Der Linke-Politiker Gregor Gysi hat nach eigener Aussage die aus der Partei ausgetretene Sahra Wagenknecht im vergangenen Winter beinahe von ihrem Vorhaben abbringen können. „Ich hatte sie ja schon fast so weit, dass sie bleibt! Wir hatten sogar ein Papier verfasst mit gemeinsamen Positionen“, sagte Gysi in einem Interview mit dem Spiegel. Das Papier hätten die beiden Parteivorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan unterstützt, auch wenn es ihnen nicht so richtig gefallen habe. „Sahra Wagenknecht und ich wollten eine gemeinsame Pressekonferenz abhalten“, berichtete Gysi.
Dann jedoch habe Sahra Wagenknecht mit der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer die Kundgebung „Aufstand für Frieden“ organisiert. „Die Linken-Vorsitzenden unterstützten die Demonstration nicht ausreichend. Wagenknecht wollte dann keine Lösung mehr“, sagte Gysi. Dem Aufruf zu der Kundgebung am 25. Februar vor dem Brandenburger Tor, bei der Sahra Wagenknecht unter anderem einen Stopp von Waffenlieferungen an die Ukraine und Friedensverhandlungen mit Russland gefordert hatte, waren viele Tausend Menschen gefolgt.
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Wagenknecht hatte am Montag nach monatelangen Spekulationen ihren Austritt aus der Linken und Pläne für die Gründung einer neuen Partei bekannt gegeben. Zunächst soll der Verein „Bündnis Sahra Wagenknecht“ Spenden dafür sammeln. Die Gründung der Partei ist für Januar vorgesehen. Sie soll nach Wagenknechts Angaben bei der Europawahl im Juni 2024 antreten. Angestrebt wird auch, bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im September ins Rennen zu gehen.
Gysi: Wagenknecht ahnt wohl noch nicht, was auf sie zukommt
Wütend auf Sahra Wagenknecht sei er nicht, sagte Gysi. „Wut hätte ich gespürt, wenn ihr Schritt überraschend gekommen wäre. Aber ich hatte ja Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen.“ Er habe geahnt, was kommen würde. „Mir war klar, dass eine Abspaltung droht, sollte sich Wagenknecht irgendwann von der Partei entfremden“, so Gysi in dem Interview weiter.
Auf die Frage, wer Schuld daran sei, dass es mit der Versöhnung zwischen Wagenknecht und der Linken-Parteispitze nicht klappte, antwortete Gysi: „Es sind diejenigen schuld, die sich abspalten, niemand sonst.“ Wagenknecht und ihre Mitstreiter hätten es aufgegeben, für ihre politischen Ansätze innerhalb der Partei „zu streiten, zu ringen, zu kämpfen“. Er selbst fahre ständig durch das Land, besuche Parteiversammlungen und telefoniere mit Menschen. Er vertrete seine Überzeugungen und kämpfe um Mehrheiten. „Diese Mühe scheute Sahra Wagenknecht immer. Lieber nimmt sie jetzt die Mühe auf sich, eine neue Partei zu gründen. Wobei sie, glaube ich, noch nicht ahnt, was da auf sie zukommt“, so Gysi.
In einem Interview mit der Berliner Zeitung im September hatte Gysi über eine mögliche Abspaltung Wagenknechts und ihrer Mitstreiter von der Linken gesagt: „Wenn sie und ihr Umfeld das tun, ist das unmoralischer Mandatsdiebstahl.“ Einer Wagenknecht-Partei räumte der Linken-Politiker damals nur geringe Chancen ein: „Diejenigen, die zu dieser Gruppe gezählt werden, wollen alles zugleich: Flüchtlingspolitik in der Nähe der AfD, Wirtschaftspolitik wie Ludwig Erhard und Sozialpolitik wie die Linke. Sie wollen die einen Wähler, aber auch die anderen und außerdem noch ein paar mehr. Das kann einmal funktionieren, bei der Europawahl vielleicht. Doch später würden sie scheitern. Man kriegt die einen Wähler wegen der anderen nicht, da gibt es zu viele Widersprüche.“
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