche Eigentumsdelikte gestand. Die Morde beging er offenbar, um seine Straftaten zu verdecken.
Da ihn nur 13 Frauen als ihren Vergewaltiger wiedererkannten und Kimmritz eines seiner Mordgeständnisse widerrief, kamen schließlich nur drei Morde und 13 Vergewaltigungen beim Landgericht Potsdam zur Anklage. Aber auch diese Vorwürfe reichten für das Todesurteil vom 18. Februar 1949.
Zwar wurden nach der Berufung durch Kimmritz’ Anwalt die Vergewaltigungsverfahren insgesamt eingestellt, denn die Missbrauchstaten gingen auch nach der Verhaftung weiter – ein weiterer Serienvergewaltiger war gefasst worden. Kimmritz war also nicht der Einzige und auch nicht der Letzte, der in Berlin und im Umland der Stadt sein Unwesen trieb. Drei nachgewiesene Morde konnten aber ein erneutes Todesurteil am 25. November 1949 nicht abwenden. Die eingelegte Revision wurde am 31. Januar 1950 abgelehnt, die Gnadengesuche danach ebenfalls. Am 26. Juli 1950, eine Woche nach Ablehnung seines letzten Gnadengesuchs, wurde Willi Kimmritz in der Haftanstalt Frankfurt (Oder) hingerichtet.
Ernst Reuß ist Autor. 2022 erschien sein Buch „Endzeit und Neubeginn, Berliner Nachkriegsgeschichten“ im Metropol-Verlag.
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